Fegen für mehr Feinkost
Gefährliche Orte LVI: Konzertierte
Aktion in Friedrichshain - Einzelhändler, Stadtreinigung, Bezirk und
Senat wollen die Warschauer Straße aufpolieren
Als Wahl-Friedrichshainer schätzen
wir das spezielle Lokalkolorit des im Berliner Sozialatlas letztplazierten
Bezirks: Auf dem Weg zur S-Bahn weht der Wind einem Dreck um die Ohren,
auf dem Rückweg im Halbdunkel begegnen uns kleisterverschmierte Plakatierer,
und die enorme Hundekotdichte trainiert die BewohnerInnen auf Schritt und
Tritt für den Fetisch des spätkapitalistischen Arbeitsmarkts:
Flexibilität. Doch nach dem Willen der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung
und Umweltschutz (Sensut) soll das zumindest in der Warschauer Straße
bald ein Ende haben.
Friedrichshain, der vom Bezirksamt
vierteljährlich kostenlos an alle Haushalte verteilten Zeitschrift
für Stadterneuerung, war jüngst die Ankündigung zu entnehmen,
daß "das Terrain für normale Bürger zurückgewonnen"
und deren Bedrohung durch "rücksichtslose Minderheiten wie rasende
Radfahrer, Umweltverschmutzer und Hundebesitzer" gestoppt werden soll.
Seinen wahren Antagonisten scheint
der Normalbürger in "rücksichtslosen Stadtbildverschmutzern"
zu finden, denen nach Ansicht des zuständigen City-Managers massiv
Einhalt geboten werden müsse - dasselbe gilt für die um sich
greifenden "Schmutzecken". Ausgestattet mit der Lizenz zum Putzen stünden
fortan Green- bzw. City-Cops in vorderster Front im "Kampf für mehr
Sauberkeit", der in der zweitwichtigsten Einkaufsstraße des Bezirks
nicht nur für weniger Hundekot sorgen, sondern den BewohnerInnen als
"Bestandteil einer quartiersnahen Stadtentwicklung (...) soziale Perspektiven
in einem lebenswerten Umfeld geben soll". Friedrichshain wird besenrein.
Allerdings sieht City-Manager Thomas
Lenkitsch von der Beratungsgesellschaft für Stadterneuerung und Modernisierung
(BSM) die "Übel" weniger im Dreck, sondern vielmehr in der zunehmenden
Verödung des Einzelhandels. Während der Wohnraum im Zuge der
Sanierungen für die bisherigen BewohnerInnen zunehmend unbezahlbar
wird, sieht Lenkitsch die "Rettung des Viertels in kleinen, exklusiveren
Läden, wie Feinkost und Antiquitäten, die in die großen
Einkaufszentren nicht reinpassen". "Friedrichshain hat zu achtzig Prozent
Kleinhaushalte", so Lenkitsch weiter, "also sehr viele Studenten, das bringt
zu viel Unruhe" - und zu wenig Kaufkraft.
Die gewienerten Straßen sollen
vor allem neue Geschäftsleute anziehen, und in deren Gefolge finanzkräftige
Kundschaft, die auch die steigenden Mieten zahlen kann. Da erleichtert
es, daß Lenkitsch bislang kaum mehr als die Gründung der "IG
Warschauer Straße" erreicht hat, die bislang mit so phantasievollen
Aktionen wie dem "größten Adventskalender Berlins" auf sich
aufmerksam machte und die sich mit ihrer jährlich ausgerichteten "Festmeile"
konsequent am Billig-Flair des Marktes im polnischen Slubice orientiert.
In Anlehnung an entsprechende Projekte
in der Neuköllner Hermannstraße und der Müllerstraße
im Wedding unterzeichneten die in der IG zusammengeschlossenen EinzelhändlerInnen
kürzlich einen "Stadtvertrag" mit der Berliner Stadtreinigung (BSR),
dem Bezirksamt und der Sensut. Bisheriges Ergebnis: Die BSR putzt "häufiger",
und montags greift der Einzelhandel selbst zum Besen, denn Fenster und
Fronten sind laut Vertrag regelmäßig zu reinigen. Alle Beteiligten
sind zudem angehalten, sich gegenseitig an die Einhaltung der Vereinbarungen
zu erinnern. "Leider ist das Sauberkeitsbewußtsein in Berlin nicht
so groß", bedauert Lenkitsch. Offenbar trifft das zumindest auf den
Einzelhandel zu.
