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Feuilleton Nachrichten
Forelle blau
"In der Ideologiegeschichte gibt es
selten Sieger. Doch in der deutschen Innenpolitik will es derzeit so scheinen:
Karl Marx ist tot, Oskar Lafontaine zurückgetreten und Jürgen
Trittin still. Das Manifest der utopischen Weltbilder ist zugeklappt. Der
Staub darauf schmeckt schal."
Die Welt, 8. April
Dichter und Krieg I
Gleichgültig, ob sie Gegner
des Nato-Bombardements oder Befürworter sind, der Krieg hat bei vielen
Autoren kreative Schübe ausgelöst, es wird flächendeckend
gedichtet und gereimt, sogar erste Kurztheaterstücke liegen nach rund
zwei Wochen Krieg bereits vor und gehen bei Redaktionen und Agenturen ein.
An den zum dritten Mal in diesem Jahrhundert geschundenen deutschen Soldaten
erinnerte z.B. Franz Josef Degenhardt in der jungen Welt zum Auftakt der
Nato-Operationen. Die Sorge, es könnte auch einen von "uns" treffen,
treibt den Suhrkamp-Autor Albert Ostermaier zwar nicht um; er grundiert
seinen im Feuilleton der Süddeutschen Zeitung abgedruckten Lyrikbeitrag
"an vorderster front" pazifistisch, beginnt sein Gedicht allerdings mit
einer doch leicht schalen Metapher. "bombenstimmung", heißt es da,
und zwar: "bombenstimmung in der bar"!
Dichter und Krieg II
Die lyrische Veredelung eines Kalauers
spart sich Peter Handke, dessen Wort vom "Allrohrüberfall" der Nato
uns auch schon sehr viel besser gefällt. Doch Vorsicht, wahrscheinlich
gehören wir damit schon zu den gewissen Leuten, vor denen Hans-Christoph
Buch in seiner Abrechnung mit Handke im Tagesspiegel warnt, und zwar zu
jenen, die "bereit sind für einen witzige Formulierung oder gelungene
Pointe die eigene Großmutter zu verkaufen - wenn es sein muß,
den Rechtsstaat und die Menschenrechte gleich mit dazu". Während sich
Hans-Christoph Buch noch gut erinnern kann, daß man früher solche
Spaßvögel in einen Käfig sperrte, läuft Joking-Handke
weiter frei herum und reißt Anti-Nato-Witze.
Dichter und Krieg III
Einer weniger. Peter Handke hat
seinen Austritt aus der katholischen Kirche bekanntgegeben. Weil der Papst
"in seiner Osterbotschaft am 12. Tag des Krieges gegen Jugoslawien den
'Bruderkrieg', aber nicht den Allrohrüberfall der NATO gegen ein kleines
Land" verurteilte, verabschiedet sich der Schriftsteller aus der Kirche:
"Krieg, ahoi, Christ und (!) Mensch guten Willens." Auch zum Kreis der
Büchner-Preisträger will er nicht länger gehören. "Andere
Kleinigkeit: Das Preisgeld für den mir 1973 gegebenen Büchnerpreis
gebe ich an die Deutsche Akademie zurück (zum Glück waren's damals
nur 10 000 DM); 'symbolisch', so wie es, laut den westwestlichen Medien,
das Zurückschlagen der Nato im Herzen Belgrads ist, 'unvermeidlich',
wie, laut fast aller Welt, der Krieg der 'Welt' gegen Jugoslawien; um meine
'Glaubwürdigkeit' nicht zu verlieren. Einem jeden seine Glaubwürdigkeit."
Keinen Zahlungseingang auf dem Konto
der Akademie für Sprache und Dichtung konnte indes Christian Meier,
der Präsident der Akademie, bis Freitagmorgen verzeichnen. Daran,
daß Handke seine Ankündigung ernst meint, hat er allerdings
keinen Zweifel. Diese Entscheidung tue ihm "zwar irgendwie leid", auch
sei nicht klar, was der Büchner-Preis mit dem Nato-Bombardement zu
tun hat. Die Worte, mit denen Handke die Serben in Schutz nahm, klangen
für Meier aber so, als ob dort der "Messias per Hubschrauber einflöge".
Auf Kritik an der schlechten Performance
verzichtet Adolf Muschg und gehört zu den wenigen, die Handkes Positionen
politisch diskutieren wollen. Gegen die Schnellverurteilung wandte der
Schweizer Autor und Büchner-Preisträger ein: "Wer, was nichts
kostet, den Unsinn von Handkes Aktionen feststellt, wird höflich gebeten
zu sagen: a) worin er, ohne schamrot zu werden, heute noch den Sinn des
Nato-Bombardements zu erkennen vermag und b) wieviel Mühe er sich
gemacht hat, Handkes Gedanken zum Bestand des früheren Jugoslawien
gewissenhaft nachzudenken." Wer sich dies nicht erspare, habe wohl ganz
andere Sorgen, "als gegen einen - jedenfalls der Verzweiflung immer noch
fähigen - Schriftsteller recht zu behalten".
Lücke der Literatur
Nach Einschätzung des US-Amerikaners
Tom Wolfe ("Fegefeuer der Eitelkeiten") kann man die deutschen Schriftsteller
allesamt in der Pfeife rauchen. Eine wenig differenzierter formulierte
der Autor seine Kritik an der deutschen Literatur in der französischen
Tageszeitung Le Monde allerdings schon, als er sagte: "In Deutschland zeigen
die Schriftsteller bereits seit zwei Generationen kein Interesse mehr an
der Welt des 20. Jahrhunderts." Gegenwartsfern seien sie und hätten
wohl eher ein Interesse daran, "schwierige psychologische Sachverhalte
zu analysieren, bei denen es auf Ort und Zeit der Handlung nicht ankommt".
Deshalb, kritisierte Wolfe, gebe es wohl auch zehn Jahre nach der Wende
immer noch keinen Großroman über den Fall der Mauer. Und wir
dachten bisher immer, genau das sei das Beste an der deutschen Gegenwartsliteratur.
Wer wen
Der Vorsitzende der Jüdischen
Gemeinde zu Berlin, Andreas Nachama, hat sich gegen die von Richard Schröder
in Umlauf gebrachte Idee ausgesprochen, den Bibelspruch "Nicht töten"
in hebräischer Sprache als Mahnmal zu gestalten. In einem Brief an
den Theologen und SPD-Politiker regte Nachama dagegen an, daß im
"Zentrum einer Textlösung" nicht das Hebräische, sondern "die
deutsche Version" stehen müsse, der dann Übersetzungen in den
Sprachen der kollaborierenden Nationen folgen sollten. Die Jüdische
Gemeinde kritisiere, daß die Aufforderung "Nicht töten" sich
offenbar an die Opfer wende. Zugleich erinnerte Nachama an einen Umstand,
den der christliche Theologe mit seinem Vorschlag vielleicht ganz gerne
unterschlagen hätte, daran, daß die "Baupläne für
den industriellen Mord an den europäischen Juden in der Sprache Luthers,
Goethes und Schillers (...) verfaßt" worden sind.
Jubiläum
Was fehlt? Die Jubiläumsberichterstattung.
Da es sich aber um kein wirklich imposantes Jubiläum handelt, darf
man den 20. Geburtstag der taz ruhig übergehen. Warten wir besser
das nächste Jahr ab und schlagen erst dann los, wenn das alternative
Blatt 21 und damit endlich strafmündig wird.
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Die Nachrichten wurden
von Heike Runge zusammengestellt
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