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14. April 1999 Jungle World

Feuilleton Nachrichten

Forelle blau

"In der Ideologiegeschichte gibt es selten Sieger. Doch in der deutschen Innenpolitik will es derzeit so scheinen: Karl Marx ist tot, Oskar Lafontaine zurückgetreten und Jürgen Trittin still. Das Manifest der utopischen Weltbilder ist zugeklappt. Der Staub darauf schmeckt schal."
Die Welt, 8. April

Dichter und Krieg I

Gleichgültig, ob sie Gegner des Nato-Bombardements oder Befürworter sind, der Krieg hat bei vielen Autoren kreative Schübe ausgelöst, es wird flächendeckend gedichtet und gereimt, sogar erste Kurztheaterstücke liegen nach rund zwei Wochen Krieg bereits vor und gehen bei Redaktionen und Agenturen ein. An den zum dritten Mal in diesem Jahrhundert geschundenen deutschen Soldaten erinnerte z.B. Franz Josef Degenhardt in der jungen Welt zum Auftakt der Nato-Operationen. Die Sorge, es könnte auch einen von "uns" treffen, treibt den Suhrkamp-Autor Albert Ostermaier zwar nicht um; er grundiert seinen im Feuilleton der Süddeutschen Zeitung abgedruckten Lyrikbeitrag "an vorderster front" pazifistisch, beginnt sein Gedicht allerdings mit einer doch leicht schalen Metapher. "bombenstimmung", heißt es da, und zwar: "bombenstimmung in der bar"!

Dichter und Krieg II

Die lyrische Veredelung eines Kalauers spart sich Peter Handke, dessen Wort vom "Allrohrüberfall" der Nato uns auch schon sehr viel besser gefällt. Doch Vorsicht, wahrscheinlich gehören wir damit schon zu den gewissen Leuten, vor denen Hans-Christoph Buch in seiner Abrechnung mit Handke im Tagesspiegel warnt, und zwar zu jenen, die "bereit sind für einen witzige Formulierung oder gelungene Pointe die eigene Großmutter zu verkaufen - wenn es sein muß, den Rechtsstaat und die Menschenrechte gleich mit dazu". Während sich Hans-Christoph Buch noch gut erinnern kann, daß man früher solche Spaßvögel in einen Käfig sperrte, läuft Joking-Handke weiter frei herum und reißt Anti-Nato-Witze. 

Dichter und Krieg III

Einer weniger. Peter Handke hat seinen Austritt aus der katholischen Kirche bekanntgegeben. Weil der Papst "in seiner Osterbotschaft am 12. Tag des Krieges gegen Jugoslawien den 'Bruderkrieg', aber nicht den Allrohrüberfall der NATO gegen ein kleines Land" verurteilte, verabschiedet sich der Schriftsteller aus der Kirche: "Krieg, ahoi, Christ und (!) Mensch guten Willens." Auch zum Kreis der Büchner-Preisträger will er nicht länger gehören. "Andere Kleinigkeit: Das Preisgeld für den mir 1973 gegebenen Büchnerpreis gebe ich an die Deutsche Akademie zurück (zum Glück waren's damals nur 10 000 DM); 'symbolisch', so wie es, laut den westwestlichen Medien, das Zurückschlagen der Nato im Herzen Belgrads ist, 'unvermeidlich', wie, laut fast aller Welt, der Krieg der 'Welt' gegen Jugoslawien; um meine 'Glaubwürdigkeit' nicht zu verlieren. Einem jeden seine Glaubwürdigkeit."

Keinen Zahlungseingang auf dem Konto der Akademie für Sprache und Dichtung konnte indes Christian Meier, der Präsident der Akademie, bis Freitagmorgen verzeichnen. Daran, daß Handke seine Ankündigung ernst meint, hat er allerdings keinen Zweifel. Diese Entscheidung tue ihm "zwar irgendwie leid", auch sei nicht klar, was der Büchner-Preis mit dem Nato-Bombardement zu tun hat. Die Worte, mit denen Handke die Serben in Schutz nahm, klangen für Meier aber so, als ob dort der "Messias per Hubschrauber einflöge".

Auf Kritik an der schlechten Performance verzichtet Adolf Muschg und gehört zu den wenigen, die Handkes Positionen politisch diskutieren wollen. Gegen die Schnellverurteilung wandte der Schweizer Autor und Büchner-Preisträger ein: "Wer, was nichts kostet, den Unsinn von Handkes Aktionen feststellt, wird höflich gebeten zu sagen: a) worin er, ohne schamrot zu werden, heute noch den Sinn des Nato-Bombardements zu erkennen vermag und b) wieviel Mühe er sich gemacht hat, Handkes Gedanken zum Bestand des früheren Jugoslawien gewissenhaft nachzudenken." Wer sich dies nicht erspare, habe wohl ganz andere Sorgen, "als gegen einen - jedenfalls der Verzweiflung immer noch fähigen - Schriftsteller recht zu behalten".

Lücke der Literatur

Nach Einschätzung des US-Amerikaners Tom Wolfe ("Fegefeuer der Eitelkeiten") kann man die deutschen Schriftsteller allesamt in der Pfeife rauchen. Eine wenig differenzierter formulierte der Autor seine Kritik an der deutschen Literatur in der französischen Tageszeitung Le Monde allerdings schon, als er sagte: "In Deutschland zeigen die Schriftsteller bereits seit zwei Generationen kein Interesse mehr an der Welt des 20. Jahrhunderts." Gegenwartsfern seien sie und hätten wohl eher ein Interesse daran, "schwierige psychologische Sachverhalte zu analysieren, bei denen es auf Ort und Zeit der Handlung nicht ankommt". Deshalb, kritisierte Wolfe, gebe es wohl auch zehn Jahre nach der Wende immer noch keinen Großroman über den Fall der Mauer. Und wir dachten bisher immer, genau das sei das Beste an der deutschen Gegenwartsliteratur.

Wer wen

Der Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde zu Berlin, Andreas Nachama, hat sich gegen die von Richard Schröder in Umlauf gebrachte Idee ausgesprochen, den Bibelspruch "Nicht töten" in hebräischer Sprache als Mahnmal zu gestalten. In einem Brief an den Theologen und SPD-Politiker regte Nachama dagegen an, daß im "Zentrum einer Textlösung" nicht das Hebräische, sondern "die deutsche Version" stehen müsse, der dann Übersetzungen in den Sprachen der kollaborierenden Nationen folgen sollten. Die Jüdische Gemeinde kritisiere, daß die Aufforderung "Nicht töten" sich offenbar an die Opfer wende. Zugleich erinnerte Nachama an einen Umstand, den der christliche Theologe mit seinem Vorschlag vielleicht ganz gerne unterschlagen hätte, daran, daß die "Baupläne für den industriellen Mord an den europäischen Juden in der Sprache Luthers, Goethes und Schillers (...) verfaßt" worden sind.

Jubiläum

Was fehlt? Die Jubiläumsberichterstattung. Da es sich aber um kein wirklich imposantes Jubiläum handelt, darf man den 20. Geburtstag der taz ruhig übergehen. Warten wir besser das nächste Jahr ab und schlagen erst dann los, wenn das alternative Blatt 21 und damit endlich strafmündig wird. 

  •  Die Nachrichten wurden von Heike Runge zusammengestellt
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