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Abgehalfterte Fohlen
Die Hoffnungsträger der Borussen
heißen Bonhoff, Vogts und Netzer
"Außer Fußball passiert
hier nichts!" resignieren Mönchengladbacher gern wenn sie die Tristesse
in ihrer Stadt beschreiben müssen. Im letzten Jahr wäre es mit
der fußballerischen Erstklassigkeit aber beinahe auch vorbei gewesen,
erst am letzten Spieltag konnte sich die Borussia, dank der Tölpeligkeit
des Karlsruher SC, doch noch vor dem Abstieg retten und weiter Bundesligist
sein.
So etwas wollte man in Gladbach
auf keinen Fall noch einmal erleben. Fortan sollte vernünftig gewirtschaftet
werden, der geplante Börsengang forciert und der Bau des neuen Superstadions
endlich in Angriff genommen werden. Ein bißchen merkwürdig erschienen
solche Pläne eines Provinzvereins, der seit mehr als zwei Jahrzehnten
von vergangenem sportlichem Ruhm zehrt, schon. Denn in der letzten Saison
hatte es immer wieder Gerüchte gegeben, daß die Borussia im
Abstiegsfall wegen ihrer finanziellen Situation keine Lizenz für die
Zweite Liga erhalten, sondern gleich ins Amateurlager abrutschen werde
- woher würde der Verein nun das Geld für seine ehrgeizigen Projekte
nehmen?
Diese Frage stellte sich in der
neuen Saison jedoch erstmal nicht, denn die Borussen befanden sich zwar
nach deren Anpfiff durch ein 3:0 gegen Schalke kurzfristig an der Tabellenspitze,
gerieten sofort danach jedoch wieder in die gewohnten sportlichen Schwierigkeiten.
Zu denendann rasch auch finanzielle kamen, denn der Verein verfügt
weder über genügend notorische Hardcore-Fans, die selbst nach
der dritten Niederlage hintereinander fröhlich ihren Eintritt zahlen
noch über ein einigermaßen großes Einzugsgebiet - schon
im benachbarten Aachen fährt man zum Fußballgucken lieber in
die nahen Niederlande oder gleich zu den Ruhrgebietsvereinen.
Es folgte das, was in vom Abstieg
bedrohten Fußballvereinen traditionell folgt, Personalwechsel, Schuldzuweisungen,
undurchschaubare Intrigen und Schönfärbereien. "Gladbachs Situation
erinnert mich an die Lage in Frankfurt vor dem Abstieg 1996. Seit Jahren
herrscht am Bökelberg Unruhe, bedingt durch häufige Trainerwechsel,
Streit im Präsidium und sehr hohe Schulden", schrieb der frühere
Eintracht-Manager Bernd Hölzenbein im Kicker. In derselben Woche trat
der dritte neue Vorstand in dieser Saison seinen Dienst am Niederrhein
an, um die Träume vom Börsengang und einem neuen Stadion zu verwirklichen
- dabei kann man eigentlich froh sein, daß keines der beiden Projekte
bisher verwirklicht wurde. Die Borussia-Aktien würde man im Moment
wahrscheinlich sowieso nicht los werden, und ein Super-Stadion, in dem
gegen Meppen gekickt wird, bliebe trotz allen erdenklichen Komforts inklusive
VIP-Logen und First-Class-Catering doch nur ein weiterer Sportplatz, auf
dem halt gegen Meppen gekickt wird.
Am 19. Februar erschien dann im
Düsseldorfer Handelsblatt ein Bericht, angeblich auf einem internen
Papier des Vereins beruhend, nach dem der Borussia unter Umständen
schon im April die Zahlungsunfähigkeit drohe. Ein Zehn-Millionen-Kredit,
der dem Club zu Saisonbeginn von der Frankfurter BfG gewährt worden
sei, sei bereits aufgebraucht worden, nun müsse man erneut fünf
Millionen aufnehmen, um den laufenden Betrieb zu rechtfertigen.
Dieser neue Kredit, über den
zur Zeit verhandelt werde, müsse bis zum 30. Juni dieses Jahres zurückbezahlt
werden. Als Sicherheit fordere die Bank angeblich alle Transfererlöse
der Borussia, was im Nicht-Zahlungsfall dann jedoch zu weiteren Problemen
für den Club führen könnte. Das Handelsblatt schrieb weiter,
daß der Verein - falls er nicht absteigt - die Lizenzauflagen des
DFB nur unter großen Schwierigkeiten erfüllen könne. Denn
bis zum Saisonende werde von den Verantwortlichen ein Minus von 14 bis
17 Millionen Mark erwartet, zur Lizenzsicherung müßten deshalb
Spieler im Wert von mindestens zehn Millionen Mark verkauft werden.
