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Dichter, du darfst!
Walser in der neuen und alten Mitte.
Von Joachim Rohloff
In der Debatte um Martin Walsers
Friedenspreisrede durfte wirklich jeder mitreden: Klaus von Dohnanyi und
Rudolf Augstein, Kathi-Gesa Klafke und Campino. Mancher jedoch vermißte
die Stellungnahme wenigstens eines Vertreters der neuen Bundesregierung.
Als alles vorbei war, wurde ihm endlich geholfen.
Zwar beteuerte Gerhard Schröder,
er wolle die denkwürdige Rede nicht kommentieren. Aber "eine bestimmte
Form des Sicherinnerns war erstens aufgezwungen und zweitens ritualisiert.
Das hängt auch miteinander zusammen. Ich finde, das sollte nicht sein.
Leute, die keine eigene Erinnerung haben - das betrifft meine Generation
und die Generationen, die danach kommen -, sollten ohne Schuldkomplexe
herumlaufen können." Die widerstreitenden Positionen, wie sie einerseits
von Walser und andererseits von Ignatz Bubis formuliert wurden, seien gleichermaßen
"ernsthaft". Falsch und "ganz unfair" sei die Unterstellung, Walser habe
der Verdrängung des Holocaust die Argumente liefern wollen. "Es ist
ja nicht so. So jedenfalls habe ich ihn nicht kennengelernt. Man darf ihn
nicht als Ideologen der Verdränger vereinnahmen. Es wäre zudem
falsch zu bestreiten, daß es ein Problem gibt, auf das Walser hingewiesen
hat. Es gab in seiner Rede überspitzte Formulierungen. Ein Dichter
darf so etwas. Ich dürfte das nicht."
Obwohl also beide Positionen "ernsthaft"
sind, ist doch Bubis unfair und im Unrecht, während Walser auf ein
bestehendes Problem hinweist. Walser leidet unter der "Routine des Beschuldigens",
Schröder möchte ohne Schuldkomplex herumlaufen. Und was das Holocaust-Mahnmal
betrifft, so teilt der Kanzler wiederum die Meinung des Dichters - auch
wenn er sie nicht so überspitzt formulieren darf: "Ich hatte gewisse
Schwierigkeiten zu akzeptieren, daß der ursprüngliche Entwurf
von Eisenman, das große und reine Stelenfeld als symbolisches Zeichen,
an diesem Ort angemessen und richtig wäre. Davon geht eine Wucht aus,
mit der sich viele Menschen nur schwer auseinandersetzen können."
Deswegen und weil doch die zahlreichen Konzentrationslager die eigentlichen
Stätten der Erinnerung seien, hätte Schröder "auch ohne
ein Mahnmal in Berlin leben können". Nun aber sei es leider nicht
mehr zu verhindern. Denn ein Nein zum Mahnmal wäre "die Einladung
zu einem bewußten Mißverstehen".
Wer die Deutschen für ein ganz
normales Volk hält, klagt Walser, gerate in bösen Verdacht. Solche
Befangenheit hat Schröder längst überwunden; er nimmt es
nicht übel, wenn man ihn Wilhelm den Dritten nennt: "Das wäre
doch nicht schlecht." Dem Hinweis, die deutsche Geschichte enthalte eine
Anomalie, entgegnet er: "Auch andere Nationalgeschichten enthalten Anomalien,
aber die deutsche enthält eine besondere, eine einmalig furchtbare.
Deshalb sage ich: Auch derjenige, der die Deutschen für ein normales
Volk hält, der im Verkehr mit Kollegen anderer Länder sehr viel
unbefangener mit ihnen umzugehen in der Lage, bereit und willens ist, kennt
diese Einmaligkeit. Insoweit glaube ich, daß zwischen Normalität
auf der einen Seite und andererseits der Bereitschaft, sich zu erinnern,
kein Widerspruch besteht, jedenfalls keiner, der nicht auflösbar wäre."
