Attentat in Nordirland
RUC-Schlag in Lurgan
Am Montag ging die Bombe hoch. Sie
war unter dem Auto der prominenten katholischen Anwältin Rosemary
Nelson angebracht. Sie starb an ihren Verletzungen. Kurz darauf bekannte
sich die seit einem Jahr bekannte protestantisch-loyalistische Gruppe Red
Hand Defenders zu dem Anschlag in der nordirischen Ortschaft Lurgan.
Aber in republikanischen Kreisen
glaubt man nicht an deren Alleintäterschaft. Nicht nur, weil bezweifelt
wird, daß die Red Hand Defenders ohne Unterstützung fähig
sind, eine solche Bombenfalle zu bauen. Nelson hatte auch Morddrohungen
erhalten. Und zwar von hohen Offizieren der nordirischen Polizeitruppe
RUC, die protestantisch dominiert ist. Das hatte sie bereits im vergangenen
Jahr vor dem US-Kongreß gesagt. Nach republikanischen Quellen hat
sie ergebnislos um Polizeischutz nachgesucht.
Die Anwältin hatte sich bei
der RUC kaum Freunde gemacht. Sie hat Tausende von Strafanzeigen gegen
die RUC wegen gewalttätiger Übergriffe gesammelt, sie vertrat
mutmaßliche IRA-Mitglieder vor Gericht und war Rechtsberaterin des
Anwohnervereins von der Garvaghy Road in Portadown, der sich gegen die
Umzüge des protestantischen Oranierordens durch die Straße wehrt.
Zudem befaßte sie sich mit einer eventuellen Zusammenarbeit von RUC
und loyalistischen Kommandos bei der Ermordung ihres Anwaltskollegen Pat
Finucane vor rund zehn Jahren.
Republikanisch-nationalistische
Kreise fordern nun eine internationale Untersuchungskommission. Mittlerweile
ist klar, daß die Untersuchung unter Leitung von David Phillips,
Polizeichef im englischen Kent, und unter Beteiligung von John Guido vom
FBI stattfinden wird.
Ab Mittwoch vergangener Woche eskalierte
die Situation in Portadown, 40 Kilometer südlich von Belfast. Zunächst
kam es zu einer Straßenschlacht zwischen Republikanern und Loyalisten,
in die sich dann auch die RUC einklinkte. Tags darauf wurde die Anwältin
in Lurgan beigesetzt; einige Tausend republikanische Katholiken nahmen
an dem Trauermarsch teil. Einige Stunden später knallte es erneut
in Portadown, diesmal zwischen Republikanern und RUC. Die Auseinandersetzungen
gingen am Freitagabend weiter.
Da hatte es schon ein neues Todesopfer
loyalistischer Paramilitärs gegeben. Diesmal jedoch eines aus den
eigenen Reihen: Frankie Curry wurde am Mittwoch von der Ulster Volunteer
Force erschossen, als er durch Belfasts Shankill-Distrikt lief. Curry war
erst am Montag davor aus dem Knast gekommen. Nach Angaben der Irish Times
war er seit den siebziger Jahren Mitglied einiger loyalistischer paramilitärischer
Gruppen gewesen. Im vergangenen Sommer hatte er demnach einen Drogendealer
der Ulster Defence Association namens William "Wassy" Paul erschossen und
angeblich die Kontrolle über dessen Drogennetzwerk übernommen.
Jedenfalls zählte er zu den loyalistischen "Dissidenten", die gegen
einen Waffenstillstand der Paramilitärs opponieren. Und damit kam
er denen in die Quere, die an einem Waffenstillstand festhalten wollen.
Unklar ist bislang, aus welchem
konkreten Grund er erschossen wurde. Möglicherweise wegen des Attentates
auf die katholische Anwältin. Polizei und einige loyalistische Quellen
gehen nach Angaben der Irish Times davon aus, daß er eng mit den
Red Hand Defenders verbunden war, die ihrerseits Rosemary Nelson umbrachten.
Er selbst hat das bestritten.
Vielleicht kam er aber auch relativ
zufällig ums Leben, weil er Leuten in die Arme lief, mit denen er
seit langem im Streit lag.
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