Herz mit Rüschen
Gwyneth Paltrow ist das neue Rolemodel
des konservativen US-Mainstreams
"Mit 'Shakespeare in Love' wurde
sie der Shooting-Star von Hollywood. Was macht sie so besonders? Ihr Talent,
ihr Charme und ihr unverwechselbarer Stil" (In-Style). Allerdings und außerdem:
Sie "hat einen eigenen Kopf, eine eigene Karriere und ziemlich viel Talent"
(Allegra). "Hollywoods allgegenwärtige Blondine" (Vogue) steht für
einen neuen Frauen-Typus in Hollywood, der sich bewußt von emanzipierten
Rabaukinnen wie Susan Sarandon ("Thelma und Louise"), Juliette Lewis ("Natural
Born Killers") und Winona Ryder ("Night on Earth") abgrenzen will.
Paltrow, die "Karrierefrau mit Klasse"
(Joy), würde wohl nie einen Vergewaltiger erschießen oder Unschuldige
killen, ihr Image ist das der braven Bürgerstochter. Während
ihrer Oscar-Dankesrede hat sie "Tränen für die Familie" (Focus)
vergossen wie keine andere vor ihr. Schluß mit der weiblichen Madonna-Coolness
der Achtziger und der unverschämt dominanten Selbststilisierung der
frühen Neunziger einer Demi Moore ("GI Jane"), Sigourney Weaver ("Alien")
oder Sharon Stone ("Basic Instinct"). Out ist auch der Trash-Style einer
Kate Moss, die von Paltrow als Calvin Klein-Model abgelöst wird.
Angeblich steht "Gwynnie" (Joy)
für die "Renaissance kühler Eleganz", welche mit "ihrer schlanken
Silhouette und geradlinigen Gesichtsgeometrie eine ganze Generation straßenkötriger
Schmollpuppen" ablöse. Oft wird sie mit Grace Kelly verglichen - dabei
bildet "die Frau mit dem Hauptgewinn" (Allegra) eine puritanische Ostküsten-Langeweile
ab, welche man im Showbiz nun wirklich nicht vermißt hat.
Manche behaupten das Gegenteil:
In den letzten sechs Jahren "bezauberte" (Max) Gwyneth ("Ich bin ein sehr
optimistischer Mensch") in zwölf Filmen - die letzten sechs waren
fast ausnahmslos Kassenschlager: In dem düsteren Thriller "Seven"
(mit Brad Pitt) mußten zwar noch am Ende des Films die verdutzten
detectives ihren Kopf in einem Pappkarton entgegennehmen, doch fortan war
"ihr zierlicher Körper" (Prinz) für den Part des zarten Fräuleins
geradezu prädestiniert.
In der Jane-Austen-Verfilmung "Emma"
verkörpert sie die empfindsame und verletzliche Großbürgerstochter
des 19.Jahrhunderts, und in der Charles-Dickens-Adaption "Great Expectations"
mimte sie den verwöhnt-zerbrechlichen "eisigen Engel" der Großstadt
(Joy) im Single-Gefühls-Wirrwarr. Weiter war sie in "A Perfect Murder"
und in "Sie liebt ihn - sie liebt ihn nicht" zu sehen, wo sie als die ewig
Betrogene ihrem Beziehungs-Glück hinterherdackelt. Es folgt der große
Coup - ausgezeichnet mit dem Golden Globe und dem Oscar: "Shakespeare in
Love". Paltrow in der Rolle der verträumten Shakespeare-Muse, die
als adlige Schönheit davon träumt, Schauspielerin zu werden und
auf dem Weg dorthin "für erneuten Hormonfluß beim Dichterfürsten"
(Berlinale-Programm) sorgt.
