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"Was mache ich noch hier?"
Sie gehen in Erwerbsunfähigenrente,
sie sprechen oft sehr schlecht deutsch und sehnen sich nach der Heimat,
in die sie nicht zurückkehren werden: Türkische Rentner
Sivas 1969. Mehmet-Ali Tokgöz
läßt Frau und Kinder in seiner Heimatstadt zurück, um sein
Glück als Gastarbeiter in "Almanya" zu versuchen. Wie Tokgöz
kommen Tausende Türken mit dem Vorsatz in die Bundesrepublik, ein
wenig Geld zu verdienen, um sich dann in der Heimat eine Existenz aufzubauen.
Sie denken nicht daran, womöglich in der Fremde alt zu werden. Der
Aufenthalt, so reden es sich viele ein, soll doch nur befristet sein. Doch
es kommt anders.
Die Familien werden nachgeholt,
man richtet sich ein, und nun leben sie seit mehr als einem Vierteljahrhundert
in Berlin. Die Stadt ist zu einem Teil ihrer Heimat geworden. "Ich kann
mich noch ganz gut daran erinnern", erzählt der inzwischen 64jährige
Tokgöz. "Der deutsche Arzt untersuchte meine Lunge, meine Zähne
und die Ohren", erzählt er, "ich mußte körperlich ganz
stark sein." Für 2 Mark 50 Stundenlohn hat er jahrelang in einer Firma
gearbeitet.
Insgesamt war Tokgöz innerhalb
von 20 Jahren in sechs unterschiedlichen Fabriken als Hilfsarbeiter tätig.
Sein Leben bestand zumeist aus drei festen Größen: Arbeiten,
Ausruhen und einmal im Jahr Urlaub zu Hause in Anatolien. Die drei festen
Größen gibt es nicht mehr, denn seit mehreren Jahren ist Tokgöz
Vorruheständler. Rückenschmerzen und Kreislaufprobleme zwangen
ihn aus der Fabrikarbeit zum Rückzug in die Erwerbsunfähigkeitsrente.
Die erste Generation der "Gastarbeiter"
meldet sich heute vom Erwerbsleben ab - und bleibt dennoch in der ganz
überwiegenden Mehrzahl hier. Jeder vierte Ausländer lebt bereits
mehr als zwanzig Jahre in Deutschland, 340 000 Immigranten sind heute im
Rentenalter. Allein das Land Berlin zählt inzwischen 14 000 türkischstämmige
Rentner, die über 55 Jahre alt sind und sich damit jenseits der Vorruhestandsgrenze
befinden.
2,8 Millionen ausländische
Rentner prophezeien die Demoskopen für das Jahr 2030. Die jahrelange
harte Arbeit in Fabriken oder auf Baustellen und die andauernde Konfrontation
zwischen Rückkehr ins Herkunftsland, Bleiben in Deutschland oder Pendelmigration
zwischen der alten und der neuen Heimat führen bei nicht wenigen von
ihnen zu psychischen Erkrankungen.
So beginnen viele ihren Lebensabend
als Erwerbsunfähigkeitsrentner, häufig sind sie daher jünger
als 65. Krankheiten, die die älteren Türken am meisten plagen,
sind neben den Depressionen die typischen Seniorenleiden wie Diabetes,
Bluthochdruck, Herzbeschwerden, Stoffwechselprobleme. Und natürlich
Krankheiten, die vor allem auf die Plackerei zurückzuführen sind:
bei den Männern Bandscheibenschäden, deformierte Wirbelsäulen,
Schwerhörigkeit, Asthma und Bronchitis, vor allem nach jahrelangem
Umgang mit Asbest. Oder auch allergische Ekzeme; eine Folge des jahrelangen
Hautkontakts mit Reinigungsmitteln oder der Arbeit in Konservenfabriken.
In den öffentlichen Debatten zur doppelten Staatsangehörigkeit
oder zur Integration von Ausländern oder gar zur Lebenssituation von
Ausländern in der Bundesrepublik kommen gerade diejenigen, die am
längsten hier sind, kaum vor. Vergessene Biographien.
"Was mache ich eigentlich noch hier?"
Eine Frage, die sich eine große Anzahl von älteren Türken
stellt. Der Gedanke, wieder in die Heimat zurückzukehren, hat Ali
Üstündag, 62, nie verlassen. "Doch wie es damals schwierig war,
nach Deutschland zu kommen, so ist es um so schwieriger, jetzt wieder heimzukehren",
erklärt er seine Unentschlossenheit: Da sind z. B. die Kinder und
Enkel, die ihren Lebensmittelpunkt in dieser Stadt haben und von den Zwängen
und Sozialregeln der Industriegesellschaft längst gefesselt sind.
