Jungle World 13/1999 :'Neues Deutschland' ohne Oschmann

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24. März 1999 Jungle World

Feuilleton Nachrichten

'Neues Deutschland' ohne Oschmann

Leicht wird es der Neue beim Neuen Deutschland vermutlich nicht haben: Man hatte einen Chefredakteur gerufen, und wer ist gekommen? Ein Wessi. Jürgen Reents tritt die Nachfolge des ausgeschiedenen Reiner Oschmann an. Immerhin kann der künftige Chefredakteur das passende Parteibuch vorweisen. Reents wurde 1991 Pressesprecher der PDS, hat sich allerdings erst sieben Jahre später entschlossen, in die Partei einzutreten. Ende der Siebziger hatte Reents die Grünen mitbegründet und saß seit 1983 als Abgeordneter im Bundestag. Heute gilt er als Vertrauter des PDS-Vorsitzenden Gregor Gysi. Daß die Leitartikel des mit sinkender Auflage kämpfenden Zonenfachblatts im Büro Gysi geschrieben werden, kommt für Reents natürlich gar nicht in die Tüte.

Der ND-Chefredakteur sagt, was ein ND-Chefredakteur sagen muß. Er habe zur Bedingung für die Übernahme der Stelle gemacht, daß das Blatt in Zukunft keine Parteizeitung ist, und erst recht kein Linienblatt in der PDS. Das Selbstverständnis einer kritischen Offenheit innerhalb der gesellschaftlichen und politischen Linken des Landes sei für die Zeitung unverzichtbar, betonte Reents. Ähnlich unverdächtig hatte auch Rainer Oschmann sein publizistisches Selbstverständnis umschrieben, wenn es darum ging, das Blatt für Meditationen über Linke, Volk und Vaterland zu öffnen. Wie geht's weiter beim ND, und wen interessiert das? Vor allem natürlich die PDS. Die wird auch wissen, ob die von Oschmann eröffnete Abteilung für deutsche Angelegenheiten unter Reents geschlossen oder ausgebaut wird oder so weiter macht wie bisher. Westausdehnung scheint jedenfalls auf dem Plan zu stehen, denn inzwischen hat sich auch beim ND die Erkenntnis durchgesetzt, daß mit den Ossis allein kein Staat mehr zu machen ist.

Am Mittwoch dieser Woche wird Reents, der sein Amt als Partei-Sprecher niedergelegt hat, durch den PDS-Bundesgeschäftsführer Dietmar Bartsch der Redaktion vorgestellt.

'L'Humanité' ohne Hammer

Auch in Frankreichs linker Parteizeitung L'Humanité ändert sich was: Das Symbol der kommunistisch-sozialistischen Arbeiterbewegung mußte weichen, seit vergangenen Donnerstag fehlen Hammer und Sichel auf der traditionsreichen Zeitung des Parti communiste fran ç ais (PCF), die auch nicht länger den Untertitel "Zeitung der Französischen Kommunistischen Partei" trägt. Auch sonst ist einiges anders geworden: neues großzügiges Format, Vierfarbdruck auf Seite eins, dort wo bisher lediglich ein roter Balken mit dem Schriftzug "L' Humanité" prangte.

Seit gut einem Monat hatte L'Humanité ihrem Relaunch täglich mindestens drei Seiten Vorabberichterstattung gewidmet. Was durch den PCF wie ein gesellschaftliches Großereignis vorbereitet wurde, ist eher nüchternen Realitäten geschuldet. Mit umgerechnet rund fünf Millionen Mark jährlichem Defizit schreibt L'Humanité chronisch rote Zahlen. Im Herbst 1998 hatte man daher beschlossen, die neben der Tageszeitung erscheinende Wochenzeitung L'Humanité Hebdo einzustellen bzw. sie der Wochenendausgabe der Tageszeitung beizulegen. 40 Entlassungen waren die Folge. Dies, obwohl die L' Humanité Hebdo selbst keine Verluste machte. Auch, um dem Sparkurs ein freundlicheres Image zu verleihen, wurde er von dem mit viel Getöse angekündigten Relaunch begleitet.

