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Inland Nachrichten
Business Class
Zur Finanzierung umfangreicher Steuerentlastungen
für Unternehmen und Selbständige denkt die Bundesregierung nun
doch über eine Erhöhung der Mehrwertsteuer nach - Oskar Lafontaine,
der vor wenigen Wochen das Gegenteil beschworen hatte, ist ja nicht mehr
zuständig. Der Spiegel will wissen, die Erhöhung der Verbrauchersteuer
sei bereits beschlossene Sache, was das Bonner Wirtschaftsministerium umgehend
dementierte. Wie der Spiegel ebenfalls meldete, beschloß die Deutsche
Lufthansa als erste Reaktion, umgehend den Sitzabstand in der Economy-Klasse
weiter zu verkleinern, damit die Fluggäste in der Business Class noch
etwas mehr Beinfreiheit haben.
i.A.
Jetzt muß sich die IG Farbenindustrie
i.A. (in Abwicklung) beeilen mit dem Abwickeln, sonst könnte es nichts
mehr werden mit der Verteilung des verbleibenden Firmenvermögens auf
die Aktionäre. Wie die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung meldete,
haben drei aus Polen stammende ehemalige Zwangsarbeiter des Auschwitz-Betreibers
IG Farbenindustrie die seit fünfzig Jahren bestehende Liquidationsgesellschaft
verklagt. Sie verlangen Schadensersatz in Höhe von je 10 000 Mark
sowie Lohn in Höhe von 37 000 bis 60 000 Mark. Die Liquidatoren des
Unternehmens - der Möllner Rechtsanwalt Volker Pollehn und der Bundestagsabgeordnete
Otto Bernhardt (CDU) - sind der Meinung, IG Farben sei rechtlich nicht
zur Zahlung von Entschädigung an überlebende Zwangsarbeiter verpflichtet.
Sie favorisieren eine Stiftung, in die lediglich ein Teil des Erlöses
aus der seit Jahrzehnten immer wieder verschobenen Liquidation eingezahlt
werden solle. Wie viele weitere Klagen auf die rund 30 Millionen Mark schwere
Liquidations-AG zukommen, ist unsicher: Von 190 000 Zwangsarbeitern, die
die IG Farbenindustrie allein 1942 beschäftigte, haben nur wenige
überlebt; allein etwa 30 000 wurden in dem IG-Farben-eigenen KZ Auschwitz-Monowitz
Opfer der "Vernichtung durch Arbeit".
Summenfrau
"Ich bin nicht die Ost-Quotenfrau,
ich verkörpere nicht eine Differenz - schon eher die Summe." So präsentierte
sich Dagmar Schipanski, Kandidatin der CDU/CSU für das Amt der Bundespräsidentin,
in einem Interview der SZ. Verschiedene Prominente wollen jetzt mit einer
"Aktion pro Schipanski" deren Kandidatur unterstützen, darunter so
beeindruckende Feministinnen wie Uschi Glas oder Alice Schwarzer. Auch
der Deutsche Frauenrat ruft die Bundesversammlung auf, die parteilose Physikprofessorin
aus Ilmenau (Thüringen) zu wählen. Trotz ihrer Summenverkörperung
ist Schipanski aber darauf bedacht, keine zu breite Unterstützung
zu erhalten. Mit Stimmen der PDS will sie sich nicht wählen lassen.
Ärzte und Ämter
Für "haarscharf an der Grenze
des Vertretbaren" hält der Berliner Ärztekammerpräsident
Günther Jonitz die Praxis des polizeiärztlichen Dienstes der
Hauptstadt. Einer Bosnierin, die im Sommer 1992 von Angehörigen der
serbischen Armee drei Tage lang ohne Nahrung in ein Stadion gesperrt, geschlagen
und mißhandelt worden war, diagnostizierten die Polizeiärzte
"keine Traumatisierung". Die Begründung des Arztes: "Das Ausmaß
der persönlichen, leidvollen Bürgerkriegseinwirkung dürfte
sie in gleichem Umfang erlebt haben wie viele andere in derselben Situation
befindliche Landsleute." Auch der Berliner Arzt Eberhard Vorbrodt unterstützt
die Kritik an den Polizeibehörden: Einem 16jährigen Kurden in
Abschiebehaft, dem Vorbrodt eine schwere psychische Erkrankung sowie Selbstmordbereitschaft
diagnostizierte, habe der zuständige Polizeiarzt noch am selben Tag
die Reisefähigkeit attestiert, woraufhin der Mann sofort abgeschoben
wurde.
