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Ostalgie dient der Emanzipation
Vor der Kritik der Ost-Identität
sollte eine Gesellschaftsanalyse stehen.
Von Matthias Bernt
Eines muß man Ivo Bozic lassen:
Er ist einer der wenigen Wessis, die es wagen, ungeniert das über
den Osten zum besten zu geben, was sich andere nur am Stammtisch zu sagen
trauen. Der Kern westdeutscher, linker Stammtischanalyse ist allerdings
dann erreicht, wenn "Osten" mit "Hoyerswerda, Rostock und Gollwitz" gleichgesetzt
wird. "Ostalgie" hat nach dieser Ansicht nur den Zweck, sich in eine Opferrolle
zu begeben, alles Böse nach außen, "auf den Wessi, den Juden
und den Behinderten" zu projizieren.
Ost-Identität wird nur als
falsches Bewußtsein denunziert, aber nicht erklärt. Gesellschaftliches
Bewußtsein wird jedoch, das sollte eigentlich klar sein, von gesellschaftlichem
Sein bestimmt, oder doch wenigstens geprägt. Wenn Ost-Identität
das Denken, Fühlen und Handeln von derart vielen Menschen zwischen
Elbe und Oder derart weit bestimmt, muß es dafür Gründe
geben, die nicht in den Gemütern der Menschen wurzeln, sondern in
den gesellschaftlichen Realitäten der angeschlossenen DDR zu kurz
kommen. Statt Ideologiekritik wäre also hier vor allem erst einmal
etwas Gesellschaftsanalyse notwendig.
Eine Ursache für die Virulenz
ostdeutschen Selbstbewußtseins ist die quasi-koloniale Gesellschaftsstruktur
zwischen Oder und Elbe. Denn der Zusammenbruch und die Entwertung der DDR
sind nicht einfach nur Ergebnis der "unsichtbaren Hand" des kapitalistischen
Weltmarktes, sondern wesentlich eine Folge der von der westdeutschen herrschenden
Klasse betriebenen monetaristischen Entwertungs- und Abwicklungspolitik
(unter der auch Rheinland-Pfalz in die Knie gegangen wäre, hätte
es sie je erleiden müssen) gegen die DDR. Das Resultat dieser Politik
ist nicht nur die industrielle Verödung Ostdeutschlands gewesen, sondern
auch ein ungeheurer Vermögenstransfer nach Westen. Die Besitzer von
Fabriken, Immobilien und dicken Bankkonten sind darum heute in der ehemaligen
DDR so gut wie immer Westdeutsche.
Genau dasselbe gilt für die
politischen Führungsstäbe: Angemessen repräsentiert sind
Ostdeutsche nur in den Landtagen und im Bundestag (und dort wohl auch nur
durch das Vorhandensein der PDS). In den Chefetagen der Gewerkschaften
und Wirtschaftsverbänden und in der Medienelite kommt gerade mal jeder
zehnte aus der DDR, in der Wissenschaft noch weniger. Faktisch nicht vorhanden
sind Ossis in den Führungsstäben des Militärs, in den Spitzenetagen
der Verwaltungen und in den Managerzentralen der großen Konzerne.
In der sozialwissenschaftlichen "Elitenzirkulationsforschung" über
Ostdeutschland gilt mittlerweile der sogenannte "doppelte Rangeffekt" als
Binsenweisheit: Je höher die Position in Verwaltung, Justiz, Rundfunkanstalten
oder Banken, desto höher ist der Anteil Westdeutscher, je niedriger
die Ebene, desto häufiger ist ostdeutsches Personal vertreten.
In einer solchen Gesellschaftsstruktur
ist die Verknüpfung von "oben" mit "Westen" und von "unten" mit "Osten"
nahezu zwangsläufig. Und hier entsteht Ost-Identität - in der
Auseinandersetzung mit dieser Gesellschaftsstruktur und als kollektives
Erfassen von Unterprivilegierung. Die gemeinsame Unterprivilegierung der
Ossis wird zu einer kollektiven Erfahrung, die "uns hier" verschieden von
"denen da drüben" macht. Macht im Westen und Machtlosigkeit im Osten
werden zu einem Grundmuster gesellschaftlicher Wahrnehmung.
Wie in der Realität sind darum
auch in den Witzen Ossis immer arm und arbeitslos, während die Wessis
die Chefs sind, die einen dicken Mercedes fahren.
Mit der Formulierung einer gemeinsamen
Ost-Identität schaffen sich Ostdeutsche darum einen Boden, auf dem
sie ihre Lage verstehen, interpretieren und sich in sozialen Konflikten
verorten können. Dabei erfinden sie sich selbst als ethnische Gruppe.
Sie stecken einen eigenen Raum für symbolische Politiken ab, in dem
sie ihre gemeinsame Vergangenheit und ihre gemeinsame Unterprivilegierung
betonen und in dem sie sich mit Machtverhältnissen auseinandersetzen.
Und genau damit bauen sie sich,
völlig unabhängig von allen innerlinken Wertedebatten, die Grundlagen
für eine emanzipative Politik auf. Sie formulieren kollektive Interessen,
sie klagen ihre Benachteiligung in den gegenwärtigen Gesellschaftsstrukturen
an und sie fordern (bisher noch sehr verhalten) Veränderung.
Der Autor ist Mitarbeiter der ostdeutschen
Zeitschrift telegraph. |