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Die Verlockungen der Mitte
Im israelischen Wahlkampf hat die
Linke nicht viel zu melden
In der israelischen Politik ist
einiges in Bewegung geraten. Seit die Neuwahl des Parlaments und des Ministerpräsidenten,
die für den 17. Mai anberaumt sind - in Israel wird der Ministerpräsident
direkt gewählt -, treten allerhand neue Parteien und Kandidaten in
die politische Arena. In Benjamin Netanjahus Likud machen sich an beiden
Rändern Auflösungserscheinungen bemerkbar. Und auch Ehud Barak
hat alle Mühe, seine Arbeitspartei bei der Stange zu halten. Es scheint,
als ob das politische System in Israel auseinanderfällt. Tatsächlich
geht es um die politische "Mitte".
Deutlich wird diese Tendenz bei
der wichtigsten politischen Neuerscheinung dieses Jahres, der Zentrumspartei
Merkas. Hervorgegangen ist Merkas aus zwei Initiativen. Schon im Dezember
hatte der prominente Likud-Politiker Dan Meridor seine Kandidatur für
das Amt des Ministerpräsidenten und die Gründung einer neuen
Partei erklärt. Anfang Januar folgte die Kandidatur des als Labour-nah
geltenden ehemaligen Generalstabschefs Amnon Lipkin-Shahak, drei Wochen
später trat auch noch der damalige Verteidigungsminister Yitzhak Mordechai
der Zentrumspartei bei. Wegen seiner Popularität wurde ihm sofort
der erste Platz und die Kandidatur eingeräumt. Mordechai repräsentiert
als ehemaliger Likud-Politiker, der sich zum "stolzen Schüler Yitzhak
Rabins" erklärt, in idealer Weise die Ideologie der Mitte.
Doch das Terrain ist umkämpft.
Barak versucht nach Kräften, das längst überholte sozialdemokratische
Image seiner Arbeitspartei loszuwerden und dem Beispiel der westeuropäischen
Sozialdemokratie zu folgen. Seine "Neue Mitte" heißt "One Israel",
eine geplante gemeinsame Liste von Labour und anderen zentristischen Parteien
und Politikern. Nach einigen Anlaufschwierigkeiten ist das Bündnis
mit Gesher, der Partei von Ex-Außenminister David Levy, und mit der
gemäßigt-religiösen Partei Meimad halbwegs perfekt.
Baraks größtes Problem
ist, daß ihm das für diese Art des "zentralisierten" und vor
allem populistischen Wahlkampfs nötige Charisma fehlt. Das ist wiederum
der größte Vorteil Netanjahus. Netanjahu hat die Reste des Likud
mehr oder weniger hinter sich versammelt. Die Kandidatur des rechten Likud-Dissidenten
Benjamin Begin bedeutet keine Gefahr für ihn, da er sich dieser Stimmen
im zweiten Wahlgang sicher sein kann. Für die Parlamentswahlen scheinen
die vier rechtsextremen Parteien zu keiner gemeinsamen Liste zu finden
und sich so den Einzug in die Knesset gegenseitig zu verbauen.
Wichtiger sind die religiösen
Parteien, die Nationalreligiöse Partei (NRP) und vor allem Shas. Shas,
die sowohl in der Regierung Rabin / Peres als auch in der Regierung Netanjahu
vertreten war, hat ihre Mobilisierungsfähigkeit bei der Jerusalemer
Massendemonstration Mitte Februar eindrucksvoll unter Beweis gestellt.
Alle Beobachter erwarten deutliche Zuwächse bei den Parlamentswahlen.
Um zwei Pole gruppieren sich somit
die politischen Organisationen: Einerseits ein insgesamt schrumpfender
Bereich von Parteien, die sich als "Mitte" darstellen und immer ununterscheidbarer
werden - von Labour über das neue Zentrum bis zu Teilen des Likud.
Davon werden im wesentlichen die Mittel- und Oberschicht und die traditionelle
ashkenasische, also europäische Elite der israelischen Gesellschaft
repräsentiert. Das Dilemma der Linken ist, daß sie selbst Teil
dieses gesellschaftlichen Bereichs ist und weitgehend auf ihn verwiesen
bleibt. Ihm gegenüber steht ein wachsender Bereich religiöser
Parteien, mehr und mehr dominiert von der populistischen Shas.
Adam Keller, Herausgeber der Zeitschrift
The Other Israel und Aktivist der Gruppe Gush Shalom (Friedensblock), sieht
sogar die Möglichkeit, daß innerhalb von zehn Jahren der Likud
von Shas als führende Partei der israelischen Rechten abgelöst
und deren Führer, Arieh Deri, Ministerpräsident wird. Shas, so
Keller, stelle das jüdische Äquivalent zur islamischen Bewegung
dar, weil sie in den Slums aktiv sei und sowohl materielle Hilfe wie auch
spirituelle Unterstützung biete. Für ihn ist es deshalb wichtig,
daß der Friedensprozeß zuvor zu einem positiven Ende gebracht
werden kann, damit die Auseinandersetzung mit dem religiösen Fundamentalismus
ein innenpolitisches Problem wird.