Abendland endlich untergegangen

Nun ist es wirklich geschehen: Das Abendland ist untergegangen. Es war ein leichter, fast beiläufiger Tod. Der Patient verschied schmerzlos, denn er war chloroformiert. Niemand hat es gemerkt, die Kulturpessimisten nicht, die Kulturrevolutionäre nicht, und doch ist es ein Fakt: Am Samstag, den 20. März 1999, hat das deutsche Leitorgan, die Frankfurter Allgemeine Zeitung, in seinem Feuilletonaufmacher von "Goehte" gesprochen - und tatsächlich den Verfasser einer Farbenlehre, nebst einiger Nebenwerke, gemeint. Und das peinlicherweise auch noch, kurz nachdem die Zeitung die DDR der Schändung des exquisiten Kadavers bezichtigt hat. "Goehte", das befreit, "Goehte", das tut gut. Damit hat das nationale Blatt dem nationalen Toten endgültig den Rest gegeben und ihn ins Reich des ewig kontingenten Signifikanten verwiesen. Wir dürfen aufatmen.

Nachhilfe für Machos

Junior-Machos sollen in Nordrheinwestfalen die Chance bekommen, noch mal umzuschulen. In "Anti-Macho-Kursen" werden sie ab dem kommenden Schuljahr lernen, wie man Konflikte gewaltfrei löst. Um den Jungs das Mackertum auszutreiben, stehen Massagen, Frauenkleidung-Tragen und Kochkurse auf dem Lehrplan. Die Nachhilfekurse, die außerhalb der regulären Unterrichtszeiten stattfinden sollen, richten sich vor allem an die Schüler der Grundschulen und der Sekundarstufe 1.

Wieder neue Papst-CD

Halleluja! Der Papst stürmt die Charts, und es ist nur noch eine Frage der Zeit, bis er oben angekommen ist. Denn seit vergangener Woche ist er auf dem Markt: "Abba Pater", der neue von Radio Vatikan abgemischte Sampler von Karol Woityla. In fünf Sprachen singt und spricht das Oberhaupt der katholischen Kirche auf der CD, womit schon mal fünf Absatzmärkte gesichert sind, aber angesprochen werden sollen natürlich alle Katholiken dieser Welt, sofern sie einen CD-Player besitzen.

Handkes Hasplers

Als Peter Handke vor vier Wochen im Interview mit dem serbischen Fernsehen die Politik der Nato gegenüber Serbien mit dem Holocaust verglich (Jungle World, Nr. 12/99) hat er sich an einer Stelle "verhaspelt". Er sei eben ein "Schreiber, und im Mündlichen kann (und darf) mir das eine und andere unterlaufen", erklärte Handke gegenüber dem Focus. Handke hatte gesagt: "Was man den Serben antut, ist das schlimmste Verbrechen in diesem Jahrhundert. Was man mit den Juden gemacht hat, dafür gab es noch Kategorien. Was man mit den Serben tut, ist unvergleichlich." Gemeint habe er das genaue Gegenteil, und zwar: "Zum Thema Juden(vernichtung) gibt es keine Kategorien." Es sei ihm, so Handke, "nicht zum ersten Mal passiert, daß etwas in meinem Kopf lang Festgeschriebenes in dem Moment, daß es mündlich wird, verkehrt herauskommt". Den "Maulwerkern", wie er seine Kritiker nannte, diktierte Handke es nochmal zum Mitschreiben: "Das Volk aber, das in diesem Jahrhundert (nach den Juden) am meisten in Europa gelitten hat (...), das sind für mich die Serben."

  •  Die Nachrichten wurden von Köhler, Schmid, Ripplinger und Runge zusammengestellt

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