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Voided Void
Der Bau sei nicht ausstellungstauglich,
behaupten die Kritiker von Daniel Libeskind und vermissen im Jüdischen
Museum deutsche Gemütlichkeit. Von Tjark Kunstreich
Schwarz und grau ragt der Libeskind-Bau
in das Barockgebäude aus dem 18. Jahrhundert. Hier, im Foyer des ehemaligen
Preußischen Kammergerichts und heutigen Berlin Museums, befindet
sich der Eingang des Jüdischen Museums.
Obwohl sich das Gebäude, von
der Lindenstraße aus betrachtet, im Vergleich zum barocken Berlin
Museum eher bescheiden ausnimmt und von seinen Dimensionen nichts preisgibt,
ist der Barockbau nur mehr ein Anhängsel des Neubaus von Daniel Libeskind.
So ist es kein Wunder, daß das Berlin Museum, eine tutig-langweilige
regionalgeschichtliche Sammlung, sich in seiner Ruhe gestört fühlt
und ausziehen will.
Die Treppe, die ins Untergeschoß
des Jüdischen Museums führt, ist ebenso schwarz wie der Turm,
der sich über dem Besucher auftut. Seine Höhe läßt
sich nur erahnen, die Decke ist für den Besucher nicht mehr zu erkennen.
Der Eingang ist kein künstliches Portal, keine aufgemotzte Kellertreppe,
denn es handelt sich offenbar nicht um eine jener architektonischen Spielereien,
die dem amerikanischen Architekten Daniel Libeskind neuerdings so gern
nachgesagt werden.
Ich habe in diesem Bau nichts Metaphorisches
gemacht. Ich bin beim Entwurf wirklich ganz konkret in die Tiefen der Grundmauern
des barocken Gebäudes gegangen. Von der Aufklärung her kommend,
von Moses Mendelssohn, zu Schinkel und Hegel und den großen Berlinern,
hin zu den verborgenen Strömungen, die die Struktur der Gesellschaft
tragen.
Diese Verbindung durch diesen Komplex
im Untergrund des Museums herzustellen: auch das ist keine Metapher, weil
wir uns da in Gängen befinden, die sich unterhalb der Straßenebene
überschneiden und die virtuell irgendwie Echos der Gegenaufklärung
bilden. *
Die ursprüngliche Architektur
des Barockgebäudes allerdings ist tatsächlich vereinnahmt. Im
Untergeschoß, das anders geschnitten ist als die darüber liegenden
Stockwerke, die auch der äußeren Form des Gebäudes entsprechen,
schneiden sich drei Achsen: "Vernichtung", "Exil" und "Kontinuität".
Die Kontinuität genannte Achse führt hin zu einer langen Treppe
in den zweiten Stock, in dem die ständige Ausstellung gezeigt werden
soll. Bisher allerdings wissen die Ausstellungsmacher selbst noch nicht
genau, welche Exponate sie wie präsentieren werden. Im Oktober 2000
soll die Ausstellung eröffnet werden, aber schon jetzt ist die Schadenfreude
groß, wenn von der "Unbespielbarkeit" des Museums gesprochen wird,
weil angeblich nirgendwo Bilder aufgehängt oder Exponate hingestellt
werden könnten.
Hatte man zuvor jahrelang versucht,
die Eigenständigkeit der jüdischen Abteilung im Berlin Museum
zu verhindern, macht sich nun Frust breit. Noch mehr Platz für das
Jüdische Museum, stöhnen die einen, der Libeskind-Bau allein
sei doch schon das größte jüdische Museum Europas, während
die anderen hoffen, nun könne man endlich das Holocaust-Mahnmal zur
Disposition stellen, schließlich hätten die Juden doch jetzt
so viel Platz, und ein Mahnmal sei der Libeskind-Bau ja auch. Dabei wird
so getan, als habe man die Entwürfe des amerikanischen Architekten
vorher nicht gekannt.
Ich habe nichts gegen den rechten
Winkel, es gibt einige rechte Winkel im Jüdischen Museum. Ich benutze
rechte Winkel. Aber der rechte Winkel ist auch ein Produkt der Tektonik,
der Baukonstruktion und der Landvermessung. Der rechte Winkel hatte seinen
Ursprung in Ägypten, im Aufteilen von Grund und Boden, Mein gegen
Dein. Das ist die ursprüngliche Geometrie, so wie wir sie kennen,
sie hat mit Ästhetik nichts zu tun. Es geht bei ihr vielmehr darum,
wessen Besitz wo endet. Und befänden wir uns in einem anderen gesellschaftlichen
Zustand, hätten wir einen anderen Blick auf die ursprüngliche
Geometrie und würden uns in einer vollkommen anderen geometrischen,
sozialen und ökonomischen Welt wiederfinden.
