EZB senkt die Zinsen
Von den USA lernen
Von Anton Landgraf
Verkehrte Welt: Die Europäische
Zentralbank (EZB) entschloß sich vergangene Woche zu einer Tat, die
sie vor kurzem noch zum größten Schrecken seit der Planwirtschaft
erklärte - sie senkte die Zinsen. Jetzt muß sich EZB-Chef Wim
Duisenberg plötzlich gegen einen Vorwurf verteidigen, den er vor wenigen
Wochen noch selbst formulierte: Die Zinssenkung sei kein Indiz dafür,
daß er ab sofort eine monetäre Konjunkturpolitik betreiben wolle.
Daß Duisenberg seinen früheren
Feind Oskar Lafontaine zum Vorbild kürt, ist auch mehr als unwahrscheinlich.
Der Mann der Stunde in Frankfurt trägt einen anderen Namen: Alan Greenspan,
Chef der US-Notenbank Federal Reserve. Mit der pragmatischen Entscheidung
signalisiert die EZB, daß sie sich künftig an dem angelsächsischen
Modell orientieren will.
Auf absehbare Zeit wird es in Europa
keine Inflationsgefahr geben, begründete Duisenberg die Entscheidung.
Die wirtschaftliche Flaute in Europa könne hingegen zu einer ernsten
Krise führen; daher sei zur Ankurbelung der Konjunktur die Zinssenkung
bitter nötig. Alan Greenspan hatte sich schon im vergangenen Herbst
zu dem gleichen Schritt entschlossen, um einer drohenden Rezession in der
USA zu begegnen.
Tatsächlich steckt die Eurozone
genau 100 Tage nach der Einführung der neuen Währung in einer
tiefen Krise. Die Fakten sind schon seit Monaten bekannt: In Europa werden
die Konjunkturaussichten zunehmend düsterer, während die US-Wirtschaft
boomt. Das drückt sich auch in der momentanen Schwäche des Euro
aus, der seit Anfang des Jahres gegenüber dem Dollar ständig
an Wert verliert.
Wegen den niedrigen Zinsen können
sich die Kreditinstitute nun günstigere Mittel bei der EZB beschaffen;
und weil das Geld jetzt so billig ist, so die Hoffnung der Banker in Frankfurt,
greifen die Investoren kräftig zu. Das führt wiederum zu mehr
Nachfrage und bringt die schlappe Wirtschaft auf Trab. In welcher Klemme
Europa bereits steckt, zeigt sich an der paradoxen Reaktion an den Devisenmärkten.
Niedere Zinsen gelten normalerweise als gutes Mittel, um eine Währung
in den Keller zu befördern. In diesem Falle legte der Euro kräftig
zu - allein die Aussicht auf eine Konjunkturwende ließ den Kurs in
die Höhe schnellen.
Entsprechend kam die härteste
Kritik aus einer Ecke, wo man sie vor kurzem am wenigsten vermutet hätte.
Ausgerechnet die liederlichen EU-Südländer, die stets als eine
Gefahr für eine stabilen Euro galten, sind mit der EZB unzufrieden.
Die Entscheidung fördere die Inflation, erklärte der spanische
Finanzminister. Dessen Land verzeichnet derzeit, neben Portugal und Irland,
das höchste Wirtschaftswachstum in der EU und fürchtet jetzt
eine Überhitzung.
Allzu lange dürfte sich das
kurze Euro-Hoch allerdings nicht halten. Mit der Senkung wird der Abstand
zum Hochzinsland USA weiter wachsen. Aber ein schwacher Euro könnte
in der nächsten Zeit durchaus im Sinne der Zentralbank sein. Wenn
der Wert der Währung sinkt, treibt das die Leistungsbilanz in die
Höhe: Waren aus der EU werden billiger, Exporte aus Amerika und Asien
teuerer. Europa könnte einen Teil seiner Probleme auf Kosten andere
Wirtschaftszonen lösen. Die EZB-Entscheidung ist daher indirekt auch
gegen die USA gerichtet.
Auf dem Binnenmarkt wird jedoch
das billige Geld allein nicht reichen, um einen Konjunkturaufschwung zu
bringen. Wer kauft sich schon das vierte Auto, nur weil gerade die Zinsen
niedrig sind? Duisenberg wird daher nicht müde, den zweiten Teil seiner
pragmatischen Geldpolitik zu verkünden - und hier sind auch keine
Verwechselungen mit Lafontaine mehr möglich. Die Zinssenkung sei nur
ein erster Schritt, um wieder mehr Investitionen zu fördern. Parallel
dazu müßten nun endlich die politischen Strukturreformen erfolgen,
auch sei der Stabilitätspakt von Maastricht strikt einzuhalten. Nur
damit sei die Arbeitslosigkeit effektiv zu bekämpfen und die Konjunkturwende
zu erreichen.
Die Mischung ist gut bekannt. Eine
pragmatische Geldpolitik, die in der Flaute auch einige nachfrageorientierte
Elemente zuläßt, kombiniert mit einer neoliberalen Wirtschaftspolitik.
Die EZB hat vergangene Woche ihre neue Philosophie präsentiert: Von
den USA lernen, heißt siegen lernen. Der Hauptkonkurrent zum Euro
soll mit dessen eigenen Mitteln geschlagen werden. |