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3. März 1999 Jungle World

Xelil Amed

"Die besten Kurden sind Apos Soldaten"

Nach den Protesten der vorletzten Woche konnte Bundesinnenminister Otto Schily am vergangenen Dienstag vermelden, nun habe sich die Lage wieder "einigermaßen entspannt". Aus Schilys Perspektive mag das stimmen, für die Kurden ist die Lage jedoch so angespannt wie selten zuvor. - Xelil Amed ist Sprecher der verbotenen Nationalen Befreiungsfront Kurdistans (ERNK) in Berlin.

Die PKK ist in den letzten Jahren militärisch in Bedrängnis geraten. Abdullah Öcalans Auftritt in Italien war der Versuch, die kurdische Frage auf die internationale politische Tagesordnung zu setzen. Dies hat mit einem Fiasko geendet. Befindet sich die kurdische Bewegung in einer Sackgasse?

Es gab keine militärischen Offensiven, weil alle Anstrengungen auf die politische und diplomatische Ebene konzentriert wurden. Aber die Versuche, eine politische Lösung der Kurdenfrage zu bewirken, wurden durch ein internationales Komplott sabotiert. Man zwingt uns dazu, daß weiter Blut vergossen wird. Im übrigen: Die vergangenen Aktionen haben die Stärke der kurdischen Bewegung demonstriert. In dieser Hinsicht waren die letzten Tage und Wochen für uns kein Fiasko, sondern ein großer Erfolg.

In den jüngsten Erklärungen der PKK-Führung werden die EU-Staaten für ihre Haltung gegenüber Öcalan scharf kritisiert. Gleichzeitig werden sie dazu aufgerufen, "ihrer Verantwortung gegenüber dem kurdischen Volk" gerecht zu werden. Was erwarten Sie von Deutschland und Europa?

In der Türkei findet ein Völkermord an den Kurden statt. Dabei leisten die europäischen Staaten und insbesondere Deutschland dem Regime in Ankara seit Jahrzehnten Unterstützung. Sie tragen zur Unterdrückung der Kurden bei und stehen deswegen auch in der Verantwortung, alles für eine friedliche, politische Lösung der Kurdenfrage zu tun. In Deutschland leben eine halbe Million Kurden. Das heißt, auch Deutschland hat ein Kurden-Problem, dem es sich stellen muß.

Das Zentralkomitee der PKK spricht von einem internationalen Prozeß gegen Ihren Parteichef und fordert eine europäische Intervention und eine internationale Kurdistan-Konferenz. Ist Rambouillet für Sie ein Vorbild, einschließlich der Konsequenz, daß Bundeswehreinheiten in Kurdistan stationiert werden? 

Die PKK und allen voran ihr Vorsitzender sind bereit, sich vor einem internationalen Gericht zu verantworten. Aber die Türkische Republik hat kein Recht, Abdullah Öcalan anzuklagen. Dieser Staat ist der eigentliche Verbrecher und gehört selbst auf die Anklagebank. Konfliktlösungen wie in Nordirland, Bosnien und zuletzt im Kosovo sind für uns natürlich beispielhaft. Müssen erst Tausende Menschen sterben, bis auch der kurdische Konflikt gelöst werden kann? Wir denken, daß für die Kurden dringend eine internationale Konferenz einberufen werden muß. Es gibt Repräsentanten der Kurden, diese müssen eingeladen, das kurdische Problem muß mit allen involvierten Staaten gelöst werden. Wir sind dazu bereit. In Verhandlungen mit den kurdischen Vertretern können viele Fragen geklärt werden, einschließlich der Frage eines internationalen Militäreinsatzes.

Laufen militante Aktionen wie die der jüngsten Zeit dem Streben nach internationaler diplomatischer Anerkennung nicht zuwider?

Das waren keine militanten oder terroristischen Aktionen, sie bewegten sich vielmehr innerhalb des demokratischen Rahmens. Man sollte sich vergegenwärtigen, was Terrorismus bedeutet: Bei ihren Aktionen in Europa haben die Kurden niemanden umgebracht, niemand hat geblutet - außer den Kurden. Wie Sie wissen, wurde bei der Aktion in Berlin von israelischen Agenten das Feuer auf unsere Leute eröffnet. Es ist offensichtlich, wer hier terroristisch handelt.