Doch nicht alle in der israelischen
Linken sind so pessimistisch. Bislang stellt der religiöse Nationalismus,
wie ihn Shas repräsentiert, eine - wenn auch laute - Minderheit in
der israelischen Gesellschaft dar. Die Ansichten über seine Entwicklung
sind mit der Säkularisierung in der jungen Generation geteilt. Konsens
aber ist, daß die Linke kaum Einfluß auf die konkrete Politik
hat. Mit Meeretz, dem Dauerkoalitionspartner der Arbeitspartei, lassen
sich zwar Bündnisse für den Friedensprozeß und für
den säkularen Staat schließen, doch wird diese wirtschaftsliberale
Partei nur außerhalb Israels als links verstanden.
Übrig bleibt lediglich die
KP sowie ihr Wahlbündnis Hadash, das zwar derzeit mit vier Abgeordneten
in der Knesset vertreten ist, dennoch nur eine marginale Position einnimmt.
Seit dem Ende der Sowjetunion hat Hadash seine Anhängerschaft unter
den jüdischen Israelis weitgehend eingebüßt und ist zu
einer fast ausschließlich arabischen Partei geworden. Die arabische
Bevölkerung Israels ist ausgesprochen heterogen. Neben diversen, keineswegs
immer linken eigenen Parteien wählt sie teils Labour, teils Zentrum,
teils sogar Shas. Umfragen zufolge würden die arabischen Israelis
mit großer Mehrheit eine vereinigte arabische Parlamentsliste und
einen arabischen Kandidaten zum Ministerpräsidenten wählen. Doch
wie es aussieht, wird es weder das eine noch das andere geben. Vor allem
zwischen der Islamischen Bewegung und der KP gibt es nicht viele Gemeinsamkeiten.
In Hadash hält man nicht viel von einem eigenen Kandidaten. Man fürchtet,
daß dadurch entscheidende Stimmen zum Sturz von Netanjahu verloren
gehen.
Doch nicht alle teilen diese Position.
Ruwen Kaminer, Mitbegründer der linkssozialistischen Gruppe Shassi,
initiierte zusammen mit anderen eine Kampagne zur Aufstellung eines linken
Kandidaten für das Amt des Ministerpräsidenten. Ziel der Kampagne
war es, die Positionen der israelischen Linken gerade während des
Wahlkampfes in die Öffentlichkeit zu tragen. Vor allem aber sollte
das wenn auch kleine Potential an Wählerstimmen durch eine solche
Kandidatur gebündelt werden, um in der Stichwahl politischen Druck
ausüben zu können - eine Strategie, die von der Rechten ausgiebig
praktiziert wird. Die Kampagne fand allerdings keine große Unterstützung.
Insofern bleibt, was den Premier
betrifft, nur die Wahl des kleineren Übels. Einig ist man sich, daß
Netanjahu um jeden Preis weg muß. Labour-Kandidat Barak genießt
in der Linken keine allzu große Beliebtheit. Offensichtlich neigt
ein nicht kleiner Teil der Linken dazu, Mordechai den Vorzug zu geben.
Adam Keller nennt drei Argumente: Erstens habe er bessere Chancen, Netanjahu
zu besiegen. Zweitens sei Mordechai der bessere Ministerpräsident,
weil er im Gegensatz zu Barak keine Beweise seiner Unnachgiebigkeit gegenüber
den Palästinensern geben müsse. Und drittens würde Mordechai
als erster sephardischer Premier die festgefahrenen "ethnischen" Hierarchien
in der israelischen Gesellschaft durcheinanderbringen.
Die Aktivitäten der israelischen
Linken im Wahlkampf bleiben so eher beschränkt und business as usual.
In den kommenden Wochen soll eine Kampagne gegen die Zerstörung von
palästinensischen Häusern in den besetzten Gebieten gestartet
werden. Außerdem wurde von Gush Shalom ein Aufruf initiiert und mittlerweile
auch von einer ganzen Reihe von Intellektuellen, Künstlern und Politikern
unterzeichnet, der die Errichtung eines palästinensischen Staates,
den Rückzug Israels in die Grenzen von 1948 und die Erklärung
Jerusalems zur gemeinsamen Hauptstadt beider Staaten verlangt.
Adam Keller beschreibt dies als
die eigentliche Funktion der Linken in Israel: ein Katalysator zu sein,
der die Akzeptanz bislang tabuisierter politischer Positionen in der israelischen
Gesellschaft vorbereitet, indem er sie immer wieder artikuliert.
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