Dem deutschen Volke
Nachdem sie nun schon in Übung
ist, will sie gleich weitermachen. Die CDU Berlin erwägt eine weitere
Unterschriftenaktion zum Erhalt des deutschen Volkstums: Diesmal will sie
den Namen "Reichstag" für das alte Gebäude mit der neuen Kuppel
durchsetzen. Damit könnte sie sogar ganz gute Chancen haben, denn
nach einer vom Fernsehsender RTL in Auftrag gegebenen Umfrage plädieren
59 Prozent der Bundesbürger für den Namen "Reichstag", 29 Prozent
favorisieren "Bundestag". Was für eine Traditionsverbundenheit dahintersteht,
macht ein Leserbrief in der FAZ deutlich, in dem erläutert wird, der
Reichstagsbrand habe einige Tage vor der Wahl von Hitlers Reichstag stattgefunden,
Hitler habe also nie im Reichstagsgebäude gesprochen. Und auch Hermann
Göring habe dort nur ein halbes Jahr amtiert, zudem in einer Zeit,
in der das Parlament fast dauernd aufgelöst gewesen sei. Fazit: "So
war denn das Reichstagsgebäude niemals ein Symbol des Dritten Reiches,
sondern des Kaiserreiches und der Weimarer Republik. Und es sollte wenigstens
an einer einzigen offiziellen politischen Stelle noch sichtbar sein, daß
es einmal ein 'Reich' gegeben hat."
50 Jahre
"Bedrohlich" findet es Günther
Beckstein, der Innenminister des Freistaats, wenn Bundeskanzler Gerhard
Schröder künftig auf eine Erörterung von Vermögensfragen
sogenannter Vertriebener verzichten wolle. Wenn Volksdeutsche bedroht werden,
so Beckstein auf einer Veranstaltung zum fünfzigjährigen Bestehen
der Schlesischen Landsmannschaft, dann ist das ein Fall für die Gerichte.
In diesem Fall ein Fall fürs Bundesverfassungsgericht. Das müsse
nämlich einschreiten, wenn die Bundesregierung gegen ihre grundgesetzlich
verankerte Obhutspflicht verstoße, was Schröder getan habe,
als er am 8. März bei seinem Treffen mit dem tschechischen Ministerpräsidenten
Milos Zeman "deutsche Rechtsansprüche preisgegeben" habe. Schröder
hatte angekündigt, "weder heute noch in Zukunft in Zusammenhang mit
der Enteignung sudetendeutscher Vertriebener Vermögensfragen aufzuwerfen".
Der CDU-Abgeordnete Karl Lamers dazu: "Dämlich."
Flucht und Vertreibung
Seit neun Jahren müssen sich
Berliner mit der Frage herumschlagen, was eigentlich in das historische
Stadtschloß hinein soll, wenn es erst neu gebaut ist, nachdem der
unhistorische Palast der Republik abgerissen wurde. Und sie müßten
sich bestimmt noch neun weitere Jahre quälen, gäbe es nicht Erika
Steinbach, die Präsidentin des Bundes der Vertriebenen (BdV). Die
hatte die rettende Idee. Für das neue Hohenzollern-Schloß kommt
nur eine Nutzung in Frage - als Sitz einer noch zu gründenden BdV-"Stiftung
Zentrum der 15 Millionen". Womit auch gleich für ein Schloßgespenst
gesorgt wäre.
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Die Nachrichten wurden
von Dietl, Spannbauer und Weber zusammengestellt
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