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Aca Singer
"Sie gehen aus Angst vor Bombardierungen"
"Das serbische Volk ist nicht schuldiger,
als wir Deutschen es unter der nationalsozialistischen Diktatur waren",
gesteht Bundestagspräsident Wolfgang Thierse großzügig
zu; Außenminister Joseph Fischer äußert die Ansicht, die
serbische Spezialpolizei sei "gewissermaßen die SS", und Verteidigungsminister
Rudolf Scharping spricht von "Selektion" und von "Konzentrationslagern"
im Kosovo. Was die wenigen Juden, die die nationalsozialistische Vernichtungspolitik
im ehemaligen Jugoslawien überlebten, von einem solch inflationären
und instrumentellen Reden von Auschwitz halten, das fragt keiner. Die mit
3 500 Mitgliedern mit Abstand größte jüdische Gemeinschaft
im ehemaligen Jugoslawien befindet sich in Serbien. Aca Singer ist Präsident
des Bundes jüdischer Gemeinden in Jugoslawien.
Es war nicht einfach, Sie zu
erreichen.
Ich habe leider nur sehr wenig Zeit,
ich habe so viel zu tun: Wir haben Leute aus Gebieten, die von Bombardements
gefährdet sind, in die Synagoge einquartiert - in dem Teil der Stadt,
wo die Synagoge liegt, gibt es kein Objekt, das für eine Bombardierung
in Frage käme. Ich selber lebe zur Zeit auch nicht in meiner Wohnung,
weil ich in der Nähe einer Brücke wohne. Und jetzt war ich gerade
vier Tage in Budapest, um dort ungefähr 250 Juden aus Jugoslawien
zu helfen, die nach Israel weiterreisen wollen. Insgesamt sind ungefähr
dreihundert Leute weggegangen. Nicht alle wollen aber nach Israel auswandern;
das wollen nur einige. Die anderen reisen erst einmal vorläufig dorthin,
und dann werden sie weitersehen. Das sind aber keine Flüchtlinge -
es ist sehr wichtig, das zu unterscheiden. Sie gehen aus Angst vor den
Bombardierungen. Das ist leider die Folge dessen, was die Amerikaner bei
uns machen. Die Bomben fragen nicht, wer Jude ist, wer Serbe, Kroate oder
Albaner. Die Bomben sind eine Gefahr für alle. Aber die Serben, die
Familie auf dem Dorf haben, schicken wenigstens ihre Kinder dorthin. Wir
Juden sind leider alle Städter, wir haben keine Familie auf dem Dorf.
Deswegen haben wir organisiert, daß diese Leute nach Israel gehen
können.
Sie organisieren das gemeinsam
mit der Jüdischen Gemeinde in Budapest?
Ja, und mit anderen jüdischen
Organisationen. Es gibt da eine große Solidarität. In Budapest
habe ich mich mit Herrn Zwejgelbaum vom Europäischen Jüdischen
Kongreß getroffen, mit Vertretern der amerikanischen Organisation
Joint, mit dem Generalsekretär des Verbands Jüdischer Gemeinden
in Budapest, Herrn Szoltay und mit Vertretern der Organisationen B'nai
Brith und Sochnud.
Gibt es auch eine Jüdische
Gemeinde im Kosovo?
Ja, die Jüdische Gemeinde in
Pristina hat etwas mehr als vierzig Mitglieder. Diese Leute hatten die
Möglichkeit wegzugehen, doch sie haben nur die Kinder evakuiert -
aber nicht, weil sie verfolgt würden, sondern wegen der Nato-Bomben.
Sie haben die Kinder auch nicht nach Budapest oder Israel geschickt, sondern
nach Serbien. Viele haben Familien in Serbien, meistens handelt es sich
um Mischehen, in denen ein Partner Serbe oder Albaner ist, der andere jüdischen
Glaubens.
Sie haben die Bombenangriffe
sehr deutlich kritisiert und die Nato für "unschuldige Opfer und Zerstörungen,
Massenexodus und Leiden" verantwortlich gemacht. Fürchten Sie nicht,
damit Milosevic das Wort zu reden?
Das ist ein Quatsch, eine Dummheit!
Ich bin bestimmt nicht verliebt in Herrn Milosevic, überhaupt nicht.
