Tod eines Reformprojekts
Familien-, Unternehmer- oder Bürgerrechtspartei?
Die Bündnisgrünen wissen selbst nicht so genau, an wen sie sich
als nächstes verkaufen sollen
Der Traum ist aus. "Rot-Grün
als Reformprojekt ist tot." Kein Geringerer als Jürgen Trittin, Bundesumweltminister
in der ersten Regierung aus Bündnis 90/Die Grünen und SPD, ist
aufgewacht und hat es gleich dem stern erzählt. Nun ist die Aufregung
in seiner Partei groß. Auf dem Parteitag der Berliner Grünen
am Wochenende war Trittin gar zur unerwünschten Person erklärt
worden. "Trittin soll sich hier bloß nicht blicken lassen", polterte
Vorstandssprecher Andreas Schulze. Dabei hatte Schröders Watschenmann
einfach nur eine unübersehbare Tatsache in Worte gekleidet.
Ausgerechnet mit der SPD woll(t)en
die Grünen das Land emanzipatorisch verändern. Der Versuch ist
fehlgeschlagen, und die Grünen könnte das den politischen Kopf
kosten. Bereits nach dem Abschluß der Koalitionsverhandlungen im
vergangenen Jahr war klar, daß diese Bundesregierung kein Reformprojekt
ist. Was die grüne Regierungspräsenz rechtfertigte, waren zwei
Vorhaben: die doppelte Staatsbürgerschaft und der Atomausstieg. Beide
sind gescheitert. Andere, und seien es nur symbolische Paradigmenwechsel:
Fehlanzeige. Was bleibt, ist Rot-Grün - ohne Reformprojekt. Und auch
damit kann es schnell vorbei sein, wie das Beispiel Hessen zeigt.
Ein knappes halbes Jahr nach der
Abwahl der Regierung Kohl ist die einzig wahrnehmbare Veränderung
keine gesellschaftliche, sondern die der Grünen: Sie passen sich weiter
an - symbolisch wie politisch. Die Bundestagsfraktion wird nicht mehr von
Sprechern nach außen vertreten, sondern von Vorsitzenden geführt.
Die Anpassung der Parteistrukturen an die Parteien herkömmlichen Typs
ist längst keine Frage des Ob mehr, sondern des Wann, Wie und Mit-Wem.
Ihre Forderungen aus dem Wahlprogramm haben die Grünen schon in den
Verhandlungen um die Regierungsbeteiligung abgeschrieben. Mittlerweile
ist selbst das magere Ergebnis der Koalitionsverhandlungen obsolet. Der
erste militärische Kriegseinsatz der Bundeswehr wird von einem grünen
Außenminister gerade vorbereitet.
Nun sind die Grünen in der
verdienten Krise. "Wir laufen auf den Abgrund zu, und die Schritte werden
schneller", hat der Fraktionsvorsitzende der grünen Bundestagsfraktion,
Rezzo Schlauch, richtig erkannt. Glaubt man dem ZDF-Politbarometer, steht
die Öko-Partei bereits unmittelbar vor dem Abgrund: Sie kommt bundesweit
auf gerade mal fünf Prozent.
Die Grünen sind Gefangene ihrer
eigenen strategischen Option - gelähmt durch ihre Fixierung auf die
SPD. Das hat Trittin richtig begriffen und erntet deswegen wütende
Reaktionen aus den eigenen Reihen von denjenigen, die immer noch an den
Selbstbetrug glauben. Doch so richtig die Analyse, so falsch sind seine
Schlüsse. Wenn Rot-Grün "als Reformprojekt" gescheitert ist,
so seine Logik, dann könne perspektivisch auch mit der CDU regiert
werden. Denn es spräche "mittelfristig für die CDU als Partner
genausoviel und -sowenig wie für die SPD". Diese Logik funktioniert
jedoch nur, wenn es den Grünen egal ist, was für eine Politik
unter ihrer Beteiligung gemacht wird. Denn eine Oppositionsoption hat auch
Trittin nicht. Es scheint so, alles wolle er die gegenwärtige erbärmliche
grüne Regierungspraxis zum Prinzip erheben: Dabeisein ist alles -
bis zur Selbstaufgabe. So mancher Öko-Stammtisch hat da schon den
Beginn tabufreier Diskussionen angekündigt: Sind die Grünen vielleicht
einfach zu doof?
Die Flüchtlingspolitik der
Regierung etwa läßt diese Frage aufkommen. Auch unter Rot-Grün
werden selbstverständlich weiterhin Flüchtlinge abgeschoben.
Dabei hätte das grüne Außenministerium durch einen neuen
Lagebericht über die Verhältnisse in der Türkei längst
für einen Abschiebestopp gesorgt werden können - trotz Otto Schily.
Doch der Lagebericht ist immer noch nicht über die Entwurfsphase hinausgekommen.