Family values sind hip, "Schlaflos
in Seattle" deutete vor mehreren Jahren bereits die Richtung an, "Enthüllung"
bot den eindeutig frauenfeindlichen Backlash mit dem Mann als Opfer, und
die neueren Kassenschlager "8mm" und "Payback" kennen als Happy-Ending-
Ausweg nur noch die pathetische Rückkehr in die schützende Hülle
familiärer Werte als Refugium vor den Schrecken dieser Welt und der
Großstadt. Mit so schrecklichen Dingen wie Geld, Konkurrenz, Glamour
usw. will Paltrow natürlich nicht in Verbindung gebracht werden, sie
sei froh, wegen der momentan guten Auftragslage nicht mehr ständig
in Hollywood sein zu müssen, denn "hier dreht sich alles nur ums Show-Business".
Na, sowas!
Bemerkenswert an Gwyneth Paltrow
ist allenfalls die Unverschämtheit, mit der sie es fertigbringt, noch
den abgeschmacktesten Blödsinn für ihre Selbstdarstellung gebrauchsfertig
zu formen, um ihre Stilisierung zur Doris Day der Neunziger immer weiter
zu perfektionieren - frei nach ihrem Lebens-Motto: "Bleibe offen und unschuldig
und nimm dein Schicksal immer an." Nicht Sex-Sells ist ihr Credo, sondern
die Verniedlichung der Weiblichkeit. Im konservativen US-Mainstream der
End-Neunziger ist das material girl out, protestantische Bescheidenheit
ist in.
Nicht zuletzt die Mode hat diesen
konservativen Trend aufgegriffen; die weibliche Mode der "clean queen"
(Vogue) wird wieder einengender und bewegungsfeindlicher. Anstelle der
selbstbewußten Ornamentierung der Aufmerksamkeit heischenden Hülle
(wie bei Versace oder Gaultier) finden sich jetzt wieder brave Rüschen.
Der Mix aus PR-Sprüchen und
dem Glauben an dessen Inhalte hat einen seltsam widersprüchlichen,
post-post-feministischen Typus des unterwürfigen Powergirls hervorgebracht.
Hier dient die Kindheit wirklich als Entschuldigung: "Ich hatte nie aufwendige
Frisuren oder viel Make-up. Während meiner Schulzeit sah ich recht
unauffällig aus." Nach Aussagen ihres deutschen Kindermädchens
war Gwyneth "ein besonderes Mädchen mit viel Power" (B.Z.).
Doch was muß diese Familien-Idylle
mit ihr gemacht haben, daß sie sich von der Zeitschrift Marie Claire
auf einer einsamen Insel aussetzen ließ und nur noch Sätze winselte
wie: "Winzig klein lag ich in meinem Unterschlupf, eine verletzliche Kreatur
inmitten eines Sturms." Und, "weinend im Sand", begriff sie dort: "Leblose,
seelenlose Gegenstände sind nicht wichtig. Und ich wünsche mir,
mit einem Herzen, so rein wie ich es hier spüre, weiterleben zu können.
Es ist diese allumfassende Einfachheit, die das Leben prägt. Erst
als der Wind auffrischte und die ersten Regentropfen fielen, kroch ich
in meine Hütte zurück."
Das soll er sein? Der "Star fürs
nächste Jahrtausend" (Time), "das Leitbild einer neuen Generation"
(Bild)? Wenn Hollywood einen Star wie Paltrow hervorbringt, hat es nichts
Besseres verdient, als sich bei der Oscar-Verleihung anhören zu müssen:
"Wenn ich durch meine Familie nicht die Bedeutung von Liebe begriffen hätte,
hätte ich diese Rolle nicht spielen können." Doch ein PR-Ausrutscher
läßt ahnen, zu was ihre Familie sie wirklich gemacht hat: "Ich
bin vielleicht nicht die selbstsicherste Frau der Welt." Nein, sicher nicht,
denn "ich bin weit weg von zu Hause, und ich weiß nicht, was mich
erwartet". Das Publikum zumindest weiß es: Bald kommt ihr neuer Film
"Duets" in die Kinos.
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