Wahlen in Nigeria
Ein General für alle Fälle
Von Marc Sarell
Wenn General Adusalam Abubakar Ende
Mai die Macht der Militärs erstmals nach über 15 Jahren an einen
gewählten Präsidenten abgibt, wird ein anderer General die Herrschaft
über Nigeria fortsetzen: Olusegun Obasanjo. Denn der hat sowohl die
Parlaments- als auch die Präsidentschaftswahlen gewonnen und darf
sich nun auf die Umsetzung seines größten Versprechens vorbereiten.
"Laßt uns Nigeria wieder groß machen", lautete der Wahlkampfslogan
seiner People's Democratic Party (PDP).
Obasanjo ist zum Präsidenten
gemacht worden. Vom Regime, das den ehemaligen Militärherrscher wieder
dort haben wollte, wo er vor zwanzig Jahren schon einmal war: an der Spitze
des größten und bevölkerungsreichsten Staates Westafrikas.
Nur der Titel wird dieses Mal ein anderer sein. "Präsident" klingt
angenehmer als "Vorsitzender des Militär- und Sicherheitsrates". Vor
allem im Ausland. Dort sollen Wahllokale auch beliebter als Kasernen sein.
Nicht oft, aber in jüngster Zeit immer wieder.
Auch die Bevölkerung wollte
den "General und Versöhner" (Nigeria Today) und wählte ihn mit
großer Mehrheit. Staatliche Verwaltungsstellen mußten kaum
noch nachhelfen. Der Leiter der internationalen Wahlbeobachtergruppe sprach
zwar von Unregelmäßigkeiten, auch könne Wahlfälschung
in größerem Umfang nicht ausgeschlossen werden, doch reiche
dies nicht aus, die Rechtmäßigkeit der Wahl in Frage zu stellen.
Ironie am Rande: Als Oberster Wahlbeobachter durfte sich Colin Powell betätigen,
Kriegsheld der USA im Zweiten Golfkrieg und ehemaliger General.
Gewählt wurde Obasanjo von
allen Teilen der Bevölkerung. Wenn ein Land wie Nigeria trotz riesiger
Energie- und Rohstoffvorkommen so verarmt, wie es in den letzten zehn Jahren
geschehen ist, spielt der Klassenstandpunkt offensichtlich keine Rolle
mehr. Zumal es Obasanjo allen recht machen will: Mehr Gewerbefreiheit für
die einen, eine günstigere Verteilung der Einnahmen aus der Erdölförderung
für die Regionen (und damit theoretisch an alle, praktisch an die
jeweilige Verwaltung samt ihren Begünstigten). Nur im Südwesten
des Landes soll der General schlecht weggekommen sein. Dort wird das meiste
Öl gefördert, dort ist der Widerstand gegen die Umverteilung
der Einnahmen am größten.
Hinzu kommt, daß Obasanjo
aus dieser Region stammt. Das tut zwar eigentlich nichts zur Sache, doch
spielt in Nigerias Machtsystem Herkunft eine ähnliche Rolle wie das
je unterschiedliche Einkommen. Nach verschiedenen Schätzungen werden
bis zu 450 Bevölkerungsgruppen angegeben, die politisch repräsentiert
und ökonomisch versorgt sein wollen. Selbst- und Fremdethnisierungen
überlagern politische Vorlieben, Verteilungsstreitereien und andere
Machtkämpfe. Obasanjo aber hat ebenso viele Freunde im Norden und
Westen wie im Osten. Kurz: Er mochte im Ethno-Diskurs nicht so recht mitspielen
und präsentierte sich als Einiger, als gesamt-nigerianischer Nationalist.
Das kam an. Bereits seit geraumer
Zeit bei den Militärs um Abubakar: Sie kennen die militärische
Stärke Nigerias in der Region ebenso gut wie die ökonomische
Schwäche des Landes: Ohne Geld keine Waffen, ohne Waffen keine politische
Hegemonie in Westafrika, mögen sich die Offiziere überlegt haben.
Auch die militärische Übermacht wäre dann irgendwann hinfällig
- und damit die eigene Daseinsberechtigung.
Mit dem Präsidenten-General
hat man in Lagos den richtigen Mann gefunden, um die von allen Seiten erwünschte
Stärkung Nigerias in der Region gut umsetzen und sie gleichzeitig
als demokratische Machttransformation erfolgreich verkaufen zu können:
"Er ist (...) ein Soldat, ein ehemaliger Staatschef, ein internationaler
Staatsmann, begnadigter Ex-Häftling und seit kurzem auch Politiker.
Als Soldat war er unter der ersten Generation nigerianischer Militäroffiziere,
die in westlicher Militärtradition trainiert wurden. Eine Tradition,
die den Offizier als Ehrenmann, Gentleman, Patriot und Verkörperung
von Disziplin prägt", schmeichelte die Regierungszeitung Nigeria Today.
Kurz: Obasanjo ist im Westen bekannt und wird auch dort allseits geschätzt. |