Nun ist bekannt, daß israelische Einrichtungen strengen Sicherheitsvorkehrungen unterliegen. Hätten Sie nicht mit einem solchen Ausgang rechnen können?

Die Protestaktion vor dem Konsulat wurde im genannten Rahmen durchgeführt. Niemand war bewaffnet. Die Meldungen, Demonstranten hätten versucht, israelischen Sicherheitskräften eine Waffe zu entreißen, entsprechen keineswegs den Tatsachen.

In ihrer ersten Ausgabe nach der Verschleppung des PKK-Vorsitzenden meldete die prokurdische Tageszeitung Özgür Politika unter Berufung auf die deutsche Nachrichtenagentur dpa, der CIA und der Mossad hätten die Operation durchgeführt. Während die USA eine Beteiligung angedeutet haben, wird dies von israelischer Seite heftig dementiert.

Zwischen der Türkei und Israel existiert ein Militärabkommen, das auch die nachrichtendienstliche Zusammenarbeit umfaßt. Anfang Februar besuchte der Leiter des israelischen Geheimdienstes die Türkei, kurz darauf erklärte Ministerpräsident Ecevit, man sei Öcalan auf der Spur und werde ihn in Kürze in die Türkei bringen. Die Türkei ist nicht in der Lage, eine derartige Operation auf eigene Faust durchzuführen. Israel und die USA sind unmittelbar in dieses Komplott verstrickt, während die Europäer sich zum Handlanger haben machen lassen. Diesen Unterschied sehen wir durchaus. Unsere Reaktion wird sehr entschlossen ausfallen. Das kann auch im militärischen Sinn verstanden werden.

Für Abdullah Öcalan ist "der Zionismus eine geheime, dominierende Weltmacht" und "der Kemalismus eine Form des Zionismus". Teilen Sie diese Auffassung?

Zur Zeit korrespondieren die Interessen des Zionismus und des Kemalismus im Nahen Osten. Wir ziehen hieraus unsere Lehren. Natürlich würde ich mir wünschen, die Realität wäre anders. Das israelische Volk hat auch im Nahen Osten viel Leid erlebt. Wir hegen gegen das israelische Volk keine Feindschaft, genausowenig wie gegen das türkische. In all diesen Ländern gibt es demokratische, humanistische, gewerkschaftliche und sozialistische Gruppen und Organisationen. Wir erwarten deren Solidarität.

Auf der Trauerkundgebung vergangene Woche in Berlin waren die Sprechchöre "Zahn um Zahn, Blut um Blut, wir sind mit dir Öcalan" und immer wieder "Rache, Rache, Rache" zu hören. An wem wollen Sie Rache nehmen und wie soll diese Rache aussehen?

Mehr als es Worte vermögen, werden praktische Schritte das zeigen. Deswegen möchte ich dazu nur soviel sagen: In letzter Zeit haben bei uns wichtige militärische Entwicklungen stattgefunden. Wir werden den Krieg gegen die Türkei ausweiten und auch ökonomische Ziele in Angriff nehmen. Mit einer neuen Offensive werden wir den Krieg vor allem in die türkischen Metropolen tragen. 

Die "Rache" wird sich also vorrangig gegen die Türkei richten?

Vorrangig ja. Aber auch die USA und Israel können sich hiervon angesprochen fühlen. 

Bei einigen Äußerungen aus der kurdischen Bewegung wird die Notwendigkeit politischer und diplomatischer Offensiven betont, andere setzen auf die Intensivierung des Krieges. Halten Sie ein Auseinanderdriften des politischen und des militärischen Flügels für denkbar?

In der Türkei werden wir, wie gesagt, den Krieg intensivieren. Dort ist jedem Kurden freigestellt, alles zu tun - alle Aktionen gegen die Türkei sind legitim. In Europa hingegen werden wir unsere diplomatischen und politischen Bestrebungen vertiefen. Das sollte nicht so interpretiert werden, daß es Differenzen zwischen der Führung in den Bergen und der in Europa gäbe. Beide Ebenen des Kampfes werden parallel werden.

