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3. März 1999 Jungle World

Dietl gibt 'ne Party, und alle gehen hin

Das gesellschaftliche Großereignis der neuen Mitte: Die Fernseh-Feier "Late Show"

Was ein Trubel um den Start von "Late Show", Helmut Dietls Kino-Satire über das Fernsehen. Ein wirklich genialer Schachzug war es, die Hauptrollen mit den echten Unterhaltungsgrößen des deutschen Fernsehens zu besetzen: Thomas Gottschalk und Harald Schmidt.

Dann luden Schmidt und Gottschalk sich gegenseitig in ihre Sendungen ein und gaben sich die Fünf, was sie für tolle Kerle sind. Ein echter Renner die Anekdote, wie Schmidt auf Dietls Anweisung einen ganzen Tag lang die Zehen von irgendeiner Starschauspielerin abschleckte. Das ist großes Kino, und zelebriert wurde es von einer ganz neuen Gesellschaftsschicht: Wir sahen die neue Mitte.

Neue Mitte, das geht so: Wissen, daß man Scheiße baut, sagen, daß man Scheiße baut, das aber gut finden, weil anders geht es auch nicht - neue Mitte ist so etwas wie leckerer Zynismus. Dietl hat schließlich den ganzen Laden enttarnt: Den Film, das Fernsehen und die Presse, die riesengroße Artikel brachte. Entweder war man pro "Late Show" - wie verlogen doch das Fernsehen sei - oder schlug sich auf die Seite der selbstkritischen Journalisten, die die Medien immer schon kritisiert haben, und schrieb nebulöse Kritiken. Vorzugsweise in Zeitungen, die nur 65 Pfennig Zeilengeld zahlen.

Dietl kann sich als erfolgreicher Regisseur dem Geschäft nicht entziehen, also geht er selbstbewußt voran und führt seine Protagonisten dem Publikum vor. Selten kommt es vor, daß sich Harald Schmidt so blamiert. Aber, daß er immer wieder die Zehen-Geschichte erzählen mußt, zeigte doch ein bißchen mangelnde Klasse - also doch kein Profi, nicht sehr souverän, sondern ein eitler Fratz. Der unbedingte Wunsch, vor laufender Kamera "Ich, ich, ich!" sagen zu dürfen, hat ihn überwältigt. Wie haben Sie das gemacht, Herr Schmidt, mit den Zehen? Und schon wieder ist der tolle Zehen-Knabberer ins offene Messer gelaufen.

Immer mit dabei saß auch die Freundin von Helmut Dietl, Veronica Ferres, nicht unbedingt Deutschlands schönste und talentierteste Schauspielerin, aber doch immer unglaublich präsent. "Superweib", "Unser Lehrer Doktor Specht", "Schtonk" - alles respektable Leistungen. Sie hat eine beachtliche Karriere gemacht. Auch in "Late Show" spielt sie mit, demnächst erleben wir sie als Christiane Vulpius, die Freundin und Frau Goethes, in dem Film "Die Braut". 

Und Dietl kündigte ein neues spektakuläres Projekt mit ihr an: An der Seite von Harald Schmidt soll sie eine Kanzlergattin abgeben, die Doris Schröder-Köpf, wie schön. Der Plot: Der kometenhafte Aufstieg einer Focus-Journalistin zur Kanzlergattin. Den hat sie in einem Alter hingelegt, in dem unsereins gerade mal anfängt zu kapieren, wie eine Steuererklärung funktioniert.

Dietl beweist wiederum erstaunliches Gespür: Schröder ist der erste Kanzler, der vom Fernsehen fürs Fernsehen erfunden wurde. Ich kann mich nicht erinnern, daß es in 50 Jahren Bundesrepublik jemals einen Kanzlerfilm gegeben hat, außer davor, mit Adolf Hitler. Da ist es nur logisch, daß Deutschlands Film-First Lady die First Lady spielt. Ein Meilenstein der Mediengeschichte. 

Und der Rest des Personals dürfte in eine verflixt verworrene Medien-Kritik-Kulturdiskurs-Schleife eintreten: Man denke, der Kulturstaatsminister, der - schlimmer als ein Filmsternchen - jedem Regisseur in den Arsch kriechen muß, weil die Kultur, die er repräsentiert, so lange ohne ihn auskam, müßte nächstes Jahr die Berliner Filmfestspiele eröffnen, der Eröffnungsfilm handelte von den Schröders, und Naumann selbst erschiene dort in Gestalt von Heiner Lauterbach.

Was sich da die Türklinke in die Hand gibt, ist vielleicht die neue Mitte, nein, sie ist es ganz bestimmt: etwas angeschickert und vorlaut, in zu kurzer Zeit etwas zu viel Geld verdient, noch unter Kohl, dem Politik hin und wieder wichtiger war als die Kultur. Die neue Mitte hat ihren Regenten gewählt, sie will auch politisch was zu sagen haben.

Die neue Mitte, das sind Leute, die fest daran glauben, ein Fläschchen Essig müsse mindestens zehn Mark kosten. Und wenn sie ins Restaurant geht, muß für jede Flasche Wein ein neuer Satz Gläser her, auch wenn es immer dieselbe Sorte Wein ist. Die neue Mitte argumentiert moralisch, wenn es um Ökonomie, und ökonomisch, wenn es um Ausländer geht. Kohl hat ein echtes Natternnest genährt. Anstandshalber sollte man lieber ihm einen Film widmen, Kohl-Darsteller fände man reichlich unter den Kabarettisten. 

Wäre nicht Veronica Ferres eine bessere Hannelore als eine spillerige Doris? Zumal sie - gerade bei linken Feuilletonisten - so unbeliebt ist. Von verschiedener Seite wird ihr immer wieder vorgeworfen, sie sei zu dick, zu blond, mithin ein Bauerntrampel, habe Beine wie Sauerkrautstampfer und Arme wie ein Sumo-Ringer. Das ist ungerecht. Einige meiner besten Freundinnen sind zum Beispiel blond. Überhaupt: Ich kenne sogar jemanden, der Dietl heißt. Und Karlheinz ist auch so eine Klette wie Naumann. 

Die meisten Leute, die ich kenne, gucken fern. Manche arbeiten sogar fürs Fernsehen. Einige meiner besten Freundinnen sind Bundeskanzlergattinnen. Und dick bin ich selbst ein bißchen - würde ich eine Rolle bei Dietl ablehnen? Es scheint, die neue Mitte findet schon in Kreisen statt, wo man sie selbst noch gar nicht vermutet hat. Die neue Mitte sitzt schon in den Startlöchern.

  •  Jürgen Kiontke
"Late Show". Deutschland 1999. R: Helmut Dietl. D: Harald Schmidt, Veronica Ferres, Thomas Gottschalk, Jasmin Tabatabai, Olli Dietrich u. a. Bereits angelaufen
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