Tatsächlich findet man die
einzige in sich schräge Wand im Untergeschoß des Libeskind-Baus.
Zahlreiche in die Architektur integrierte Vitrinen vermitteln durchaus
eine Vorstellung davon, daß das Gebäude als Museumsbau konzipiert
ist. Vielleicht fällt es den Kritikern des Baus auch deshalb so schwer,
sich eine Menorah oder eine Tora-Rolle in einer dieser Vitrinen vorzustellen,
weil diese Objekte, eingebunden in eine moderne Architektur, eher gegenwärtig
wirken und so zugleich auf die Vernichtung verweisen. Denn die historischen
Orte, an denen sie aufbewahrt wurden, existieren nicht mehr.
"Void" ist kein technisches Mittel,
jedenfalls habe ich es nie so verstanden und gemeint. "Void" ist ein Raum,
den man im Museum betritt, ein Raum, der das Museum organisiert und der
doch nicht wirklich Teil des Museums ist. Er ist nicht beheizt, nicht klimatisiert.
Er ist nicht wirklich ein Museumsraum. Er ist etwas anderes, das dann wiederum
doch sehr viel mit den Ausstellungsräumen zu tun hat - und zugleich
mit dem Raum Berlins, weil "void" sich im Grunde auf das bezieht, was niemals
ausgestellt werden kann, wenn es um die Geschichte des jüdischen Berlins
geht, weil von ihr nichts geblieben ist als - Asche.
Die "Voids" genannten Schneisen
im Inneren des Baus, die als Leerstellen in der Architektur die Verluste
der Vernichtung symbolisieren sollen und zugleich eine strukturierende
Funktion haben, sind durch schmale Fenster einzusehen. Im Grundriß
des Gebäudes beschreiben sie eine vier Meter breite gerade Linie durch
das Museum. Entgegen der ursprünglichen Planung Libeskinds sind sie
zum Teil begehbar. Auch zu der vielbeachteten äußeren Form des
Baus - aus der Vogelperspektive gesehen einem Blitz ähnlich -, gelangte
der Architekt über die Beschäftigung mit der konkreten Geschichte
der Juden in Deutschland. Libeskind hatte sich einen Stadtplan aus der
Zeit vor 1933 genommen und verschiedene Adressen von jüdischen Familien
oder Einrichtungen miteinander durch Linien verbunden. Am Ende reduzierte
Libeskind diese Form auf einen verzerrten Davidstern, den er dann zerlegte.
Die Achse der Vernichtung führt
in den "Voided void". Der 24 Meter hohe Holocaust-Turm ist nur durch das
Untergeschoß zu betreten. Er ist abgeschlossen. Durch die grauen
Waschbetonwände dringt der Straßenlärm, Licht fällt
durch Fensteröffnungen in großer Höhe.
Folgt der Besucher der Achse des
Exils, gelangt er nach draußen, in den E.T.A.-Hoffmann-Garten, ein
überschaubares Betonstelenfeld, das an Peter Eisenmans Entwurf für
ein Holocaust-Mahnmal erinnert, mit dem Unterschied, daß die Stelen
schräggestellt wurden, ebenso der Unterboden. Wer durch die Stelen
hindurchgehen will, ist so gezwungen zu balancieren. Libeskind will damit
an die Verunsicherung erinnern, die die Emigranten in ihren Exilländern
erlebten, zugleich ist es ein Bezug zu Hoffmann, der als preußischer
Beamter in dem Barockbau gearbeitet hat. In diesem Sinne ist Libeskinds
Architektur schlicht: Die Achse des Exils führt ins Freie, die der
Vernichtung in eine Sackgasse, die der Kontinuität ist mit einer hohen
Treppe verbunden.
Seine Kritiker haben Libeskind vorgeworfen,
daß sein Entwurf keine Rücksicht nehme auf die ihn umgebende
Architektur, der Bau wirke wie ein Fremdkörper in der Stadt. Unterschlagen
wird dabei zumeist, daß der Bezug zur Stadt und ihrer Geschichte
sehr präzis hergeleitet ist, allerdings nicht so, wie die Fürsprecher
der Berliner Republik es gern gehabt hätten, nämlich ohne Hinweis
auf die Adressen von jüdischen Menschen, die ins Exil oder in die
Vernichtung getrieben wurden.
Der Abwehr gegen die Geschichte
ist ein fast unverhohlener Haß gegen die Moderne beigemischt, die
der Libeskind-Bau repräsentiert. So verweist Libeskind mit der unvollendeten
Form des jüdischen Museums auf die Fragment gebliebene Schönberg-Oper
"Moses und Aaron".
Wie Sie wissen, war Arnold Schönberg,
später Aron Schönberg, ein assimilierter Jude, der als Professor
für Musik hier ganz in der Nähe des Berlin Museums arbeitete.