Auf diesen Artikel reagierte man
in Mönchengladbach ebenso schnell wie unüberzeugend. Der ehemalige
Borussen-Spieler Berti Vogts erklärte in einem Interview mit WDR 2:
"Ich bin noch völlig geschockt von den Zahlen, die ich in der Presse
gelesen habe. Das hört sich allerdings ganz anders an, wenn man mit
den verantwortlichen Leuten spricht, was ich schon getan habe." Deshalb
wußte der bisher nie durch kaufmännische Grundkenntnisse Aufgefallene:
"Der Spielbetrieb ist gesichert, ein Zwangsabstieg sogar bis in die Regionalliga
überhaupt kein Thema." Zahlen, die dies untermauern könnten,
wurden jedoch nicht präsentiert, statt dessen deutete man an, eventuell
rechtliche Schritte einzuleiten.
Die blieben aus, statt dessen versteift
man sich nun, wie gewohnt, auf die Protagonisten vergangener, besserer
Tage. Im festen Glauben daran, daß mit den Mitgliedern der ehemaligen
Fohlenelf wieder an alte Erfolge angeknüpft werden kann, annoncierte
man Berti Vogts als künftiges Aufsichtsratsmitglied.
Unterdessen verlor die Borussia
auch nach dem Ende der Winterpause wieder und stand weiter mit gerade zehn
Punkten am Tabellenende. Neun Punkte aus den ersten vier Spielen nach der
Winterpause hatte Trainer Rainer Bonhof, ebenfalls ein ehemaliger Spieler
der legendären Gladbacher Fohlenelf, zuvor gefordert. Die Mannschaft
habe immerhin erkennen lassen, daß sie lebe, hatte der Coach die
Heimniederlage gegen Kaiserslautern schöngeredet. Nach dem 0:0 gegen
Frankfurt müssen nun in zwei Spielen acht Punkte geholt werden.
Vogts hatte daraufhin eine Idee
präsentiert, die nicht nur davon zeugt, daß man in Gladbach
noch nie ernsthaft auf die Tabelle geschaut hat, sondern die auch schon
ziemlich alt ist. "Man sollte zwischen Mönchengladbach und Düsseldorf
das beste Sportstadion Deutschlands bauen. Das könnte von Fortuna
Düsseldorf, der Borussia und Rhein Fire (das Düsseldorfer American
Football-Team; E.W.) genutzt werden", schlug er vor und erntete wenig Begeisterung.
Denn traditionell wird diese Idee seit 15 Jahren, als der damalige Borussia-Manager
Helmut Grashoff sie erstmals aufs Tapet brachte, von den Düsseldorfern
sehr höflich abgelehnt.
Vertreter beider Clubs nannten sie
auch diesmal wieder "sehr interessant", betonten aber gleichzeitig, daß
sie mit dem Düsseldorfer Rheinstadion zufrieden seien. Überhaupt,
so fügte Fortuna-Geschäftsführer Paul Jäger hinzu,
sei die "Borussia besser beraten, den Bökelberg in zeitgemäßer
Form auszubauen. Für große Spiele sind sie herzlich im Rheinstadion
willkommen. Zu den bekannten Bedingungen."
Bei Gladbach setzt man unbeirrt
weiter auf die Ex-Fohlen. Nun soll auch Günter Netzer wieder für
die Borussia aktiv werden. Als Geschäftspartner der Schweizer CWL-Gruppe
soll er die Schulden des Vereins reduzieren helfen. Blöd nur, daß
Borussia Mönchengladbach eigentlich keine Rechte mehr besitzt, die
zu vermarkten wären. Die Bandenwerbung im Bökelberg-Stadion wird
von der Deutschen Städtereklame vermarktet. Die Fernsehrechte im Falle
einer dezentralen Vermarktung liegen bis zum 30. Juni 2000 bei der UFA,
der Vertrag mit dem derzeitigen Haupsponsor Belinea wurde gerade bis zum
Jahr 2002 verlängert, Würstchenbuden will CWL ganz sicher nicht
betreiben.
Nach einem Bericht des Kölner
Express ist die Rechtehändler-Gruppe jedoch daran interessiert, alle
bisherigen Verträge zu übernehmen und die Rechte der jetzigen
Borussen-Partner abzulösen. Beträge im zweistelligen Millionen-Bereich
könnten dafür von CWL gezahlt werden. Die Firma habe immerhin
Übung darin, notleidenden Vereinen beizustehen, verweist man in Mönchengladbach
gern auf das Vorbild des 1. FC Kaiserslautern, der von CWL nach dem Abstieg
betreut wurde.
Daß die damalige Situation
in Kaiserslautern eine völlig andere war, verschweigt man dabei. Der
FCK war selbst in der Zweiten Bundesliga noch ein Fußballmonopolist,
in der gesamten Region gab es kaum kickerische Konkurrenz, so daß
der Betzenberg auch damals immer vollbesetzt war. Die Sponsorensuche gestaltet
sich bei einem solchen Verein naturgemäß wesentlich einfacher
als bei einem Club, in dessen Nähe mindestens mittelmäßiger
Erstliga- und ambitionierter Zweitliga-Fußball gespielt werden -
bei der Borussia bleibt man trotzdem euphorisch. Denn man hat ja Rainer
Bonhof als Trainer, Berti Vogts als Aufsichtsrat und Günter Netzer
als Geschäftspartner - jetzt muß nur noch ein Job für Jupp
Heynckes gefunden werden, und alles wird gut. Ganz bestimmt.
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