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3. März 1999 Jungle World

Feuilleton Nachrichten

Nausenman

Bundeskanzler Gerhard Schröder "hätte auch ohne Mahnmal in Berlin leben können", aber inzwischen ist auch er dafür, weil ein Nein "fatale Folgen" gehabt hätte und "eine Einladung zu einem bewußten Mißverständnis" gewesen wäre. Trotzdem ist ihm ein Schloß vor seinem Fenster in der Außenstelle des Bundeskanzleramtes immer noch lieber.

Ignatz Bubis, Vorsitzender des Zentralrats der Juden in Deutschland, nannte die Diskussion um das Mahnmal "unwürdig", sie erinnere an die Ladenschlußdebatte, die seit zwanzig Jahren andauere und immer noch zu keinem Ergebnis gekommen sei. Für ihn sei das Mahnmal kein Thema mehr. Es liege nun an den Deutschen, ob sie es bauen wollen oder nicht. Die Gedenkstätte dürfte bei jüngeren Menschen keine Schuldgefühle erzeugen. An ihnen liege es, was aus der Geschichte wird. Er werde an der Anhörung im Bundestag jedenfalls nicht teilnehmen.

Einer zügigen Einigung im Bundestag stehen allerdings rechtliche und verfahrenstechnische Hindernisse entgegen. Naumann war zu voreilig: Der jüngst von Architekt Peter Eisenman und vom Staatsminister für Kultur vorgestellte Mahnmal-Entwurf, Projekt "Nausenman" (Süddeutsche Zeitung), verletzt die vom Wettbewerb vorgegebenen Rahmenbedingung, da die ursprüngliche Ausschreibung lediglich einen Mahnmalsentwurf vorsah, aber kein Museum. Der Bundestag könnte demnach nur über den Entwurf "Eisenman II" abstimmen. Um den Weg für "Eisenman III" freizumachen, wollen nach Angaben aus dem Bundeskanzleramt eine Reihe jüngerer Abgeordneter von SPD und Grünen einen Antrag einbringen, über ein Mahnmal "mit aufklärerischer Komponente" abzustimmen.

Goethe privat

Wer war eigentlich dieser Vielschreiber Goethe, von dem man neuerdings so viel hört? Antworten gibt's am Zeitungskiosk in der Special-Interest-Zeitschrift Goethe 1748-1999. Grundkenntnisse des Werks muß der Käufer nicht mitbringen. In dem vom Societäts-Verlag in Frankfurt am Main herausgegebenen Magazin soll es vor allem um den Privatmenschen gehen, wie hat er gewohnt, welche Partys hat er besucht, mit welchen Frauen wurde er gesehen? Außerdem gibt's einen Goethe-Guide, der durchs Jubliläums-Jahr führt.

Eissler gestorben

Nochmal Goethe: Der Psychoanalytiker Kurt Robert Eissler gehört wohl zu den größten Kennern sowohl des Werks als auch des Lebens von Goethe. In Deutschland, dem Klassikerland, in dem die Mehrheit der Bevölkerung angibt, ihr Lieblingsautor heiße Goethe, wurden Eisslers Goethe-Studien erst relativ spät zugänglich. Der Kleinverlag Stroemfeld/Roter Stern besorgte in den achtziger Jahren die deutsche Ausgabe der international renommierten Forschungsarbeiten. Der Freud-Schüler, 1908 in Wien geboren, war 1938 nach New York emigriert. Eissler ist am 17. Februar in New York gestorben.

Messe Leipzig

Noch mehr Literatur-Stars zum Anfassen sind auf der am 25. März beginnenden Leipziger Buchmesse versammelt, wo viele ostdeutsche und ein paar westdeutsche Autoren aus ihren neuesten Büchern vorlesen. 700 Lese- und Diskussionsveranstaltungen sind geplant. Zugesagt haben bereits Reiner Kunze, Volker Braun, Angela Krauß, Stefan Heym, Ulrich Plenzdorf. Zwar fehlt Martin Walser auf der Gästeliste, dafür allerdings hat Monika Maron ihre Teilnahme bereits angekündigt. Sie liest aus ihrer Familiengeschichte und wird Walser im Zweifelsfall würdig vertreten. 

Durch schlechtes Timing fällt Günter Grass auf. Er ist mit seinem Großprojekt "Mein Jahrhundert" nicht rechtzeitig zur Messe fertig geworden und kämpft noch mit der deutschen Geschichte. Daß der Autor, der seit "Ein weites Feld" als Ehrenossi gilt, dennoch in Leipzig dabei sein wird, versteht sich von selbst. Er wird aber nur einen Zwischenbericht seiner Jahrhundertarbeit geben können. Neben Cees Noteboom gehört Christa Wolf zu den diesjährigen Stars der Literaturmesse. Krankheitsbedingt muß sie der Veranstaltung allerdings fernbleiben. Aus Anlaß ihres 70. Geburtstages in diesem Jahr zeigt Leipzig innerhalb des Rahmenprogramms der Buchmesse die Ausstellung "Medea altera". Für die Bereiche politische Diskussion und Heimatklänge sind u.a. Regine Hildebrandt und Hans Modrow vorgesehen.

TV-Schröder

Trotz des Rüffels von CDU-Chef Wolfgang Schäuble will Bundeskanzler Gerhard Schröder seine Fernsehaktivitäten in diversen Unterhaltungsshows auch in Zukunft nicht einschränken. Nachdem sich auch die Mehrzahl bundesdeutscher Fernsehkritiker über das Showtalent Schröder, der zuletzt als Gast bei Thomas Gottschalks Samstagabendshow "Wetten, daß?" zu sehen war, mokiert hatte, verteidigte sich Schröder mit den Worten: "Das erreicht mich nicht, weil ich die dahinter stehende Geisteshaltung kenne und für falsch halte. " In der Welt am Sonntag gab der Kanzler auch gleich seine nächsten Talk-Termine bekannt. Am 9. März geht er in die Harald Schmidt-Show, und am Sonntag vor Ostern will er mit Jörg Wontorra ein Bundesligaspiel kommentieren. 

     Die Nachrichten wurden von Jan Brandt und Heike Runge zusammengestellt
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