Links? Rechts? - Revolutionär!
Die nationalrevolutionäre und
antisemitische Zeitschrift Sleipnir sucht das Bündnis mit der deutschen
Linken.
Von Hugin und Munin
Die Anklagepunkte lauten "Volksverhetzung"
und "Verunglimpfung des Staates". Seit Anfang März läuft vor
einem Berliner Gericht ein Verfahren gegen den Herausgeber der rechtsextremistischen
Zeitschrift Sleipnir, Andreas Röhler, und seinen Mitarbeiter Peter
Töpfer. Wohl bei wenigen dürfte das Adjektiv "gerichtsbekannt"
so zutreffend sein wie bei Andreas Röhler, dem Berliner Verleger und
Vertreiber rechtsextremistischer und antisemitischer Schriften (1).
Seitdem er 1995 zusammen mit Peter
Töpfer (2) die Zeitschrift Sleipnir - benannt nach dem achtbeinigen
Roß des germanischen Heldengotts Odin - begründet hatte, verging
kaum ein Jahr ohne Hausdurchsuchung, kein Jahr ohne Ermittlungsverfahren
gegen seinen Verlag der Freunde (VdF). Anlaß für die Polizeiaktionen
waren entweder in Sleipnir veröffentlichte Artikel, wie 1997 ein von
Ingrid Weckert unter dem Pseudonym "Hugo Rauschke" verfaßter Text
mit dem Titel "Zweimal Dachau", oder Bücher aus dem Eigenverlag wie
ein Werk des französischen Holocaust-Leugners Serge Thion (3).
Im aktuellen Verfahren verhandelt
das Amtsgericht Berlin-Tiergarten u.a. den Vorwurf, daß der VdF den
antisemitischen Longseller "Die Protokolle der Weisen von Zion" vorrätig
hielt, nach Angaben Röhlers ausschließlich zu wissenschaftlichen
Zwecken - versteht sich.
Solche und ähnliche Verschleierungsversuche
begleiten das Projekt Sleipnir von Anfang an, will die Zeitschrift doch
im Sinne einer Querfrontstrategie publizistisch zusammenfügen, was
politisch anscheinend nicht zusammenpaßt. Dabei beschränken
sich die Herausgeber nicht darauf, die "Nationale Frage" als Diskussion
zwischen Links und Rechts zu inszenieren, wie es zum Beispiel die nationalrevolutionäre
Zeitschrift wir selbst derzeit vormacht. Wesentliches Merkmal von Röhlers
Publikation ist der Versuch, der Linken ein Bündnis schmackhaft zu
machen, indem eine gemeinsame oppositionelle - und im Verständnis
von Sleipnir systemüberwindende - Identität unter anderem aus
der gemeinsamen Verteidigung der Rede- und Meinungsfreiheit abgeleitet
wird.
Mit Hinweis auf den übergeordneten
Wert der Meinungsfreiheit wird die Linke aufgefordert, wahlweise die Leugner
des Holocaust selber oder deren Freiheit, die Leugnung des Holocaust zu
publizieren, oder auch nur deren Verteidiger zu verteidigen. Der Verlag
bezeichnet dies als "Kampf um die Gewährleistung der Freiheit der
wissenschaftlichen Forschung, des freien Zugangs zu Informationen, der
Pressefreiheit - d.h. um die Würde des Menschen (Ö)". (4)
Seit der Erstausgabe druckt Sleipnir
daher Texte von Linken nach, um eine gemeinsame Debatte zu inszenieren,
die so nie stattfand. Seine schriftliche Absage, an einem Buchprojekt des
Verlags teilzunehmen, katapultierte beispielsweise schon 1995 Ralph Giordano
in das Blatt. Und noch mehr als zwei Jahre später wird er als Linker
genannt, dem Raum in der Zeitschrift gegeben wurde.
Bei anderen Verschleierungsversuchen
wird auf die Unbedarftheit gerade linker AutorInnen spekuliert, die der
freundliche Verlagsname nicht mißtrauisch macht. Darauf fielen selbst
im Thema versierte Kollegen wie Wolfgang Wippermann oder der Österreicher
Michael Ley herein, und nur wenige, wie der Berliner Transit Verlag oder
Hans Magnus Enzensberger, wehrten sich nachträglich gegen solcherart
Freundesbeweise. In anderen Fällen druckte Sleipnir Erklärungen
aus anderen Zeitungen nach, um den Eindruck zu erwecken, deren AutorInnen
beteiligten sich an der Diskussion in Röhlers Blatt (siehe den obenstehenden
Titel von Sleipnir mit dem "Autoren" Hans Modrow, der nie etwas mit der
Zeitschrift zu tun hatte).
