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Joseph und seine Brüder
In Paris gab der deutsche Außenminister
seinen grünen Parteifreunden aus ganz Europa erfolgreich Nachhilfestunden
in Realismus: "To be in government means to face reality - I'm sorry, folks"
Früher befand sich hier, über
ein Jahrhundert lang, "die blutige Stadt", wie die Schlachthöfe von
Paris genannt wurden. In den siebziger Jahren entstand nach ihrer Schließung
auf dem riesigen Gelände im Pariser Nordosten ein futuristisch gestalteter
Freizeit- und Ausstellungspark, der Parc de la Villette. Hier, in der "Stadt
der Wissenschaften und der Technik", trafen sich vom Freitag bis Sonntag
vergangener Woche rund 250 VertreterInnen von grünen Parteien aus
allen Ländern der Europäischen Union, um den Startschuß
für die gemeinsame Kampagne zur Europaparlamentswahl am 13. Juni 1999
abzugeben.
Bereits im Jahr 1989 hatte am selben
Ort ein Kongreß der "Europäischen Föderation der grünen
Parteien" stattgefunden. Viel hat sich seitdem für die Formationen
der politischen Ökologie verändert, die mittlerweile auf eine
rund 20jährige Geschichte zurückblicken können.
Die Gründe für die Entstehung
dieser politischen Gruppierungen ähnelten sich überall: Um 1968
wuchs mit der Politisierung der jungen Generation die Sensibilität
für Themen jenseits der Konflikte um die Verteilung der materiellen
Reichtümer.
Das so entstandende Bewußtsein
für Umweltprobleme war in Frankreich - anders als bei den deutschen
Grünen - lediglich eine Facette in einem postmateriellen Themenfeld.
So griffen viele der grünen Parteien Fragen der individuellen Freiheitsrechte
gegenüber dem Staat, der Minderheits- und Immigrantenrechte, des Abbaus
gesellschaftlicher Hierarchien, des Kolonialismus und der internationalen
Solidarität oder der Entkriminalisierung von Drogenkonsum auf. In
Frankreich war diese Bedeutung der Grünen als eine Partei der postmateriellen
Konflikte lange Zeit dominierend. Im Themenkatalog der Grünen für
die Wahlen des Jahres 1981 tauchte die Umweltpolitik in keiner der elf
Sofortforderungen auf. In einigen Fällen erwiesen sich diese gesellschaftspolitischen
Aktivitäten als komplementär zu jenen der Arbeiterbewegung und
der Linken, in anderen ließ sich diese Annäherung nicht herstellen,
weil die materiell meist bessergestellten und eher intellektuell geprägten
Vertreter der grünen Parteien sich für die sozialen Fragen kaum
interessierten.
In jüngster Zeit zeichnet sich
die Tendenz ab, daß die Grünen sich dem hochentwickelten Kapitalismus
als Modernisierungsfaktor anbieten. Dabei wird ein Essential grüner
Politik, das Engagement für offene Grenzen, auf andere Politikfelder
übertragen. Die Freiheit des Warenverkehrs und der freie Verkehr der
Menschen und Ideen werden jetzt auf eine Ebene gestellt.
Sieben Parteien der grünen
Föderation haben in den letzten Jahren Regierungsverantwortung übernommen:
Die finnische Vihreä Liitto seit April 1995, die italienische Federazione
dei Verdi seit April 1996, die französischen Les Verts seit Juni 1997
und schließlich die deutschen Bündnisgrünen im Oktober
vergangenen Jahres. Daneben sind auch in Polen, Georgien und der Slowakei
grüne Parteien an der Regierung beteiligt. Immer deutlicher nehmen
die Grünen die Rolle einer Modernisierungspartei innerhalb der hochentwickelten
kapitalistischen Ökonomien ein.
Auf ihrem Pariser Zusammentreffen
strebten die europäischen Grünen offenkundig danach, sich als
diejenige politische Strömung zu präsentieren, die die Entwicklung
der EU zum einheitlichen Wirtschaftsblock am konsequentesten vorantreibt
und dieser gleichzeitig das Profil der Liberalität verleiht.
