 |
 |
Wehrpflicht illegal?
Schweißfüße der
Reserve
Von Markus Bickel und Andreas Spannbauer
Haben Sie gedient? Glaubt man der
Kreuzberger Spaßguerillatruppe KPD/RZ, lautet für die meisten
Kreuzberger Jugendlichen die Antwort auf diese Frage schon jetzt "Bedaure".
Was für Kreuzberg gut ist, kann für Deutschland nicht schlecht
sein, müssen sich auch die Richter am Potsdamer Landgericht gedacht
haben. Die Wehrpflicht, so entschieden sie in einem Prozeß gegen
einen Totalverweigerer, verstoße gegen das Grundgesetz. Angesichts
der "veränderten militärischen und geopolitischen Lage" stelle
der Zwangsdienst einen "nicht mehr verhältnismäßigen Grundrechtseingriff"
dar. Jetzt soll das Bundesverfassungsgericht prüfen, ob die allgemeine
Wehrpflicht mit dem Grundgesetz vereinbar ist.
Die Entscheidung ist bombenaktuell:
Wehrpflichtige Weicheier, denen beim ersten Granateinschlag die Hosen feucht
werden, kann man in Zeiten des Ernstfalls allemal als Latrinenputzer gebrauchen.
Um den Serben zu zeigen, wo der Scharping den Amselfelder holt, braucht
es vielmehr echte Ledernacken. Krieg ist wieder "in" - doch der Trend geht
weg von Wehrpflicht und Schützengraben. Waffentechnisch minderqualifizierte
Körper, die sich im Schlamm suhlen, dürften auch im Unterstand
auf der Hardthöhe als dysfunktional gelten. En vogue sind dagegen
Krisenreaktionskräfte mit schicken Accessoires für die hochtechnologische
Kriegsführung.
Selbst dem Laien erschließt
sich die notwendige Modernisierung auf den ersten Blick. Seitdem der Russe
höchstens noch wegen seines Alkohol-Konsums eine Bedrohung für
den Weltfrieden darstellt, sind nicht mehr Massenaufmärsche, sondern
flexible Stoßtrupps gefragt: Die Homepage der Bundeswehr weiß:
"Deutschlands Sicherheit ist auf absehbare Zeit nicht bedroht." Statt dessen
warten über 40 Krisenzonen auf eine humanitäre Visite von Scharpings
scharfen Schützen. "In Gebieten, in denen es heute noch friedlich
ist, können schon morgen Risiken auch für unser Land entstehen."
Und wenn es um unser Land geht, will man sich nicht auf die lebenden Sandsäcke
von der Oder-Front verlassen, die höchstens als Statisten in Kreuzigungs-Videos
zu gebrauchen sind.
So überflüssig die Wehrpflicht
also für das militärische Handwerk ist, so notwendig ist sie
zur Einschwörung des vom Krieg entwöhnten und ferngehaltenen
Pöbels auf das nächste Gefecht. Weil man in Deutschland an der
Heimatfront nicht nur Ruhe, sondern Hurrageschrei erwartet, muß sich
wenigstens der Onkel mal beim Manöver Schweißfüße
geholt haben. Im Blitzkrieg gegen den Intellekt, den die Marketing-Offiziere
des Heeres seit Jahren führen, heißt das Verteidigungskultur
oder Mitverantwortung für den Schutz von Freiheit und Recht, oder
anders gesagt: Wir haben die Demokratie von unseren Enkeln nur geliehen
und keine zweite im Leopard II-Kofferraum.
Weil dem so ist, muß man mit
einem Dolchstoß aus Karlsruhe für die vaterlandslosen Gesellen
in Potsdam rechnen. Rupert Scholz von der CDU, der sein Gehirn im Spind
vergessen haben muß, hat bereits klargestellt: "Eine Verfassungsnorm,
auf der das Wehrpflichtgesetz beruht, kann nicht verfassungswidrig sein."
Damit auch morgen Schütze Arsch noch dabei ist, wenn es wieder heißt:
Ruhe im Glied! |