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Nachhilfe für Heteros
Das Schwulenmagazin "anders trend"
will ohne die Szene-Klischees auskommen, kann aber auf den schwulen Friseur
nicht verzichten
Schwul zahlt gut: Wenn nach jahrelangen
Bemühungen ein schwules TV-Magazin beim Sender RTL eine Chance bekommt,
liegt das nicht nur an der vermeintlich toleranter gewordenen (Fernseh-)
Gesellschaft, die "ihren" (Klischee-) Schwulen aus der Soap ins Herz geschlossen
hat. Ebenso zählt die Einsicht, daß Teile der Schwulenszene
ein mode- und stilbewußtes und daher konsumfreudiges Publikum darstellen
- nicht umsonst waren die Werbezeiten bei "anders trend - das schwule Magazin"
schnell ausverkauft. Bei all dem wundert es nicht, daß die am 22.
Februar ausgestrahlte Pilotsendung wenig Neues bietet.
Georg Uecker, der vor mehr als zehn
Jahren als erster schwuler Seriendarsteller seinen Einstand in der "Lindenstraße"
gab, führt vor orangefarbenem Plüschdekor durch die Sendung.
Ab und zu beschleicht den Zuschauer das Gefühl, hier laufe Hetero-Schulaufklärungsfernsehen.
Eine höchst einfühlsame und belehrende Frauenstimme rät
zum Coming-out, statt jahrelang zermürbende Versteckspiele auf sich
zu nehmen, und beim obligatorischen Beitrag über die Homo-Ehe wartet
man vergebens auf eine kritische Auseinandersetzung darüber, warum
die Forderung nach rechtlicher Gleichstellung zwangsläufig an die
Bedingung der bürgerlichen Eheschließung geknüpft sein
soll.
Zugute halten kann man den Machern
und Macherinnen von "anders trend" vielleicht, daß die einstündige
Pilotsendung unter besonderem Erfolgsdruck stand: Erst einmal gilt es,
die erforderliche Einschaltquote von rund 1,5 Millionen Zuschauern zu erreichen
- erst dann wird entschieden, ob es "anders trend" ab Herbst als wöchentliches
Magazin zu sehen gibt. Dann möchte man auch thematische Schwerpunkte
setzen und wochenaktuell berichten. Erfahrung mit diesem Format sammelte
der Redaktionsleiter David Wilms bereits in einem anderen TV-Magazin: Von
1991 bis 1993 produzierte und moderierte er für den Berliner Lokalsender
FAB das Schwulenmagazin "andersrum", bevor die No-Budget-Produktion trotz
guter Einschaltquoten aus Geldnot eingestellt wurde.
Das Konzept für "anders trend"
lag aus mangelndem Interesse der Sender fünf Jahre in der Schublade,
bis David Wilms und Georg Uecker mit Unterstützung von Alfred Bioleks
Pro GmbH an die TV-Produktionsfirma center tv herantraten. Die Firma ist
seit etwa einem Jahr ein sogenannter "Drittsendeanbieter" bei RTL. Zulassungsbestimmungen
deutscher Privatsender schreiben vor, daß diese jeweils einem unabhängigen
Programmanbieter ein "Fenster" öffnen müssen.
Während bislang immer montags
von 23.30 Uhr bis 24 Uhr Sendungen wie "money trend" oder "natur trend"
gesendet wurden, wollte man bei RTL etwas Neues wagen. Anders bei den öffentlich-rechtlichen
Anstalten, in deren Rundfunkräten auch Vertreter der katholischen
Kirche sitzen. Dort konnte man sich anscheinend nicht mit der Idee des
Schwulenfernsehens anfreunden.
Trotz guter Vorsätze begeht
"anders trend" den Fehler, der nach Darstellung von David Wilms gerade
vermieden werden sollte: Schwulenklischees. Allerdings gibt man das auch
offen zu. Etwas anderes bleibt auch bei einem Beitrag über Schwule
im Berufsleben kaum übrig: Zu selten ist es immer noch, in der Arbeitsumgebung
offen mit der eigenen Sexualität umgehen zu können. Und so muß
das Publikum mit den allseits bekannten Prototypen Vorlieb nehmen: dem
schwulen Friseur, Steward und Masseur. Während die Kamera zeigt, wie
ein Masseur eine Kundin durchknetet, bekommen die weiblichen Zuschauer
wenigstens noch einen guten Rat mit auf den Weg: Nicht so viele Kinder
kriegen, das ist schlecht für's Becken.
Zum Redaktionsteam von "anders trend"
gehören neben Heteros auch Frauen. Warum handelt es sich dennoch um
ein Magazin mit rein schwulen Themen? "Wir können nicht für Lesben
sprechen", erklärt Georg Uecker. Wolle man diesen Umstand durch eine
lesbische Redaktion beheben, stehe man vor dem Problem, die Themen paritätisch
aufzuteilen. Bei nur 24 reinen Sendeminuten kein leichtes Unterfangen.
Außerdem gebe es zwischen Schwulen und Lesben, trotz gemeinsamer
Außenwahrnehmung, beträchtliche Unterschiede. Während sich
schwule Männer in gewissen Mustern auch als Männer verhielten,
sei eine Lesbe eine Frau, die wie heterosexuelle Frauen ohne Gleichstellung
lebe. Bleibt zu ergänzen, daß homosexuelle Frauen keine besonders
lukrative Zielgruppe darstellen.
Mal abwarten, ob "anders trend"
die erhoffte Einschaltquote erreicht hat. Ärgern dürfte dies
vor allem Heinz-Klaus Mertes, erzkonservativer CSUler, gläubiger Katholik
und Macher des Wirtschaftsmagazins "money trend". Dieser beschwerte sich
prompt, ausgerechnet mit einem schwulen Magazin im wöchentlichen Wechsel
den Sendeplatz teilen zu müssen.
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