Doch obwohl Lenkitsch fest daran
glaubt, in Sachen Sauberkeit sei ein "pädagogischer Prozeß vonnöten",
wird das in Neukölln und Wedding bereits erprobte City-Cop-Konzept
in Friedrichshain vorerst noch auf sich warten lassen. Denn der Bezirk
hat seine Finanzierungszusage für die entsprechenden ABM-Stellen wieder
zurückgezogen. Und die Sensut hat mittlerweile gar den Vertrag mit
Lenkitsch gekündigt, kurz nachdem sie im Rahmen eines Aufbau-Ost-Wettbewerbs
noch ein sattes Preisgeld für das "Modellprojekt City-Management"
eingesteckt hatte.
Möglicherweise werden die City-Cops
nun über das kürzlich ausgeschriebene Quartiersmanagement des
angrenzenden "Sanierungsgebiets Boxhagener Platz" finanziert. Doch während
sich dort ein breites Bündnis gegen die Senatspläne formiert,
tauchte in der Warschauer Straße bislang nur ein mit "Oskar aus der
Mülltonne" unterschriebenes Flugblatt auf, das neben "Zero Tolerance
für Green Cops" auch "Schmutz, Schande und Gesindel für die Warschauer"
ankündigte.
Der Lust am Frühjahrsputz scheint
das jedoch keinen Abbruch zu tun, steht doch die Kampagne "Saubere Warschauer
Straße" in der Nachfolge der Sensut-Aktion "Berlin - Es ist Eure
Stadt". Eine Art Fortführung des Diskurses um die Innere Sicherheit
mit anderen Symbolen, die sich der Logik des Berliner CDU-Fraktionschefs
Klaus Rüdiger Landowsky bedient, der schon vor Jahren "Dreck", "Ratten"
und "Gesindel" direkt miteinander verknüpfte.
Daß man die Bestrebungen um
eine saubere Hauptstadt mit noch älteren Konzepten von "Sozialhygiene"
vergleichen kann, zeigt auch ein Blick nach Düsseldorf, der Stadt,
in der das Konzept der öffentlichen Anprangerung von "Stadtbildverschmutzern"
seine Premiere hatte. Mit einer Plakataktion wollte man dort "die Verursacher
diskriminieren (...), die, die unseren Ärger durch Gedankenlosigkeit
oder gar Böswilligkeit verursachen, werden personifiziert", so die
Düsseldorfer Oberbürgermeisterin Marlies Smeets. Ein Sprecher
der Vereinigung von Gewerbetreibenden, die die Aktion initiiert hatte,
wird da schon deutlicher: "Obdachlose sind ebenso wie Grafitti und Taubenkot
kein Anblick, der zur Steigerung der Attraktivität und Kaufkraft beiträgt."
Im Gegensatz zu den Düsseldorfer
KollegInnen, die gleich noch ein Großreinemachen anberaumten, bei
dem jede Stadtrats-Partei ein Objekt ihrer Wahl schrubbte, hält man
sich in Berlin an arbeitsteilige Modelle: Als Stadtentwicklungssenator
und SPD-Landes-Chef Peter Strieder Anfang März die Aktion "Saubere
Warschauer Straße" eröffnete, appellierte er zwar an das Verantwortungsgefühl
der BürgerInnen, schob aber angesichts des angebotenen Besens schnell
die Hände in die Taschen: "Dafür werde ich nicht bezahlt - das
macht die BSR."
Die wirbt derweil mit zwei frisch
gemangelten Saubermännern und nährt die Hoffnungen der Sensut
auf eine saubere Stadt. Die orange bekittelten "Ordnungshüter" halten
den Besen bei Fuß und verkünden von allen Plakatsäulen:
"Wir bringen das in Ordnung!" Auf den ersten Blick ergänzen sich hier
zwar großstädtischer Reinlichkeitsdrang und Imagepolitur der
Stadtreiniger, aber bei genauerer Betrachtung der betriebswirschaftlichen
Zusammenhänge erschließt sich, daß die BSR doch von nichts
anderem lebt als dem Dreck.
So rückt der stadtpolitische
Diskurs um Ordnung und Sauberkeit stetig nach rechts und gleichzeitig bleibt
die Geschäftsgrundlage der landeseigenen BSR dank halbherziger Umsetzung
der angedrohten Maßnahmen erhalten. Denn der Song, mit dem der Sesamstraßen-Star
Oskar einst berühmt wurde, könnte ebensogut zum Slogan der nächsten
BSR-Werbekampagne werden: "Ich mag Müll."
-
Julia Mahnkopf / Oliver
Geden
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