Wie die Versöhnung von deutscher
Normalität und deutscher Anomalie zu vollbringen ist, wissen inzwischen
sogar die Albaner: "Bis hin zu denen, die im Kosovo geschützt werden
müssen, besteht doch die Einsicht: Weil wir dort solche vielfältigen
Verwüstungen angerichtet haben, sind wir besonders gefordert, Mord,
ja vielleicht sogar Völkermord zu verhindern." Bisher hätten
die Deutschen sich "vor einem Eingehen auf die Wirklichkeit, wie es andere
Völker von uns erwartet haben, gedrückt. Normalität kann
auch belastend sein." Damit es die Last froher trage, will der Kanzler
"dem Volk was für die Seele geben": das Berliner Stadtschloß.
Wäre seine Scheinheiligkeit
nicht allzu offenbar, verdiente Schröder einen Friedenspreis als erster
Staatsmann in der Geschichte, der sein Recht, nötigenfalls den Krieg
zu erklären, als eine Bürde empfindet, die ihm von fremden Mächten
aufgeladen wird. An das perverse Argument, gerade weil der Völkermord
deutsche Tradition sei, müßten die Deutschen demnächst
wieder Kriege führen, dachte Walser gewiß nicht, als er von
der "Instrumentalisierung unserer Schande" sprach. Vielmehr denken beide,
Schröder und Walser, wenn sie von Normalität sprechen, an "die
selbstbewußte Nation".
So hieß die erste Programmschrift
der neuen Rechten, und Schröder formulierte in seiner ersten Regierungserklärung
"das Selbstbewußtsein einer erwachsenen Nation". Seitdem haben sich
die Bürger ehemals von der Wehrmacht besetzter Länder daran zu
gewöhnen, daß der deutsche Kanzler sich nicht bei jedem Staatsbesuch
mit irgendwelchen Gedenkritualen aufhält. Schon an der Gedenkfeier
zum achtzigsten Jahrestag des Endes des Ersten Weltkriegs konnte Schröder
aus Termingründen nicht teilnehmen; sein Vorgänger hätte
sich die Gelegenheit zu einer weiteren Versöhnungsgeste kaum entgehen
lassen.
Der Gnade einer noch späteren
Geburt möchten die ehemaligen 68er, haben sie doch die Auseinandersetzung
mit der Tätergeneration schonungslos geführt und dabei die Gesellschaft
gründlich zivilisiert, voll und ganz teilhaftig werden. Daß
die Forderung der neuen Rechten nach einer konsequenten Interessenpolitik
und dem endgültigen Ende des "Sonderwegs" ausgerechnet von einem sozialdemokratischen
Kanzler erfüllt werden, nennt die Junge Freiheit eine "Ironie" und
freut sich zu beobachten, "wie die Fronten bröckeln, die Tabus fallen
und Normalität Einzug hält". Des geschichtspolitischen Projekts
der Rechten, nämlich Deutschland vom Nationalsozialismus zu entlasten,
hat Walser sich angenommen, und die ganz breite neue und alte Mitte scheint
ihm zu folgen.
Deshalb ist es nicht weiter verwunderlich,
daß Antisemitismus sich während der Walser-Debatte so unverhohlen
aussprechen konnte. Die dümmsten und infamsten Äußerungen
stammten von Sozialdemokraten. Günter Grass, obwohl von der Friedenspreisrede
offenbar gemeint als einer derjenigen, die "unsere Schande" zu undeutschen
Zwecken instrumentalisieren, gab Walser recht: Jawohl, seit Jahrzehnten
schon arbeite er, Grass, "aus linker Sicht" an einem gesunden Nationalbewußtsein,
weil man das nationale Thema nicht abermals der Rechten überlassen
dürfe.
Zweitens verweigerte er dem geplanten
Holocaust-Mahnmal seinen Segen, solange nicht "die von mir kritisierte
Selektierung aufgegeben wird". Die Gedenkstätte müsse nicht nur
den Juden, sondern allen Opfergruppen gewidmet sein, die von den Nazis
systematisch verfolgt und ermordet wurden. "Ich warne davor, mit bester
Absicht jene Selektierung fortzusetzen, die die Nazis betrieben haben."