Wir sind in dieser Sache sehr objektiv. Sicherlich sind wir der Regierung
gegenüber loyal, aber mich persönlich verbindet nichts mit Herrn
Milosevic. Ich bin 76 Jahre alt. Ich war in Auschwitz. Ich mache bestimmt
keine Karriere mehr und gehöre keiner Partei an, weder der Regierungs-
noch einer Oppositionspartei. Aber ich kann zur Zeit wegen der Bomben nicht
in meiner Wohnung schlafen. Soll ich da sagen: "Danke, liebe Amerikaner,
bombardiert uns ruhig"? Als ich am Ende des Krieges in Deutschland war,
habe ich erlebt, wie die Amerikaner Deutschland bombardiert haben, wie
auch auf Konzentrationslager Bomben abgeworfen wurden. Damals hatte ich
keine Angst vor den Bomben, denn ich sagte mir "Gott sei Dank! Die Amerikaner
werden dieses Nazi-Regime vernichten." Jetzt sage ich etwas anderes: Das,
was die Amerikaner jetzt machen, ist nur gut für Milosevic. Alle,
die vorher gegen ihn waren, stehen jetzt hinter ihm. Nicht wegen Milosevic,
sondern wegen der Bombardierung. Das ist die größte Hilfe, die
Milosevic bekommen konnte.
Deutsche Politiker benutzen Begriffe
wie "SS" und "Konzentrationslager", wenn sie vom serbischen Vorgehen gegen
die Kosovo-Albaner reden ...
Das ist ein wenig Politik und ein
wenig Quatsch, und für die Vorwürfe, die darin enthalten sind,
fehlen die Beweise. Nur ein Beispiel: Zuerst hieß es, auf dem Fußballplatz
von Pristina gebe es ein "Konzentrationslager". Dann mußten auch
ausländische Journalisten, die dort waren, zugeben, daß es dort
keine Spur eines "Konzentrationslagers" gibt. Ich weiß natürlich
auch nicht, was genau im Kosovo passiert. Aber die Informationen, die ich
von unseren Leuten dort kriege, sind nicht ganz im Sinne dessen, was Sie
in der westlichen Presse lesen können. Es ist schon möglich,
daß manches davon wahr ist, denn seitdem die Bombardierung dort angefangen
hat, gibt es Probleme sowohl mit serbischen als auch mit albanischen Extremisten.
Ich spreche vom jüdischen Standpunkt, nicht vom serbischen und nicht
vom albanischen.
Welches Gefühl haben Sie,
wenn Sie erfahren, daß in Deutschland der Begriff Auschwitz instrumentalisiert
wird, um die Luftangriffe zu rechtfertigen?
Ständig hört man diesen
Vergleich, ständig heißt es, das sei ein Genozid. Das ist kein
Genozid - ein Genozid ist das, was mit den Juden gemacht wurde. Es hat
im Kosovo Akte der Grausamkeit gegeben - gegen Albaner und auch gegen Serben.
Aber mit Genozid hat das nichts zu tun. Der Genozid, das war der Versuch,
ein ganzes Volk auszurotten. 65 Mitglieder meiner Familie sind in Auschwitz
geblieben - ich weiß aus eigener Erfahrung, was "Konzentrationslager"
und "Genozid" heißt und finde es unerträglich, wenn diese Begriffe
instrumentalisiert werden.
Auch Marek Edelman, der letzte
überlebende Anführer des Aufstandes im Warschauer Ghetto, hat
den Einsatz von Bodentruppen der Nato mit der Begründung gefordert,
nur so könnten "die Albaner vor dem Völkermord" geschützt
werden.
Es tut mir sehr leid, das zu sagen,
weil Marek Edelman ein Leidensgenosse ist, aber er kennt die Situation
nicht. Ich bin bestimmt kein Sprecher der serbischen Regierung, wenn ich
das sage. Und ich bin zu alt, um so eine Aussage wider besseres Wissen
zu machen.
Sie sagten, die serbische Bevölkerung
stehe fast geschlossen hinter der Regierung, vereint gegen den äußeren
Feind. In solchen Situationen nehmen häufig auch völkische Tendenzen
und Antisemitismus zu. Wie ist das zur Zeit in Serbien?
Bis heute haben wir keine größeren
antisemitischen Äußerungen bemerkt. Aber ein Problem ist, daß
man hier sagt, ein großer Teil der amerikanischen Politiker - Verteidigungsminister
Cohen, Außenministerin Albright, der Sondergesandte Holbrooke - seien
"alles Juden". Es gibt bereits viele Serben, die sagen "Warum machen das
die Juden?", die auch uns anfeinden, weil wir jüdische Kinder evakuieren,
während sie hierbleiben müssen. Das bereitet uns schon unangenehme
Gefühle.
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