Was denken Sie, hat die Türkei mit dem Staatsfeind Nummer eins vor?

Sie wollen ihn dazu benutzen, das kurdische Volk zu demoralisieren und die Guerilla-Kämpfer zur Kapitulation zu bewegen. Vor allem aber: Der Vorsitzende Apo befindet sich in akuter Lebensgefahr. Der Weltöffentlichkeit ist bekannt, daß in diesem Land keine rechtsstaatlichen Normen existieren und die Menschenrechte mißachtet werden, daß ein schmutziger Krieg gegen die kurdische Zivilbevölkerung geführt wird und alle demokratischen Organisationen Angriffen des Staates und der zivilen Faschisten ausgesetzt sind. In der Türkei wurden zwar seit 1984 keine offiziellen Hinrichtungen mehr vollstreckt, aber nur, weil extralegale Hinrichtungen, Attentate angeblich unbekannter Täter auf offener Straße, "Verschwindenlassen" nach Festnahmen, Morde in Folterkellern und Gefängnissen an der Tagesordnung sind. Und auch die barbarischen Bilder von der Entführung des Vorsitzenden haben gezeigt, daß diese Leute zu allem bereit sind. Den denkbar schlimmsten Fall möchte ich wirklich nicht erleben, aber wenn dies geschehen sollte, käme das für die Türkei einer Katastrophe gleich.

Entgegen den Verlautbarungen seit dem Waffenstillstand vom Herbst 1995, in denen von Autonomie innerhalb einer Konföderation die Rede war, scheint wieder ein eigener, das gesamte kurdische Gebiet umfassender Staat in den Blickpunkt zu rücken.

In der kurdischen Bevölkerung fragen sich zunehmend mehr Leute: Können wir nach alledem noch zusammen leben? Das Wort "Brüderlichkeit" sollte nicht so einfach über die Lippen kommen. Geschwister müssen in schweren Tagen einander beistehen. Wir haben vom türkischen Volk einen solchen Beistand nicht erlebt. Ohnehin schlummert in den Köpfen der Kurden ein unabhängiges, vereintes, demokratisches und sozialistisches Kurdistan.

In linken und linksliberalen Kreisen in Deutschland gibt es die These, die kurdische Bewegung könne sich neuen Aktions- und Organisationsformen jenseits von Apo zuwenden. Was halten Sie von dieser Ausschau nach den gemäßigteren, demokratischeren, gewaltloseren, linkeren, kurz: besseren Kurden?

Die besten Kurden sind die, die mit der PKK sympathisieren, die in der PKK organisiert sind, die Soldaten des Vorsitzenden Apo sind. Der Führer des kurdischen Volkes ist der Vorsitzende Apo, und er wird es bleiben. Das kann einem passen oder nicht.

In einem Leitartikel der Özgür Politika war zu lesen, da die Kurden nicht freiwillig nach Europa gekommen, sondern geflohen seien, würden sie eines Tages wieder zurückkehren. Schließlich seien "Europa und Deutschland nicht schöner als Kurdistan". Sind die Kurdinnen und Kurden in diesem Land Gäste?

Die BRD ist beteiligt an diesem Völkermord, deswegen kommen Kurden hierher. Der Großteil unseres Volkes betrachtet jedoch seine Anwesenheit in Europa als vorübergehend. Die Sehnsucht zurückzukehren ist weit verbreitet.

Auch in der zweiten und dritten Generation?

Unsere Kinder besuchen hier die Schule, bekommen die deutsche Kultur mit. Aber wir möchten nicht, daß unsere Leute verloren gehen. Sehr viele Kurden achten darauf, zu Hause die kurdische Kultur und Identität weiterzugeben. Von daher haben wir gegenüber der dritten Generation keine Bedenken. Auch sie werden mehrheitlich zurückkehren.

  •  Interview: D. Y.
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