(Für alle, die nicht mit der Gruppe 47 aufgewachsen sind: Wenn Grass
von "Selektierung" spricht, meint er Selektion.)
Er will damit sagen: Massenmord
ist dasselbe wie Denkmalsbau, die Vernichtung "unwerten Lebens" dasselbe
wie die Erinnerung daran, Himmler nicht schlimmer als Kohl. Was er damit
auch noch sagt: Die Juden sind wieder einmal privilegiert, selbst als Opfer
sind sie fein raus, selbst das eigene Unglück verwerten sie zu ideellem
Profit. Warum das so ist und daß es schon immer so war, kann man
in der einschlägigen antisemitischen Literatur nachlesen.
Einen Antisemiten erkennt man bekanntlich
daran, daß er seine Meinungen gern mit der Formel einleitet, er sei
kein Antisemit, aber ... Wenn man Egon Bahr fragte, ob er ein Antisemit
sei, so würde er vermutlich antworten: Nein, bewahre, aber es ist
doch wohl eine "Selbstverständlichkeit, daß auch Juden irren
können und Israel Fehler machen kann, und es irgendwann möglich
sein muß, daß Deutsche oder die Bundesregierung das sagen dürfen,
ohne daß diese Mündigkeit mit dem Wink auf deutsche Vergangenheit
bezweifelt wird". Wer in seinem Büro ein Porträt des ältesten
Moltke aufhängt, weil dieser Feldherr den letzten siegreichen Krieg
für Deutschland führte, der muß irgendwann einfach mal
sagen, daß auch Juden irren können.
Ignatz Bubis, schrieb Bahr in der
Zeitschrift Internationale Politik, habe nach Walsers Rede "zunächst
aufgeregt und dann am 9. November überlegt reagiert". Walser durfte
an diesem Tag "kaum eine Reaktion völliger Ignoranz erwarten, eher
eine Entschuldigung für einen schweren Lapsus", für den Vorwurf
geistiger Brandstiftung nämlich. "Was Walser gesagt hat, ist unbestreitbar.
Daß Walser bei der unaufhörlichen Präsentation unserer
Schande angefangen hat wegzuschauen, ist verständlich. Es geht mir
nicht anders."
Aus Müdigkeit entsteht Mündigkeit,
was aber machen wir mit unserer Geschichte? "Sofern sie den Generationen
vorgehalten wird, die nach 1939 geboren wurden, sind bisher versäumte
Leistungen an die Opfer nachzuholen, aber angemahntes deutsches Wohlverhalten,
eingefordert wegen und abgeleitet von der unrevidierbaren Hitlerei, ist
schon deshalb abzulehnen, weil letztlich die Instrumentalisierung Hitlers
gegen Deutschland unerträglich wäre." Schwer zu entscheiden,
ob er wirklich meint, was er sagt, oder ob er nur nicht sagen kann, was
er meint. Die Opfer sind zu entschädigen, sofern uns die Geschichte
vorgehalten wird. So etwas nennt man wohl: die Moralkeule mit dem Florett
parieren. Selbstredend weist auch Bahr den Vorwurf einer deutschen Kollektivschuld,
den niemand erhoben hat, mit aller Entschiedenheit zurück.
Wenn nur die deutsche Einheit wiederhergestellt
werde, behauptete Walser in den achtziger Jahren, erledige sich das nationale
Thema ganz von selbst. Bahr teilt diese Meinung, obwohl sie sich längst
als böser Irrtum erwies, noch immer. Dabei weiß er doch am besten,
was deutsche Selbstbestimmung fordert: mehr deutsche Selbstbestimmung.