"Warum Sleipnir?" fragte Andreas
Röhler 1997 in einem Offenen Brief. Die Antwort hatte Michael Koth
jedoch schon 1995 formuliert: "Sleipnir reißt alte Schranken zwischen
'rechts' und 'links' nieder und entwickelt sich zum bedeutendsten Dialogorgan
beider Lager. Was im Oktober 1993 auf den Barrikaden Moskaus mit Blut besiegelt
wurde, nämlich das Kampfbündnis von Kommunisten und Nationalisten
(Ö), was in der KDVR (Nordkorea) seit fünf Jahren Staatspolitik
ist, sollte auf deutschem Boden doch wohl auch zu verwirklichen sein!"
(5)
Koth war damals noch stellvertretender
Vorsitzender der KPD/DDR und ist inzwischen Vorsitzender der Partei der
Arbeit Deutschlands (PdAD) - "kleine Schwester" der nordkoreanischen PdAK.
Seine Sammlungsversuche führten den Nationalkommunisten inzwischen
in die Arme der NPD, die ihn, den Vertreter eines deutschen Sozialismus,
auf dem NPD-Kongreß am 7. Februar 1998 in Passau mit einem eigenen
Info-Stand belohnte.
Ebenfalls eingeladen war Andreas
Röhler, der sein Blatt den NPD-Parteigängern immer stärker
geöffnet hatte, schon bevor sich die Nationalkommunisten, also jene,
die Sleipnir der Nationalen Linken zurechnen, zum linken Flügel des
Neofaschismus erklärt hatten. Berliner und Hamburger Neofaschisten
wurden Autoren, das Mitglied des NPD-Bundesvorstandes Hans Günter
Eisenecker Röhlers Anwalt.
Diese Entwicklung hin zur NPD, verbunden
mit der engen Bindung an Holocaust-leugnende Personen und Strukturen, dürfte
es dem Blatt zukünftig schwerer machen, mit seinen lagerübergreifenden
Strategien Raum zu gewinnen. Eine Strategie, die allenfalls noch verfängt,
wenn Ex-Linke so verstört agieren - und denken - wie Horst Mahler,
der sich inzwischen auch der Zustimmung des in Hamburg inhaftierten Kopfes
der NSDAP-AO, Gary Lauck, sicher ist. Selbstverständlich, daß
Töpfer und Röhler auch an Mahlers Montagsdemonstration am 15.
Februar 1999 in Berlin-Kreuzberg teilnahmen.
Weitere Aufklärung über
die tatsächliche Struktur und die personellen Bündnisse, die
der Verlag der Freunde anstrebt, können Unterlagen liefern, die dem
Verlag zur Jahreswende aus den Geschäftsräumen in Berlin-Prenzlauer
Berg abhanden kamen. Ein Teil dieser Papiere liegt der Jungle World vor.
Die Unterlagene aus dem Büro von Andreas Röhler belegen viele
bekannte Verbindungen und beweisen einige neue.
(1) Der Betriebswirt Andreas Röhler
war Mitglied der Ostberliner Literaturszene im Prenzlauer Berg und veröffentlichte
Gedichte. 1985 reiste er nach Westberlin aus. Seit 1993 betreibt er den
Verlag der Freunde, in dem seit 1995 die Zeitschrift Sleipnir erscheint.
(2) Peter Töpfer kommt aus
Ostberlin. 1990 ist er Herausgeber der antikommunistischen Zeitschrift
Der Montag. Zwei Jahre später fällt er als Verteiler eines "Gründungsaufrufs
der Nationalen Linken (NL)" auf, in der sich "junge Menschen zusammengefunden
(haben), die linke Politik nicht am Volk vorbei betreiben wollen". Ab Mai
1995 ist Töpfer Mitinhaber des Verlags der Freunde, der als "Andreas
Röhler und Peter Töpfer GbR" firmiert und damit Mitherausgeber
von Sleipnir. Seit November 1996 erscheint er nicht mehr im Impressum,
Ende 1998 aber im Inhaltsverzeichnis.
(3) Serge Thion ist Mitarbeiter
des Pariser Verlags La Vieille Taupe. Anfangs eine marxistische Zeitschrift
mit angeschlossener Buchhandlung, hat sich La Vieille Taupe mittlerweile
zum führenden französischen Verleger der Holocaust-Leugner entwickelt,
die sich selbst als "Revisionisten" bezeichnen. 1980 veröffentlichte
Thion in Frankreich "Vérité historique ou vérité
politique", das der Verlag der Freunde 1984 in einer erweiterten Fassung
unter dem Titel "Historische Wahrheit oder Politische Wahrheit. Die Macht
der Medien. Der Fall Faurisson" publizierte. Seit 1995 schreibt Thion für
Sleipnir.
(4) Andreas Röhler und Peter
Töpfer im November 1995.
(5) Werbeschreiben des VdF vom Mai
1995. |