"Eines unserer Hauptziele wird es
sein, uns für eine Europäisierung der Politik auszusprechen,
gegen den Trend zur Renationalisierung", erklärt Claudia Roth, die
auf der Liste der deutschen Grünen auf dem ersten Platz antritt. Die
französischen Les Verts sprechen sich in ihrem Wahlprogramm für
verstärkte Kompetenzen der Europäischen Union sowie der einzelnen
Regionen aus. Da-mit liegen sie voll im Trend der realen EU-Entwicklung,
zeichnet sich doch seit langem ab, daß die Regionen eine Gegenmacht
zu den Entscheidungszentralen der nicht-föderalistischen Mitgliedsstaaten
darstellen sollen. Die Reichtumsverteilung in der EU verläuft quer
zu den bisherigen Nationalstaatsgrenzen, und so stellt die Region eine
geeignetere Basis für die Zugehörigkeit zum inner circle, dem
Club der Reichen, dar als der klassische Nationalstaat. Obgleich die Stärkung
regionaler Identität auch eine Forderungen von konservativen und reaktionären
Parteien ist, verteidigen die Grünen dies als ein Mittel zur Überwindung
bestehender Grenzen.
Umstritten bleibt, wie die EU, für
deren Aufbau die grünen Parteien aktiv einstehen, in naher Zukunft
aussehen soll. Für Roth handelt es sich dabei um eine Union, die sich
vordringlich um Fragen wie Demokratisierung und Achtung der Menschenrechte
kümmert.
Folgt man den Ausführungen
von Antje Radcke, Vorstandssprecherin von Bündnis 90 / Die Grünen,
so handelt es sich dabei um eine EU, die ihre Grenzen nicht für "ImmigrantInnen
immer weiter verschließt", die "eine weniger aggressive Außenwirtschaftspolitik
betreibt", sich für einen Schuldenerlaß für die armen Länder
einsetzt. Zuvor hatte sich der Österreicher Franz Floss, Sprecher
der europäischen Grünen-Föderation, für eine gemeinsame
europäische Außenpolitik ausgesprochen. Aktuell sei man damit
konfrontiert, daß diese "hinterrücks zur gemeinsamen Militärpolitik
wird".
Aus dem Mund des Stargastes, des
deutschen Außenministers Joseph Fischer, hörte sich das ganz
anders an. Die Alternative zum derzeitigen Zustand sei keineswegs "ein
unbewaffnetes, grünes Europa", sondern die alleinige Vormachtstellung
der USA. Auch in der Währungspolitik, wo die Alternative Euro oder
Dollar gelautet habe. Die deutschen Postkommunisten, lehrte der Außenminister,
hätten mit ihrer Opposition gegen die Einführung des Euro "die
Interessen von Wall Street verteidigt". Fischer weiter: "To be in government,
that means to face reality - I'm sorry, folks."
Seine Worte lassen zunächst
die meisten der Zuhörer erstarren, nur eine Minderheit applaudiert.
Als Fischer jedoch wenige Minuten später aufbricht, weil er am folgenden
Tag in Kanada sein muß, wird wieder allgemein applaudiert. Es ist,
als ob da jemand unangenehme Wahrheiten gesagt hat, die man nicht gern
hören möchte, wenn man sie auch demjenigen, der sie ausspricht,
nicht nachträgt. Fischers Appell an die grünen Vertreter, sich
den durch den Kosovo-Konflikt aufgeworfenen Notwendigkeiten zu stellen,
nehmen sich die Delegierten offenbar zu Herzen. "Es geht hier nicht um
traditionelle nationale Politik, die auf Armeen und militärischer
Stärke beruht; wir reden hier darüber, wie man einen Genozid
vermeidet, nicht nur in Europa, es ist sehr wichtig, nach Afrika zu sehen."
Auf Antrag des Berliner Grünen Frieder Otto Wolf streichen die Delegierten
mit überwältigender Mehrheit aus der Kosovo-Resolution den Satz:
"Die europäischen Grünen appellieren an die EU und die Nato,
von militärischem Eingreifen abzusehen."
Unbeliebt machten sich die schwedischen
Grünen, deren EP-Spitzenkandidat Per Garton zuvor erklärt hatte,
die Haltung seiner Partei sei von Pragmatismus geprägt: "Von einem
pragmatischen Standpunkt aus versuchen wir, die EU zu verändern. Als
Realisten nehmen wir die real existierende EU wahr: Das ist die EU von
Schengen, von Europol, die gigantische Datenspeicher über Immigranten
einrichtet." Der Skandinavier unterstrich das Risiko der Entstehung "einer
europäischen Supermacht, die mit den USA um die Rolle der Weltpolizei
konkurrieren will".
Die schwedischen Ökologen mußten
sich daraufhin von dem deutsch-französischen Grünen Daniel Cohn-Bendit
abbürsten lassen. Noch während der Vorstellungsrunde warf ihnen
Cohn-Bendit vor, anläßlich der Abstimmung über die europäische
Jagddirektive nicht mit der grünen Fraktion gestimmt zu haben.
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Bernhard Schmid, Paris-La
Villette
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