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Proteste gegen den Krieg
Feige Bomben
Von Andreas Spannbauer
Eigentlich müßte die
radikale Linke der Nato und der rot-grünen Bundesregierung fast dankbar
sein. Selten in der jüngeren Geschichte der Bundesrepublik hat eine
Regierung ehrlicher vorgeführt, daß es sich bei Parteipolitik
und Wahlversprechen um ein Theaterstück auf der politischen Bühne
handelt, das je nach Entwicklung zur Komödie oder zur Tragödie
geraten kann. Sechzehn Jahre lang hatten die Hegemonie der Konservativen
und die Versprechen von Rot-Grün bei vielen die Illusion geschürt,
daß, wenn sich erst einmal das gewichtige Hinterteil Helmut Kohls
in die hinteren Reihen des Bundestags verlagere und Klaus Kinkel Joseph
Fischer das Feld räume, zwar nicht alles gut, aber doch manches besser
werden möge.
Nun, knapp ein halbes Jahr nach
dem Amtsantritt Gerhard Schröders, verkörpern die Konservativen
- vergleicht man sie mit ihren Nachfolgern - in der Frage von Krieg und
Frieden beinahe schon die kollektive Vernunft der Berliner Republik. Es
war der Deutschnationale Wolfgang Schäuble, der in der Bundestagsdebatte
darauf hinweisen mußte, daß man das Unvergleichliche nicht
vergleichen könne (gemeint war die Gleichsetzung von Adolf Hitler
und Slobodan Milosevic), während Verteidigungsminister Rudolf Scharping
von serbischen KZ schwadronierte, deren Existenz bis heute nicht nachgewiesen
ist. Und es war der Ex-Verteidigungsminister Volker Rühe, der über
den Abzug der deutschen Truppen aus Mazedonien nachdachte und sich dafür
in der taz an prominenter Stelle Feigheit vor dem Feind vorwerfen lassen
mußte.
Ein Plädoyer für die Christdemokraten?
Mitnichten. Festzustellen aber bleibt, daß reformistische Konzepte,
also die Vorstellung, die gesellschaftlichen Widersprüche ließen
sich durch schrittweise systemimmanente Veränderungen beseitigen,
blamiert sind. Atomausstieg, Krieg, rassistisches Blutsrecht - wo die reformistische
Parteipolitik von SPD und Grünen in manchen Fällen die CDU rechts
überholt, entsteht auf der Linken Raum für radikale Kritik, die
angesichts der realen Entwicklung nur noch schwerlich als realitätsfremd
diskreditiert werden kann. Wer die Welt ändern will, das lehrt die
Geschichte, muß sie gründlich ändern, oder er kann es gleich
bleiben lassen.
Dieser Erkenntnis zum Trotz profitiert
vom Krieg im Kosovo derzeit nur die PDS, die sich als einzig wahrzunehmende
größere Anti-Kriegs-Opposition zu etablieren scheint. In Vergessenheit
gerät darüber, daß auch die Grünen sich als antimilitaristische
und ökologische Kraft gerade entgegen dem politischen Mainstream dargestellt
haben, um hinterher, an die Macht gelangt, eben diesen Mainstream nach
rechts zu radikalisieren. Nicht auszuschließen also, daß die
PDS es etwas schneller schaffen wird, wenn sie erst den Sachzwängen
von Koalition und Regierungsverantwortung ausgeliefert wäre.
Von der radikalen linken Protestbewegung
auf der Straße aber ist nichts zu sehen. Seitdem der Krieg ist, haben
sich Autonome und andere Linksextremisten wie weiland Oskar Lafontaine
ins Privatleben zurückgezogen, sieht man einmal von Demonstrationen
in Berlin-Kreuzberg unter der Parole "Massaker ist Menschenrecht" (KPD/RZ)
ab. Zur Überzeugung von Dritten freilich taugt diese Pose, so witzig
sie ist, wenig. So lange sich die radikale Linke also in Abstinenz von
der Politik übt, werden uns freilich intellektuelle Tiefpunkte des
Oppositionslebens nicht erspart bleiben: "Bomben brauchen keinen Mut",
mobilisierte ein Plakat der PDS mit einem Zitat Bertolt Brechts zu einem
Marsch am Vorabend der Reichstagseröffnung, an dem rund fünftausend
Menschen teilnahmen. Der Nato, deren militärischer Oberbefehlshaber
Wesley Clark schon als Junge von einer zwölf Meter hohen Brücke
gesprungen sein soll, um zur wichtigsten Gang im Ort dazugehören zu
dürfen, ist aus linker Sicht vieles vorzuwerfen, Feigheit gehört
allerdings nicht dazu. Feige Bomben, mutige Bodentruppen im Kampf Mann
gegen Mann?
Mutiger als der Tadel der feigen
Bombardements scheint der Wurf eines Faxgerätes aus dem Fenster der
kurzzeitig besetzten Landeszentrale der Grünen in Berlin zu sein,
der die gewaltsame Räumung durch die Polizei zur Folge hatte. Es blieb
der grünen Parlamentsabgeordneten Judith Demba überlassen, auf
die Relation der Sachschäden in Belgrad und Berlin hinzuweisen: Der
Berliner Zeitung sagte sie zur Begründung ihres Austrittes aus der
Partei: "Es geht um Krieg, nicht um Faxgeräte." Frau Demba kann manchmal
wirklich sehr gut formulieren. |