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24. März 1999 | Jungle World |
Unter Borges' Schreibtisch
Kein Hafen in Sicht
Einer fiel ins Kuckucksnest
Täuschend falsch |
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Paranoia grinst über die Schulter
Die erste Inside-Story der Hamburger Schule ist erschienen: Wer Kai Damkowski als Sänger der Band Hrubesch Youth erlebt hat, weiß, dieser Typ will kein Poser sein. Wenn seine Augäpfel sich nach innen drehen, wenn er das Schlagzeug mit dem Mikrofonständer malträtiert und schließlich sich selbst mit dem Mikrofon, wird klar, dieser Mann brennt für das Gute; er kämpft gegen resignative Weinerlichkeit und falsche Bescheidenheit. Hier ist einer, der das Leben noch ernst nimmt, der es ernst nehmen muß, weil er gelitten hat unter seinen Schwächen, unter seinen Abhängigkeiten. Dies ist die gewalttätige, obsessive Seite von Punk: "Liebe, Haß, Glaube, Weltuntergang, das sind die Sachen, mit denen man mich kriegt." Jetzt hat Kai Damkowski mit "angst sucht hase" seinen ersten Roman vorgelegt, worin er ausführlich von sich und seinem Leben als Klausner, als Herausgeber des gleichnamigen Lifestyle-Fanzines, spricht. Geht es anfangs noch chaotisch und unübersichtlich zu, legt sich der Ich-Erzähler bald auf eine zeitliche Chronologie fest und berichtet schön der Reihe nach. Er beschreibt so ein typisches Wochenende im Hamburger Spätsommer des Jahres 1995; der ganz eigene Rhythmus einer durchzechten Nacht auf der Reeperbahn wird mit zahlreichen Erinnerungen aus seinem Leben verwoben: Nachrichten aus einer Zeit, in der es nur drei Fernsehprogramme gab und der große Hit der Clash noch "London Calling" und nicht "Should I Stay Or Should I Go?" war. Hoover-Klausner erklärt uns die Welt, er läßt uns keine Zeit zum Atem- oder Bierholen, seine Dokumentation kommt ohne ordnende Kapiteleinteilung aus, denn "das hier riecht nach Realität, und die Paranoia grinst immer über die Schulter". Auf der Suche nach dem eigenen, zugleich aber authentischen Stil berichtet Kai Damkowski, der schnellste Tänzer der Stadt, von Urinierhemmung, Krebsphobie und Plattensammleruniversen. Interessanter wird es immer dann, wenn alte Bekannte auftauchen. Unschwer lassen sich z.B. der Filmemacher Henna Peschel, die Gebrüder Kroschewski und die leider verblichene Kneipe "Caspers Ballroom" hinter ihren Pseudonymen erkennen. Gerne hätte man noch zu anderen Figuren des Hamburger Mikrokosmos Klausners Klatschgeschichten gehört. Anekdotenreich werden hier noch einmal die Scheingefechte der Pubertät aufbereitet. Geschichten über das ewig verzögerte Erwachsenwerden stehen neben punkgeschichtlichen Exkursen, Metaphern aus der Existentialisten-Ecke und grundsätzlichen Erwägungen über den Verfall der Welt. Manchmal unpräzise, fast geschwätzig breitet der Autor sein Innenleben vor uns aus, und es bleibt wenig übrig von der Aura seines kompromißlosen, schweißgetränkten Live-Auftritts. Zuweilen funktioniert dieser Slackerroman dennoch, dort, wo es Damkowski gelingt, seine Leidenschaft, seine Sucht nach Körperlichkeit, seine Selbstenttäuschungen unprätentiös abzubilden. Zumeist aber verliert sich der Erzähler in weitschweifigen Bekenntnissen. Was ihm jedoch als welterschütterndes Drama erscheint, ist für den distanzierten Leser zumeist nur stinknormales Alltagsgeschehen. Vielleicht hat Damkowski aber auch nur deshalb die Geschichte der Generation Punk aufgeschrieben, um eine ganz andere Geschichte zu erzählen: Zwischen Emocore und Erektionsproblemen schimmert immer wieder die Biographie von Flassoff durch, der 24jährig von einem Fähranleger rutschte und in der Elbe ertrank. Kai Damkowski: angst sucht hase. Dreieck-Verlag, Hamburg 1999, 291 S., DM 32 |
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