Als die Zeiten sich dann änderten, hat man ihm klargemacht, daß
er hier unerwünscht sei. Er ging ins Exil. Er mußte Berlin verlassen,
obwohl er zu den berühmtesten Komponisten und für mich auch den
großen Denkern des Jahrhunderts gehörte. Seine Musik - "Moses
und Aaron" ist etwa um diese Zeit entstanden, und das war kein Zufall,
hier, in Kreuzberg, in Berlin-Mitte, hat er diese Klänge gehört
- seine Musik ist in jeder Hinsicht emblematisch für das, was mit
diesem Klang geschieht. Er wird abgebrochenÖ
Am Ende dieser Unterbrechung also
steht der Ruf nach dem Wort. Und was musikalisch daran interessant ist:
in dieser Oper wird nicht mehr gesungen. Dies ist, soweit ich weiß,
die letzte Oper.
Judentum ohne Patina ist Deutschland
immer noch ein Greuel, die herausfordernde Architektur gilt als ein Akt
der Rache des jüdischen Architekten: So stöhnte eine Besucherin
während einer Führung über die Höhe der Treppenstufen
und fragte, ob die so hoch seien, damit der Besucher die "Leiden des jüdischen
Volkes" noch einmal nacherleben müsse.
Ungemütlich fand es auch die
Spiegel-Autorin Susanne Beyer in dem Gebäude des "Reißbrett-Rüpels"
und "sanften Exzentrikers". Es "provoziert ein einziges Gefühl der
Beklemmung. Der erste Eindruck im Inneren trägt auch nicht gerade
zur seelischen Entlastung bei. Ein dunkler Gang, ein schräger Boden,
die Schritte wanken." Ein Beitrag zur seelischen Entlastung allerdings
war vom Architekten auch nicht beabsichtigt. Und obwohl sie das Gegenteil
behaupten, haben die meisten Profi-Kritiker des Baus doch eine Ahnung davon,
daß dieser keineswegs "chaotisch", "unverständlich" und "unbespielbar"
ist.
Zwar hat auch Michael Blumenthal,
der Direktor des Jüdischen Museums, erklärt, daß es schwer
sei, eine Ausstellung in diesen Räumen zu präsentieren, womit
er zugleich anerkennt, daß der Bau eine "Herausforderung" darstellt,
auf die die Macher eben nicht mit den üblichen Rezepten reagieren
können. Diesen bequemen Weg hat der Architekt in der Tat verbaut -
ein Haus, in dem man sich einrichten kann, in das man hineinstellt, was
man so findet, soll das Jüdische Museum nicht sein.
Mir ist schon klar, daß die
Leute skeptisch sind, was das Verhältnis zwischen den Objekten und
den Museumsräumen anbelangt. Aber das sind diejenigen, die auch der
Geschichte Berlins mit Skepsis begegnen. Genau die Leute, die diese Geschichte
niemals ansehen wollen, finden das außerordentlich schwierig. Sie
sagen: "Mr. Libeskind, das ist aber sehr problematisch, so etwas dorthin
zu stellen." Na, klar ist es das. Und deshalb muß man es tun.
So ist nun einmal die Geschichte,
das ist die Kollision, das Kaleidoskop der Lücken und Spuren und auch
die Überschneidung von Unmöglichem! Alles das präsentiert
dieses Gebäude der Öffentlichkeit: Bücher, Objekte, Gemälde,
Skulpturen, Spielsachen, Mode. Dies ist keine königliche Sammlung,
sondern eher ein Museum für die Sammlungen der ganz normalen Bürger
dieser Stadt.
Daß ein Jüdisches Museum
in Berlin eine Herausforderung darstellt, liegt ja nicht nur an der Ausnahmearchitektur
Libeskinds, sondern hat vor allem mit dem Ort und dessen Geschichte zu
tun, die keinen konventionellen Entwurf verträgt. Noch bevor ein einziges
Exponat in den Räumen ausgestellt ist, besitzt das leere Museum eine
Aussage, die vom Verhältnis von Moderne und Vernichtung zeugt.
Diese Architektur ist nicht zu vereinnahmen,
nicht assimilierbar. Indem das Jüdische Museum sowohl von Kritikern
wie Befürwortern als exterritorial empfunden wird, als nicht dazugehörig
und fremd, und indem sie sich deshalb dort entweder wohl oder unwohl fühlen,
entweder ein Bezug hergestellt oder negiert wird, spiegelt sich darin auch
das Verhältnis zwischen Moderne und dem Antisemitismus wider.
* Alle Zitate von Daniel Libeskind
und die Abbildungen sind dem Band "Daniel Libeskind. Jüdisches Museum
Berlin. Mit einem Fotoessay von Hélène Binet". Verlag der
Kunst, Dresden 1999, 117 S.,
DM 64, entnommen. |