Bloß keine Namen nennen
Fast täglich graben Gerichtsmediziner und Anthropologen im Dorf San Francisco neue Überreste der vermutlich 400 Opfer eines Massakers aus. Vor 17 Jahren brannte die guatemaltekische Armee die entlegene Maya-Siedlung nieder. Die Bewohner galten den Militärs als "natürliche Verbündete" der Guerilla. Allein in der Maya-Region Ixil zerstörten Soldaten drei Viertel aller Dörfer, sie folterten und mordeten im staatlichen Auftrag.
Das damalige Regime wird jetzt formell des Genozids angeklagt: Zwischen 1981 und 1983 sei die Aufstandsbekämpfung im guatemaltekischen Bürgerkrieg in einen Massenmord an den Mayas ausgeartet, so der offizielle Bericht der Wahrheitskommission, der am vergangenen Donnerstag in der Hauptstadt vorgelegt wurde. Zwei Jahre lang sammelte die Kommission unter dem Vorsitz des deutschen Juristen Christian Tomuschat Informationen über den Krieg zwischen Guerilla und Regierung in Guatemala. Die Auswertung mehrerer Tausend Zeugenaussagen durch Spezialisten aus über 30 Ländern nahm so viel Zeit in Anspruch, daß die Veröffentlichung des Berichtes mehrmals verschoben werden mußte.
Präsident Alvaro Arzu, Guerilla-Kommandanten, Militärs und Angehörige der Opfer wie die Friedensnobelpreisträgerin Rigoberta Menchu kamen im Theater Miguel Angel Asturias zusammen, um den von der Uno finanzierten Bericht entgegenzunehmen. Auf 3 400 Seiten ist der Horror zusammengefaßt: "Guatemala - Erinnerung an das Schweigen". An die 200 000 Opfer forderte der Krieg von 1962 bis 1996, 45 000 Menschen sind bis heute verschwunden. Hinzu kommen eine Million, die ihre Dörfer verlassen mußten.
Schon im Vorfeld hatte Tomuschat erklärt, daß in keinem anderen Land Lateinamerikas so viele Menschenrechtsverletzungen wie in Guatemala geschehen seien. Er sei zu dem Ergebnis gekommen, daß Armee und Regierung für den überwiegenden Teil der Gewalttaten verantwortlich gewesen seien: Mehr als 90 Prozent der 626 dokumentierten Massaker gehen der Wahrheitskommission zufolge auf das Konto der Militärs. Doch auch der Guerilla, namentlich den Einheiten der URNG, wurden Verbrechen nachgewiesen. Sie habe sich aber bei der Aufklärung vergangener Greueltaten kooperationsbereiter als die guatemaltekische Armee gezeigt.
Auch wenn im Friedensabkommen von 1996 geregelt wurde, daß der Bericht keine Namen von Verantwortlichen nennen darf, wird er Einfluß auf die Zukunft des mittelamerikanischen Landes nehmen. Empfehlungen der Kommission hinsichtlich weiterer Reformen im Militär und eines Mandats für unabhängige Organisationen zur Entschädigung der Opfer sind nach dem Friedensvertrag für alle Seiten verbindlich. Auch die USA und Kuba, die im Rahmen des Kalten Krieges in Guatemala mitmischten, sollen sich am Wiederaufbau des Landes beteiligen.
Der Bericht, der auf Spanisch, Englisch und in mehreren Mayasprachen verfaßt ist, verhehlt nicht, daß Gewalt in Guatemala weiterhin an der Tagesordnung ist. Bischof Juan Gerardi, der vor 10 Monaten einen Bericht der katholischen Kirche über Kriegsverbrechen vorgestellt und die Armee angeprangert hatte, fehlte im Theater "Miguel Angel Asturias". Zwei Tage nach Veröffentlichung seines Berichts wurde er ermordet. Bis heute ist der Fall ungeklärt: Während die Kirche zwei ehemalige Militärs der Tat beschuldigt, verhaftete die Staatsanwaltschaft zuerst einen Obdachlosen und beschuldigte später einen Priester.