Von der als dem Erfolg der Grünen
bei den Koalitionsverhandlungen verkündeten Änderung des deutschen
Staatsbürgerschaftsrechts ist nach dem "Kompromiß" mit der FDP
nur noch ein Torso übriggeblieben. Dabei war schon der ursprüngliche
Entwurf von Schily eine Katastrophe. Doch nicht einmal der offene Bruch
des Koalitionsvertrages hat die Grünen aufbegehren lassen.
Aus dem Einstieg in den Ausstieg
aus der Atomenergie ist ein Wiedereinstieg in die Wiederaufbereitung geworden:
Im Herbst werden die ersten Castor-Transporte wieder rollen. Während
inzwischen sogar Sozialdemokraten wie der niedersächsische Umweltminister
Wolfgang Jüttner der Bundesregierung vorwerfen, sie habe sich beim
Atomausstieg "von der Energiewirtschaft das Ruder aus der Hand nehmen lassen",
erklärt Grünen-Fraktionschefin Kerstin Müller: "Bezüglich
der Atompolitik haben wir die Widerstände in der Bevölkerung
unterschätzt" - die sich für sie offenbar auf die Besatzung an
den Vorstandstischen der Atomkonzerne beschränkt.
Die sogenannte Ökosteuer ist
eine Energieverpulverbelohnungssteuer geworden: Ausgerechnet energieintensive
Betriebe müssen nichts zahlen. Und nicht einmal eine neue Sommersmogverordnung
konnte der grüne Umweltminister durchbringen. Der Entwurf seines Ministeriums
überlebte nur einen Tag - dann wischte ihn Kanzler Schröder als
"autofeindlich" vom Tisch.
Die Erklärungsmuster führender
Grünen-Politiker für den rasanten Abwärtstrend sind leicht
verstaubt: Die Partei ist schuld, weil sie nämlich noch immer gar
keine richtige sei. Das jedenfalls verkündeten Oberrealo Joseph Fischer
und der Vorzeigelinke Trittin vor dem Erfurter Parteitag. Die Grünen
müßten sich endlich strukturell zur "normalen" Partei wandeln,
um regierungsfähig zu werden. Die Doppelspitze gehöre ebenso
abgeschafft wie die Trennung von Amt und Mandat. Noch wollte ihnen die
Bundesdelegiertenkonferenz nicht folgen. Auch Jungrealo Matthias Berninger
scheiterte am vergangenen Wochenende in der Realohochburg Hessen mit seinem
Vorstoß, entsprechende Satzungsänderungen wenigstens im Äppelwoi-Land
durchzusetzen und dadurch neben seinem Bundestagsmandat auch noch Chef
der hessischen Grünen zu werden. Aber die Strukturänderungen
werden kommen. Spätestens nach der nächsten Wahlniederlage, auch
wenn das eine mit dem anderen nichts zu tun hat.
Eine andere Erklärungsvariante:
die Grünen seien programmatisch nicht "modern" genug. Entsprechend
forderte der Landtagsabgeordnete Karl-Martin Hentschel auf dem ebenfalls
am letzten Wochenende abgehaltenen kleinen Parteitag der schleswig-holsteinischen
Grünen, die Grünen müßten sich als Partei des technischen
und sozialen Fortschritts begreifen und sollten aufhören, den Eindruck
zu erwecken, "als wollten wir unsere Wähler zu Hause einsperren, überall
Straßensperren einbauen und ihnen den Urlaub vermiesen". Ähnlich
zukunftsweisende Vorschläge hat auch Berninger zu bieten, der ganz
nebenbei die ausländerfeindliche Unterschriftenkampagne der Union
ruckzuck zu einer Integrationskampagne umdefiniert: "Wenn die Union den
Grünen das Thema Integration klaut, müssen wir der Union eben
das Thema Familie klauen."
Die Grünen unterstützen
in der Bundesregierung die dreisteste Wirtschaftslobbypolitik, die die
Bundesrepublik je sah. Sie setzen sich über ihre Programmatik hinweg
wie andere politische Zusammenschlüsse über leere Kopierkartuschen
und ziehen sich den unsympathischsten Nadelstreifennachwuchs seit den Jungen
Liberalen heran. Wenn sie eine Zukunft haben wollen, sollten sie eine Regierungspause
einlegen. Und wenn sie darauf verzichten - dann wird sich dieses Thema
recht bald von alleine erledigen.
Aber man sollte auch nicht zu ungerecht
mit der einstigen Partei der Startbahnkämpfer und Mutlangenblockierer
sein. Es soll keiner sagen, die Grünen würden keine radikalen
Forderungen mehr stellen. Erst vergangenen Donnerstag beispielsweise. Kämpferisch
stellte sich die grüne Bundestagsabgeordnete Irmingard Schewe-Gerigk
da auf die Seite der Ausgebeuteten und Entrechteten. Die geplante Abschaffung
der "Bahncard Würmeling" für Familien ab drei Kindern sei "nicht
akzeptabel", erklärte die familienpolitische Sprecherin der grünen
Fraktion. "Wir unterstützen die Forderung des Familienbundes der Deutschen
Katholiken an die Deutsche Bahn AG, in ihrer Preispolitik auf Familien
mit Kindern Rücksicht zu nehmen." Das hat gesessen.
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