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3. März 1999 Jungle World

"Möglicherweise auch Angehörige der UCK unter den Toten"


Interview mit William Walker, Chef der OSZE-Beobachtermission im Kosovo

Am 14. Januar dieses Jahres sollen Einheiten der jugoslawischen Bundesarmee im Dorf Racak im Kosovo 44 Menschen ermordet haben. William Walker sprach wenige Stunden nach dem Fund der Leichen von einer "Hinrichtung von Zivilisten" und machte die jugoslawische Bundesarmee dafür verantwortlich.

Zwei Pathologen aus Weißrußland haben bei der Obduktion der Toten von Racak festgestellt, daß die Menschen aus mehreren Metern Entfernung erschossen wurden. Daraus schlossen die beiden Ärzte, man könne nicht von einer Hinrichtung sprechen. Das haben Sie aber schon unmittelbar nach dem Vorfall getan.

Es wundert mich, daß die Ärzte aus Weißrußland dies jetzt schon feststellen können. Die finnischen Pathologen, die von der EU mit der Obduktion beauftragt sind, haben ihren Bericht noch gar nicht fertig. Aber bitte: Ich bleibe dabei. Das war ein Massaker. Egal, aus welcher Entfernung am 14. Januar in Racak geschossen wurde. Aber vielleicht haben ja die weißrussischen Pathologen eine andere Definition von Massaker als wir im Westen.

Als ein Team der OSZE am späten Nachmittag des 15. Januar nach Racak kam, fanden die OSZE-Beobachter aber nur einen Toten. Warum?

Da haben Sie recht. Unser Team kam in der Dämmerung in Racak an. Damals sahen wir nur eine Leiche und die Dorfbewohner zeigten uns außerdem fünf Verletzte. Nichts deutete darauf hin, daß es noch weitere Tote gegeben haben könnte. Auch die Dorfbewohner informierten uns nicht darüber. Erst als wir am Vormittag des nächsten Tages abermals nach Racak kamen, haben wir weitere 44 Leichen entdeckt.

Sie haben gleich nach dem Fund der Leichen gemeint, es handele sich um kosovo-albanische Zivilisten. Was macht Sie da so sicher?

Ich weiß, was ich gesehen habe. Es waren Menschen, die wie Bauern oder einfache Dorfbewohner ausgesehen haben. Ich glaube wirklich, daß es Zivilisten waren.

Haben Sie Erkenntnisse darüber, daß die UCK in solchen Fällen manchmal Tricks anwendet? Wäre es möglich, daß es sich bei den Toten zumindest teilweise um UCK-Kämpfer gehandelt hat, die bei den Kämpfen gefallen sind und nach ihrem Tod als Zivilisten verkleidet wurden?

Es gibt überall Menschen, die an Verschwörungstheorien glauben wollen. Natürlich wissen wir, daß die UCK in der Vergangenheit versucht hat, getötete UCK-Kämpfer in andere Kleidung zu stecken und als getötete Zivilisten zu präsentieren. Aber ich bleibe dabei: Die Toten haben wie Zivilisten ausgesehen. Natürlich kann ich nicht wissen, was diese Menschen in ihrer Freizeit gemacht haben, und natürlich besteht auch die Möglichkeit, daß die Toten zumindest teilweise Angehörige der UCK gewesen waren.

Ich gebe dennoch zu bedenken, daß es ziemlich viel Arbeit gewesen wäre, die Menschen nach ihrem Tod als Zivilisten zu verkleiden und sie dann praktisch nochmals zu erschießen. Dazu hätte die UCK in diesem Fall nur eine Nacht Zeit gehabt.

Zur derzeitigen Situation im Kosovo: Haben die vertagten Friedensgespräche im Schloß Rambouillet bei Paris etwas gebracht?

Die haben sicherlich eine ganze Menge gebracht. Besonders die Kosovo-Albaner haben in der zweiwöchigen Verhandlungspause Zeit, sich eine Strategie für die weiteren Verhandlungen zurechtzulegen. Der Friedensprozeß lebt, und ich sage Ihnen: Am Ende der Verhandlungen werden beide Seiten einem politischen Abkommen zustimmen.

Bevor es soweit ist, könnte aber ein Nato-Schlag gegen die jugoslawische Armee die Friedensbemühungen der OSZE torpedieren.

Natürlich muß die Nato Milosevic warnen, die Truppenpräsenz im Kosovo zu verstärken. Aber ich denke nicht, daß mit einem Nato-Schlag unsere Bemühungen zunichte gemacht würden. Auch wenn die Nato einen Luftschlag durchführt, haben wir am Boden genug zu tun. Und sollte es zum Einsatz von Nato-Bodentruppen kommen, sind die mit der militärischen Lage genug beschäftigt. Wir werden uns dann um den Rest kümmern und den Kosovo aufbauen. Also: Wir bleiben hier, egal was passiert. Der einzige Grund, nicht hierzubleiben, wäre der Ausbruch des Dritten Weltkrieges.

Wird am Ende des vielleicht doch noch stattfindenden Friedensprozesses die Unabhängigkeit des Kosovo oder eine Autonomie-Lösung stehen?

Das kann ich Ihnen wirklich nicht sagen. Momentan könnte man in dieser Frage ebensogut eine Münze werfen.

  •  Interview: Marcel Noir, Wien
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