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3. März 1999 Jungle World

Nachhilfe für Heteros

Das Schwulenmagazin "anders trend" will ohne die Szene-Klischees auskommen, kann aber auf den schwulen Friseur nicht verzichten

Schwul zahlt gut: Wenn nach jahrelangen Bemühungen ein schwules TV-Magazin beim Sender RTL eine Chance bekommt, liegt das nicht nur an der vermeintlich toleranter gewordenen (Fernseh-) Gesellschaft, die "ihren" (Klischee-) Schwulen aus der Soap ins Herz geschlossen hat. Ebenso zählt die Einsicht, daß Teile der Schwulenszene ein mode- und stilbewußtes und daher konsumfreudiges Publikum darstellen - nicht umsonst waren die Werbezeiten bei "anders trend - das schwule Magazin" schnell ausverkauft. Bei all dem wundert es nicht, daß die am 22. Februar ausgestrahlte Pilotsendung wenig Neues bietet.

Georg Uecker, der vor mehr als zehn Jahren als erster schwuler Seriendarsteller seinen Einstand in der "Lindenstraße" gab, führt vor orangefarbenem Plüschdekor durch die Sendung. Ab und zu beschleicht den Zuschauer das Gefühl, hier laufe Hetero-Schulaufklärungsfernsehen. Eine höchst einfühlsame und belehrende Frauenstimme rät zum Coming-out, statt jahrelang zermürbende Versteckspiele auf sich zu nehmen, und beim obligatorischen Beitrag über die Homo-Ehe wartet man vergebens auf eine kritische Auseinandersetzung darüber, warum die Forderung nach rechtlicher Gleichstellung zwangsläufig an die Bedingung der bürgerlichen Eheschließung geknüpft sein soll.

Zugute halten kann man den Machern und Macherinnen von "anders trend" vielleicht, daß die einstündige Pilotsendung unter besonderem Erfolgsdruck stand: Erst einmal gilt es, die erforderliche Einschaltquote von rund 1,5 Millionen Zuschauern zu erreichen - erst dann wird entschieden, ob es "anders trend" ab Herbst als wöchentliches Magazin zu sehen gibt. Dann möchte man auch thematische Schwerpunkte setzen und wochenaktuell berichten. Erfahrung mit diesem Format sammelte der Redaktionsleiter David Wilms bereits in einem anderen TV-Magazin: Von 1991 bis 1993 produzierte und moderierte er für den Berliner Lokalsender FAB das Schwulenmagazin "andersrum", bevor die No-Budget-Produktion trotz guter Einschaltquoten aus Geldnot eingestellt wurde.

Das Konzept für "anders trend" lag aus mangelndem Interesse der Sender fünf Jahre in der Schublade, bis David Wilms und Georg Uecker mit Unterstützung von Alfred Bioleks Pro GmbH an die TV-Produktionsfirma center tv herantraten. Die Firma ist seit etwa einem Jahr ein sogenannter "Drittsendeanbieter" bei RTL. Zulassungsbestimmungen deutscher Privatsender schreiben vor, daß diese jeweils einem unabhängigen Programmanbieter ein "Fenster" öffnen müssen.

Während bislang immer montags von 23.30 Uhr bis 24 Uhr Sendungen wie "money trend" oder "natur trend" gesendet wurden, wollte man bei RTL etwas Neues wagen. Anders bei den öffentlich-rechtlichen Anstalten, in deren Rundfunkräten auch Vertreter der katholischen Kirche sitzen. Dort konnte man sich anscheinend nicht mit der Idee des Schwulenfernsehens anfreunden. 

Trotz guter Vorsätze begeht "anders trend" den Fehler, der nach Darstellung von David Wilms gerade vermieden werden sollte: Schwulenklischees. Allerdings gibt man das auch offen zu. Etwas anderes bleibt auch bei einem Beitrag über Schwule im Berufsleben kaum übrig: Zu selten ist es immer noch, in der Arbeitsumgebung offen mit der eigenen Sexualität umgehen zu können. Und so muß das Publikum mit den allseits bekannten Prototypen Vorlieb nehmen: dem schwulen Friseur, Steward und Masseur. Während die Kamera zeigt, wie ein Masseur eine Kundin durchknetet, bekommen die weiblichen Zuschauer wenigstens noch einen guten Rat mit auf den Weg: Nicht so viele Kinder kriegen, das ist schlecht für's Becken. 

Zum Redaktionsteam von "anders trend" gehören neben Heteros auch Frauen. Warum handelt es sich dennoch um ein Magazin mit rein schwulen Themen? "Wir können nicht für Lesben sprechen", erklärt Georg Uecker. Wolle man diesen Umstand durch eine lesbische Redaktion beheben, stehe man vor dem Problem, die Themen paritätisch aufzuteilen. Bei nur 24 reinen Sendeminuten kein leichtes Unterfangen. Außerdem gebe es zwischen Schwulen und Lesben, trotz gemeinsamer Außenwahrnehmung, beträchtliche Unterschiede. Während sich schwule Männer in gewissen Mustern auch als Männer verhielten, sei eine Lesbe eine Frau, die wie heterosexuelle Frauen ohne Gleichstellung lebe. Bleibt zu ergänzen, daß homosexuelle Frauen keine besonders lukrative Zielgruppe darstellen. 

Mal abwarten, ob "anders trend" die erhoffte Einschaltquote erreicht hat. Ärgern dürfte dies vor allem Heinz-Klaus Mertes, erzkonservativer CSUler, gläubiger Katholik und Macher des Wirtschaftsmagazins "money trend". Dieser beschwerte sich prompt, ausgerechnet mit einem schwulen Magazin im wöchentlichen Wechsel den Sendeplatz teilen zu müssen.

  •  Eva Völpel
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