"Es ist im allgemeinen öffentlichen Bewußtsein noch nicht angekommen,
daß die gewonnene Selbstbestimmung nun auch Selbstbestimmung gestattet
und fordert." Deutsche Normalität herzustellen, sei inzwischen auch
eine außenpolitische Aufgabe. Deutschland dürfe, meint Bahr,
einen amerikanischen Journalisten zitierend, nicht länger der "treueste
Vasall" der USA bleiben, es werde "erst dann interessant werden, wenn es
in einem wichtigen Punkt eine andere Auffassung als Amerika vertritt".
Den Dritten im Bunde sozialdemokratischer
Antisemiten gab Klaus von Dohnanyi. In einem offenen Brief an Ignatz Bubis
wies er diesen zunächst darauf hin, er könne Walsers Rede nicht
verstehen und habe sich unqualifizierter Bemerkungen folglich zu enthalten.
"Denn Walsers Rede war die Klage eines Deutschen - allerdings eines nichtjüdischen
Deutschen - über den allzu häufigen Versuch anderer, aus unserem
Gewissen eigene Vorteile zu schlagen. Es zu mißbrauchen, ja zu manipulieren.
Wer in unseren Tagen zu diesem Land in seiner Tragik und mit seiner ganzen
Geschichte wirklich gehören will, wer sein Deutschsein wirklich ernst
und aufrichtig versteht, der muß sagen können: Wir haben den
Rassismus zum Völkermord gemacht; wir haben den Holocaust begangen
..." Und da müßte Bubis ja nun wirklich lügen. Nachdem
er die Kollektivschuld als identitätsstiftende Kraft erkannt und die
Juden aus der Volksgemeinschaft verstoßen hat, beschreibt Dohnanyi
seine Gewissensnot. Als Sohn eines von den Nazis ermordeten Widerständlers
hätte er sich leicht auf die Seite der Opfer schlagen können,
und tatsächlich sei er "für die anderen Völker so ganz doch
kein Deutscher", nämlich "eine gute Ausnahme der Deutschen". Das war
eine beständige "Versuchung", denn "die Abkunft von ermordeten Widerstandskämpfern
gibt ebenso wie die Abkunft von jüdischen Opfern eine Chance für
einen persönlich völlig unverdienten Freispruch von der schändlichen,
gemeinsamen Geschichte der Deutschen im Dritten Reich".
Wenn er seine deutsche Nationalität
so sehr liebt, daß er um ihretwillen gern ein wenig schuldig sein
möchte, so ist das zunächst Dohnanyis Privatsache. Trotzdem müßte
er erklären, was man unter einem "unverdienten Freispruch" zu verstehen
hat; in der juristischen Literatur kommt so etwas nicht vor. Und daß
ausgerechnet die überlebenden Juden von der deutschen Geschichte "freigesprochen"
wurden, kann man schwerlich behaupten.
Was also bedeutet dieser rätselhafte
Satz? Wenn die Juden "unverdient" freigesprochen wurden, müssen sie
schuldig sein. Unnötig also, daß sich "auch die jüdischen
Bürger in Deutschland fragen, ob sie sich so sehr viel tapferer als
die meisten anderen Deutschen verhalten hätten, wenn nach 1933 'nur'
die Behinderten, die Homosexuellen oder die Roma in die Vernichtungslager
geschleppt worden wären". Natürlich nicht. Wenn man sie nur gelassen
hätte, wären auch die Juden schuldig geworden, nur der doofe
Hitler und sein Holocaust verhindern den Beweis. Mit dem Freispruch in
der Tasche instrumentalisieren die Juden nun die deutsche Schande, während
die Deutschen sich ein Gewissen machen.
Ignatz Bubis sprach vom "latenten
Antisemitismus" Walsers und Dohnanyis. Und da, fand Dohnanyi, hätte
Deutschland erwachen müssen. "Ich finde, viele Deutsche hätten
sich da erheben müssen. Wenn ein Vorwurf gegen einen Mann wie Walser
fällt, dann muß man laut sagen: So geht's nicht." Bzw.: Deutsche,
wehrt euch!
Von Joachim Rohloff erscheint Ende
März
im Konkret Literatur Verlag: "Ich
bin das Volk.
Martin Walser, Auschwitz und die
Berliner Republik" |