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Die Shakespeare-Rolle
"Shakespeare in Love" - Wie "Romeo
und Julia" wirklich entstand emmungslose Leidenschaft, intrigante Kulturpolitiker,
Pestschwaden durchziehen die Städte...
"Viel Aufregung um die Liebe" steht
auf dem Plakat von John Gaddens "Shakespeare in Love", tja, wer sonst,
fragt man sich, Shakespeare-Verfilmungen gibt es ja wie Sand am Meer. Und
das ist ein Grund, wie verrückt weiterzufilmen: Die Stars stehen schließlich
Schlange, um einmal in einer Shakespeare-Verfilmung mitzumachen - Brad
Pitt, Meg Ryan, Susan StahnkeÖ
Bevor auch Sie sich einreihen, sei
gesagt, daß "Shakespeare in Love" einen Meilenstein auf dem Weg zur
ultimativen Shakespeare-Verfilmung darstellt. Denn hier geht es nicht nur
um ein Theaterstück selbst, sondern - ha - um eine Diskursebene höherer
Ordnung: des Dichters Leben selbst.
Weil darüber nicht allzu viel
bekannt ist, nicht einmal unbedingt, ob auch alle 38 Stücke von derselben
Person stammen, spekulierten die Drehbuchautoren Marc Norman und Tom Stoppard
ein wenig ins Blaue hinein. Das ist jetzt sechs Jahre her, und so lange
lag der Schinken herum. Gwyneth Paltrow mußte erst geboren werden,
ebenso mußte sich das Publikum erstmal an Joseph Fiennes, den kleinen
Bruder von Schindler mit seiner Liste, gewöhnen.
Fiennes spielt den Dichter am Ende
des 16. Jahrhunderts, und am Ende ist auch er: irgendwo verheiratet, doch
musenlos hockt er in der Londoner Dachkammer und knabbert an den Fingernägeln:
Ihm fällt nichts ein, womit er sein neues Stück "Romeo und Ethel,
die Tochter des Piraten" füllen kann - kein einziges Wort. Der Papierkorb
im Renaissance-Büro ist vollgestopft mit zerknülltem Manuskript.
Ist es nicht die Einfallslosigkeit, so treiben ihn die Theaterbesitzer
und andere Vertreter der frühen Kulturindustrie zum Wahnsinn - mit
gezielten Arschtritten, weil demnächst die Spielsaison beginnt und
sie nichts zum Aufführen haben. Shakespeare hat schließlich
einen Vertrag unterschrieben, und jetzt liefert er nicht.
Verschärft wird die Situation
durch chronischen Geldmangel und die Konkurrenz zweier Theaterhäuser,
die sich gegenseitig Publikum und Stückeschreiber abzuwerben suchen.
Obendrein interveniert die allmächtige Kulturpolizei wegen schmutziger
Stellen und droht mit Inhaftierung. Williams einzige Rettung: Eine Muse
muß her.
Zu dieser Zeit träumt Viola
de Lesseps (Paltrow), englisches Edelfräulein, von einer Karriere
als Schauspielerin. Doch Frauen ist der Zugang zur Theaterbühne verboten,
und obendrein soll sie auf Geheiß der Königin und weil's für
den Zukünftigen ein gutes Geschäft ist, den speckigen Lord Wessex
(Colin Firth) heiraten. Doch so leicht läßt sie sich nicht von
ihren Plänen abhalten: Viola läßt sich die ohnehin kaum
vorhandenen Brüste von ihrer Zofe abbinden, die alles weiß und
die Tür in den geheimen Liebesnächten bewacht. Und verkleidet
sich mehr recht als schlecht als junger Mann, der bei Will zum Vorsprechen
erscheint: für die Rolle des Romeo. Muß man sagen, daß
sie sich näherkommen?
Auf perfekte Verkleidung kommt es
hier gar nicht an, das Schauspiel ähnelt dem Agieren mit vorgehaltenen
Masken. Für den Zuschauer im Kino hätte Paltrow sich gar nicht
verkleiden müssen. Sagen hätte genügt.
Tja, Filme verreißen ist sicherlich
leichter, als welche zu loben, aber "Shakespeare in Love" ist einfach wenig
Kritisches hinzuzufügen. Das merkte auch das Publikum auf irgendeinem
nicht zu unterschätzenden Filmfest in irgend einer deutschen Hauptstadt,
das nicht wenige internationale Filmspezialisten versammelte. Die quittierten
vor lauter Staunen mit "Ah" und "Oh", was sie 123 Minuten lang sahen. Und
gingen leicht beschwingt von dannen. Und: Es gibt keine Längen! Null!
Das war ein Diamant, das wußten sie gleich, wie es wohl jeder merkt,
wenn ein einfaches, aber geniales Konzept rasant umgesetzt wird.
Das besteht im Wechsel zwischen
den verschiedenen Bild- und Travestieebenen, zwischen der des Schreibprozesses
am wegweisenden Werk, das später "Romeo und Julia" heißen wird,
und der "Romeo und Julia"-Geschichte der beiden sich liebenden Hauptdarsteller.
Weil es hier aber auch um weltliteraturhistorische Abläufe geht, mochten
sich Regie und Drehbuch nicht ganz von der Dramentheorie entfernen: Die
Entstehung von "Romeo und Julia" wird als Durchbruch gefeiert, als finde
gerade die kopernikanische Wende statt. Und tut sie das nicht?
Der Sprachrevolutionär trifft
auf die geschlechtswechselnde, für ihre Emanzipation kämpfende
Frauenrechtlerin, die sich den gesellschaftlichen Konventionen entgegenstellt?
Ein wildes, leidenschaftliches Paar wie Cleopatra und Marcus Antonius,
Rick & Schau-mir-in-die-Augen-Kleines, Liz Taylor und Richard Burton,
Andreas und Detlef.
Das muß in jedem Fall ein
Menschheitsereignis sein. Wenn Shakespeare "Romeo und Julia" von der Komödie
in die Tragödie umschlagen läßt und beide Dramenformen
zu neuer Komplexität verbindet, durchbricht die Liebesgeschichte des
Schriftstellers und seiner Dame die Erzählebene mit komischen Elementen
in der Tragödie und umgekehrt.
Dazu stimmt die Ausstattung, die
Besetzung der Nebenrollen, innere und äußere Handlung und ein
Plot, der geölt wie der Blitz daherkommt. Spätestens wenn Shakespeares
Stück aufgeführt wird, durch vielerlei Verwicklungen mit Viola
in der Hauptrolle der Julia, nicht als unerkannter John in der des Romeo,
fiebert das Publikum mit. Erstens das im Londoner Theater, zweitens das
im Kino - das nennt man wohl Drei-D-Effekt: wenn man selbst im Film zu
stehen scheint.
Bei den Bett-Szenen war das dann
zwar nicht mehr der Fall, die waren aber auch okay kuschelig. So Bett-Szenen
eben.
"Shakespeare in Love". GB/USA 1998.
R: John Gadden, D: Gwyneth Paltrow, Joseph Fiennes, Geoffrey Rush, Tom
Wilkinson, Anthony Sher, Imelda Staunton, Ben Alffleck, Rupert Everett,
Judi Dench.
Start: 4. März |