In der jüngeren Generation herrschen völlig andere Familienloyalitäten,
als sie die Senioren aus ihrer Jugend kennen.
"Vor allem Frauen leiden darunter",
sagt die türkische Psychologin Aysin Yesilay-Inan, "sie sind am stärksten
auf die Familie angewiesen. Überhaupt hatten sie es mit Abstand am
schwersten gehabt, denn ihr Leben bestand lediglich aus Putzen, Kochen
und Kindergroßziehen." "Ja, es fällt mir schwer", sagt die 57jährige
Hatice Tas, "wenn meine Kinder plötzlich das Elternhaus verlassen
und ihr eigenes Leben führen wollen." In die Heimat wollen die Kinder
nicht zurück. Die Enkel auch nicht. "Wenn wir Urlaub machen in unserem
Häuschen am Meer, dann sagen sie nach zwei Wochen: 'Oma, laß
uns nach Hause fahren. Uns ist so langweilig.'"
Viele haben wie Tas ihre Ersparnisse
und ihre Hoffnungen in die Türkei investiert und pendeln zwischen
Berlin und dem Heimatort hin und her. Bis das deutsche Ausländerrecht
geändert wurde, war es den meisten älteren Türken verwehrt,
länger als ein halbes Jahr in der Heimat zuzubringen, denn dann war
das Recht auf Rückkehr nach Deutschland in Gefahr. Inzwischen reicht
ein von der Ausländerbehörde ausgestellter Nachweis, daß
bei der Rückkehr in die Bundesrepublik entweder die Rente oder das
eigene Vermögen genügend Einkommen garantieren, damit keine Sozialhilfe
in Anspruch genommen wird.
"Entspannen und Nachdenken", nennt
Kazim Ipekli, 55, es, wenn er einige Monate in seiner Eigentumswohnung
in Antalya verbringt. Nachdenken über die Zukunft. "Es ist nicht einfach,
sich zu entscheiden. Das Pendeln ist aber auch nicht die Lösung",
stellt er fest. "Die Eigentumswohnung ist für viele eine Art emotionaler
Brücke", sagt Yesilay-Inan. Auch wenn das Haus am Meer die meiste
Zeit im Jahr leersteht. "Die ältere Generation lebt in einem Widerspruch",
sagt die Sozialpädagogin Annette Maurer-Kartal vom Stadtteilladen
Halk Kösesi, zu deutsch "Volksecke". "Aber ein Widerspruch, mit dem
sie gut zurechtkommen. Sie brauchen den Traum, eines Tages zurückzukehren",
erklärt sie das Dilemma.
Eine verlorene Generation? Wenige
Einrichtungen in Berlin sorgen sich bisher um die Probleme türkischer
Rentner. Der Familienzusammenhalt bei den meisten bröckelt, die Renten
sind knapp, das Bildungsniveau ist gering, und gut deutsch sprechen nur
wenige. Insgesamt gibt es in der Hauptstadt etwa acht Seniorenfreizeitstätten,
die sich um die älteren Türken kümmern. Eine davon ist die
in der Großgörschenstraße 28 im Bezirk Schöneberg.
Sie wird von einer türkischen Hilfskraft betreut.
Man trifft sich hier, um sich die
Zeit zu vertreiben. Riza Aykal, 60, Serdin Demir, 57, und Hüseyin-Hüsnü
Yildiz, 67, haben sich heute zum Kartenspielen getroffen. Sie spielen "Einundachtzig",
trinken Schwarztee aus einem Samowar, diskutieren über Politik und
reden über vergangene Zeiten. Viele Geschichten vom "ersten Mal" gibt
es zu hören: die erste Rolltreppe, der erste Supermarkt, die erste
U-Bahnfahrt.
"Das Angebot für ältere
Immigranten läßt zu wünschen übrig", sagt Enver Sen,
der zweimal in der Woche den Senioren mit Rat und Tat zur Hilfe steht.
"Kein Wunder, daß sich viele von ihnen in der Fremde ausgenutzt und
alleine fühlen", sagt er. Und dennoch: "In zwei Jahren, spätestens
in drei, da werde ich für immer dieses Land verlassen und zurückkehren",
sagt Tokgöz, "und dann ..." Die anderen Männer lachen. So reden
sie auch immer und das seit mehr als zwanzig Jahren schon.
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