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3. März 1999 Jungle World

Die Shakespeare-Rolle

"Shakespeare in Love" - Wie "Romeo und Julia" wirklich entstand emmungslose Leidenschaft, intrigante Kulturpolitiker, Pestschwaden durchziehen die Städte...

"Viel Aufregung um die Liebe" steht auf dem Plakat von John Gaddens "Shakespeare in Love", tja, wer sonst, fragt man sich, Shakespeare-Verfilmungen gibt es ja wie Sand am Meer. Und das ist ein Grund, wie verrückt weiterzufilmen: Die Stars stehen schließlich Schlange, um einmal in einer Shakespeare-Verfilmung mitzumachen - Brad Pitt, Meg Ryan, Susan StahnkeÖ

Bevor auch Sie sich einreihen, sei gesagt, daß "Shakespeare in Love" einen Meilenstein auf dem Weg zur ultimativen Shakespeare-Verfilmung darstellt. Denn hier geht es nicht nur um ein Theaterstück selbst, sondern - ha - um eine Diskursebene höherer Ordnung: des Dichters Leben selbst. 

Weil darüber nicht allzu viel bekannt ist, nicht einmal unbedingt, ob auch alle 38 Stücke von derselben Person stammen, spekulierten die Drehbuchautoren Marc Norman und Tom Stoppard ein wenig ins Blaue hinein. Das ist jetzt sechs Jahre her, und so lange lag der Schinken herum. Gwyneth Paltrow mußte erst geboren werden, ebenso mußte sich das Publikum erstmal an Joseph Fiennes, den kleinen Bruder von Schindler mit seiner Liste, gewöhnen. 

Fiennes spielt den Dichter am Ende des 16. Jahrhunderts, und am Ende ist auch er: irgendwo verheiratet, doch musenlos hockt er in der Londoner Dachkammer und knabbert an den Fingernägeln: Ihm fällt nichts ein, womit er sein neues Stück "Romeo und Ethel, die Tochter des Piraten" füllen kann - kein einziges Wort. Der Papierkorb im Renaissance-Büro ist vollgestopft mit zerknülltem Manuskript. Ist es nicht die Einfallslosigkeit, so treiben ihn die Theaterbesitzer und andere Vertreter der frühen Kulturindustrie zum Wahnsinn - mit gezielten Arschtritten, weil demnächst die Spielsaison beginnt und sie nichts zum Aufführen haben. Shakespeare hat schließlich einen Vertrag unterschrieben, und jetzt liefert er nicht. 

Verschärft wird die Situation durch chronischen Geldmangel und die Konkurrenz zweier Theaterhäuser, die sich gegenseitig Publikum und Stückeschreiber abzuwerben suchen. Obendrein interveniert die allmächtige Kulturpolizei wegen schmutziger Stellen und droht mit Inhaftierung. Williams einzige Rettung: Eine Muse muß her.

Zu dieser Zeit träumt Viola de Lesseps (Paltrow), englisches Edelfräulein, von einer Karriere als Schauspielerin. Doch Frauen ist der Zugang zur Theaterbühne verboten, und obendrein soll sie auf Geheiß der Königin und weil's für den Zukünftigen ein gutes Geschäft ist, den speckigen Lord Wessex (Colin Firth) heiraten. Doch so leicht läßt sie sich nicht von ihren Plänen abhalten: Viola läßt sich die ohnehin kaum vorhandenen Brüste von ihrer Zofe abbinden, die alles weiß und die Tür in den geheimen Liebesnächten bewacht. Und verkleidet sich mehr recht als schlecht als junger Mann, der bei Will zum Vorsprechen erscheint: für die Rolle des Romeo. Muß man sagen, daß sie sich näherkommen?

Auf perfekte Verkleidung kommt es hier gar nicht an, das Schauspiel ähnelt dem Agieren mit vorgehaltenen Masken. Für den Zuschauer im Kino hätte Paltrow sich gar nicht verkleiden müssen. Sagen hätte genügt.

Tja, Filme verreißen ist sicherlich leichter, als welche zu loben, aber "Shakespeare in Love" ist einfach wenig Kritisches hinzuzufügen. Das merkte auch das Publikum auf irgendeinem nicht zu unterschätzenden Filmfest in irgend einer deutschen Hauptstadt, das nicht wenige internationale Filmspezialisten versammelte. Die quittierten vor lauter Staunen mit "Ah" und "Oh", was sie 123 Minuten lang sahen. Und gingen leicht beschwingt von dannen. Und: Es gibt keine Längen! Null! Das war ein Diamant, das wußten sie gleich, wie es wohl jeder merkt, wenn ein einfaches, aber geniales Konzept rasant umgesetzt wird. 

Das besteht im Wechsel zwischen den verschiedenen Bild- und Travestieebenen, zwischen der des Schreibprozesses am wegweisenden Werk, das später "Romeo und Julia" heißen wird, und der "Romeo und Julia"-Geschichte der beiden sich liebenden Hauptdarsteller. Weil es hier aber auch um weltliteraturhistorische Abläufe geht, mochten sich Regie und Drehbuch nicht ganz von der Dramentheorie entfernen: Die Entstehung von "Romeo und Julia" wird als Durchbruch gefeiert, als finde gerade die kopernikanische Wende statt. Und tut sie das nicht? 

Der Sprachrevolutionär trifft auf die geschlechtswechselnde, für ihre Emanzipation kämpfende Frauenrechtlerin, die sich den gesellschaftlichen Konventionen entgegenstellt? Ein wildes, leidenschaftliches Paar wie Cleopatra und Marcus Antonius, Rick & Schau-mir-in-die-Augen-Kleines, Liz Taylor und Richard Burton, Andreas und Detlef.

Das muß in jedem Fall ein Menschheitsereignis sein. Wenn Shakespeare "Romeo und Julia" von der Komödie in die Tragödie umschlagen läßt und beide Dramenformen zu neuer Komplexität verbindet, durchbricht die Liebesgeschichte des Schriftstellers und seiner Dame die Erzählebene mit komischen Elementen in der Tragödie und umgekehrt. 

Dazu stimmt die Ausstattung, die Besetzung der Nebenrollen, innere und äußere Handlung und ein Plot, der geölt wie der Blitz daherkommt. Spätestens wenn Shakespeares Stück aufgeführt wird, durch vielerlei Verwicklungen mit Viola in der Hauptrolle der Julia, nicht als unerkannter John in der des Romeo, fiebert das Publikum mit. Erstens das im Londoner Theater, zweitens das im Kino - das nennt man wohl Drei-D-Effekt: wenn man selbst im Film zu stehen scheint. 

Bei den Bett-Szenen war das dann zwar nicht mehr der Fall, die waren aber auch okay kuschelig. So Bett-Szenen eben.

  •  Jürgen Kiontke
"Shakespeare in Love". GB/USA 1998. R: John Gadden, D: Gwyneth Paltrow, Joseph Fiennes, Geoffrey Rush, Tom Wilkinson, Anthony Sher, Imelda Staunton, Ben Alffleck, Rupert Everett, Judi Dench. 

Start: 4. März

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