Deutsche auf dem Balkan
Immer dasselbe
Von Markus Bickel
"Die Geschichte ist langweilig,
immer dasselbe", sang die Gruppe Fehlfarben ein paar Jahre vor der deutschen
Wiedervereinigung.
Zehn Jahre später hat sich
daran noch immer nicht viel geändert. Auch wenn die Meldung nach sechs
Jahren mit Volker Rühe an der Spitze des Verteidigungsministeriums
und zwanzig Wochen Rudolf Scharping auf der Hardthöhe nicht mehr überrascht:
Der umfangreichste Auslandseinsatz deutscher Truppen seit dem Zweiten Weltkrieg
ist in vollem Gange.
Keine 24 Stunden nach dem Kosovo-Beschluß
des Bundestags stachen am Freitag die ersten Militär-Schiffe Richtung
Mazedonien und Griechenland in See. Über 20 Leopard-Kampfpanzer und
Marder-Schützenpanzer sind schon unterwegs auf den Balkan, die ersten
der 6 000 Soldaten wurden am Wochenende auf dem Luftweg nach Mazedonien
verlegt. Bis Mitte nächster Woche soll die Mobilisierung abgeschlossen
sein. Knapp fünfzig Jahre nach der Bombardierung Belgrads durch die
Wehrmacht stehen deutsche Soldaten damit wieder an den Grenzen zu Serbien
Ñ ready to enter.
Daß der Kosovo-Einsatz der
Bundeswehr "riskanter und gefährlicher" werde als der in Bosnien,
räumte der Verteidigungsminister nach dem Beschluß noch ein.
Daß weder ein Mandat der Vereinten Nationen, geschweige denn die
Zustimmung der jugoslawischen Regierung für die Auslandsmission vorliegt,
spielte im Parlament schon keine Rolle mehr. Für Scharping ebensowenig
wie für die anderen Abgeordneten der rot-grünen Koalition: Obwohl
die Kosovo-Verhandlungen von Rambouillet ohne Abschluß blieben, hat
sich der Bundestag zur Entsendung von deutschen Truppen nach Jugoslawien
entschieden. Vom Angriffskrieg trennt die Bundeswehr nun nur noch das endgültige
Scheitern der Gespräche zwischen Kosovo-Albanern und Serben Mitte
März.
Selbst wenn es doch noch zu einer
Einigung kommt: Mit dem Vorratsbeschluß stehen der Bundeswehr alle
militärischen Optionen offen. Gefragt, ob die "starke Truppe" sich
auch an Nato-Luftangriffen beteiligen werde, um Serbien so zur Unterzeichnung
des Abkommens von Rambouillet zu zwingen, antwortete Scharping dem Focus:
"Ja. Der Bundeskanzler hat von Anfang an gesagt, in völligem Einvernehmen
mit dem Verteidigungs- und dem Außenminister, daß wir in und
mit der internationalen Staatengemeinschaft zur Durchsetzung des Friedens
handeln werden."
"In und mit der internationalen
Staatengemeinschaft" also. Es ist wirklich immer dasselbe. Daß es
beim Sanitäterdienst der Bundeswehr in Kambodscha nicht bleiben würde,
war spätestens nach den "friedenserhaltenden Einsätzen" der "starken
Truppe" in Somalia und Bosnien klar. Daß es nun ausgerechnet in Jugoslawien
zum ersten Kampfeinsatz kommen könnte, noch dazu unter einer SPD-Regierung,
mag zwar irritieren, überraschen kann es jedoch nicht.
Denn Scharpings Forderung nach Kampfeinsätzen
zur "Durchsetzung des Friedens" ist so alt wie seine bundespolitische Karriere.
Als sich Helmut Kohl zumindest öffentlich noch Gedanken darüber
machte, daß deutsche Truppen auf dem Balkan keinen guten Eindruck
hinterlassen würden, war sich Scharping mit seinem Amtsvorgänger
Rühe längst einig: Nachdem er als SPD-Verhandlungsführer
im Winter 1992/93 zusammen mit Wolfgang Schäuble schon die Abschaffung
des Asylrechts ausgehandelt hatte, erlebte er im Juni 1993 auch auf militärischem
Gebiet sein bundespolitisches Coming-out. Gemeinsam mit Rühe präsentierte
er den Vorschlag für eine Änderung des Grundgesetzes, die auch
Bundeswehr-Kampfeinsätze möglich machen sollte.
Doch Helmut Kohl erhob in letzter
Minute Einspruch, der Deal platzte. "Es bleibt bei unserer Position, daß
wir aus Gründen der gechichtlichen Erfahrung keine deutschen Soldaten,
also keine Bodentruppen, in das frühere Jugoslawien schicken", sagte
der Kanzler noch 1994.
So wenig historische Einwände
für Scharping vor fünf Jahren eine Rolle spielten, so wenig tun
sie es heute. Als ihn der Spiegel Ende Januar auf die reale Möglichkeit
"deutscher Bomben auf Belgrad wie bei Hitlers Angriff 1941" hinwies, konterte
der: "Ein unsäglicher Vergleich".
Wie war das doch gleich wieder mit
den Kriegskrediten und den Sozialdemokraten im August 1914? Richtig: immer
dasselbe. Nur daß die Grünen 1999 auch mit von der Partie sind,
wenn es heißt: Deutschland beschließt den Kriegseintritt. |