Afghanistans Taliban suchen internationale
Anerkennung
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Von Mike Playford
Endlich: Unter der Vermittlung des
Sondergesandten der Vereinten Nationen (UN), Lakhdar Brahimi, einigten
sich die Kriegsparteien in Afghanistan bei Gesprächen in der turkmenischen
Hauptstadt Aschgabad auf eine künftige Zusammenarbeit, die die Eckpunkte
"geteilte Exekutive, geteilte Judikative und geteilte Legislative" haben
soll.
Damit wären die seit mittlerweile
über 20 Jahre andauernden Kämpfe beendet. Und alles wäre
gut. Die Idee der UN, die rivalisierenden Taliban ("Theologiestudenten"),
die etwa neun Zehntel des afghanischen Gebietes kontrollieren, mit der
Nordallianz zu vereinen, ist auch gar nicht so abwegig. Denn bis zum Abzug
der sowjetischen Truppen aus dem mittelasiatischen Land gab es zwischen
den islamischen Kriegern beider Seiten kaum Differenzen: Mit der Unterstützung
der CIA und des pakistanischen Geheimdienstes ISI kämpften sie gemeinsam
gegen die gottlosen Kommunisten.
Nun gibt es zwar keinen real-existierenden
Sozialismus und keine Kommunisten mehr, aber Feinde - das haben die Taliban
erkannt - gibt es noch immer genug. Für Maulana Abdul Ghani beispielsweise,
ein Mitglied der von den Taliban kontrollierten Nationalversammlung, steht
fest: Mit dem Ende der Sowjetunion haben "Christen und Juden ihre Feindschaft
gegen die Muslime gerichtet".
Dagegen standen die Taliban bisher
als isolierte Einzelkämpfer. Mit den schiitischen Islamisten der Nordallianz
ist man im Krieg, mit der benachbarten Islamischen Republik Iran gibt es
Differenzen. Auch in Pakistan, wo ebenfalls die islamischen Gesetze der
Scharia herrschen, ist man wenig erfreut über die talibanische Ankündigung,
von Afghanistan aus werde "das Licht des Islam in alle Richtungen erstrahlen".
Und von Osama bin Laden als Hauptvertreter der Internationalisierung des
militanten Islamismus mußten sich die Koranstudenten zumindest offiziell
trennen.
Hauptanliegen der Taliban ist die
internationale Anerkennung. Daher betont die Regierung in Kabul, daß
sie "eine legale repräsentative Regierung ist, die alle Anforderungen
für eine Anerkennung der Welt erfüllt", und lädt Journalisten
ein, an spektakulären Drogenbekämpfungsaktionen der Talibanpolizei
teilzunehmen. Die "internationale Gemeinschaft" der UN ist angetan und
schickt nun ihre im Juli vergangenen Jahres abgezogenen Mitarbeiter wieder
in das Islamische Emirat - nur die USA und Großbritannien machen
nicht mit. Das Weiße Haus in Washington gilt in Kabul sowieso als
Spielverderber, weil es den Opiumexport trotz der diplomatischen Taliban-Offensive
als vermutlich wichtigste Einnahmequelle der Islamisten bezeichnete und
eine US-Regierungsvertreterin erst am vergangenen Freitag betonte, die
Taliban nicht anzuerkennen.
Aber die Clinton-Administration
wollen die Taliban ja auch nicht gleich für sich gewinnen. Wichtig
sind zunächst erste diplomatische Schritte - wie die Verhandlungen
von Aschgabad. Über einen Waffenstillstand haben sich Kabul und die
Nordallianz dort zwar nicht verständigt. Und drei Tage nach der Willenserklärung
zur Bildung einer gemeinsamen Regierung bekämpften sie sich schon
wieder heftig. Trotzdem sollen Gefangene ausgetauscht und die Gespräche
im April fortgesetzt werden. Daß die Taliban ihren bisherigen Rivalen
der Nordallianz im Falle einer Koalition genügend Anreize bieten können,
zeigten sie bereits am vergangenen Wochenende. Da gelang es ihnen nach
einem Bericht der pakistanischen Frontier Post, insgesamt 75 Militärs
der Gegnerseite mit lukrativen Posten und materiellen Angeboten zum Überlaufen
zu bewegen.
Die von den Taliban zur Schau gestellte
Kompromißbereitschaft wurde nicht nur von Brahimi gelobt, sondern
könnte der bisher nur von Pakistan und Saudi-Arabien anerkannten Regierung
in Kabul weiteres Ansehen bescheren. Kaum aus Turkmenistan zurückgekehrt,
kündigte der stellvertretende Außenminister Maulvi Abdul Rahman
offizielle Delegationsbesuche in Usbekistan, China und Ägypten an.
Die Chancen auf Anerkennung dürften
auch im Westen wachsen. Der zivilisierenden Kraft neuer kapitalistischer
Technologien sind die Islamisten nicht mehr so abgeneigt: Jegliche Musik
und der Besitz von Fernsehern und Videos bleiben zwar verboten. Aber per
Internet werben sie jetzt um Investoren. |