Xelil Amed
"Die besten Kurden sind Apos Soldaten"
Nach den Protesten der vorletzten
Woche konnte Bundesinnenminister Otto Schily am vergangenen Dienstag vermelden,
nun habe sich die Lage wieder "einigermaßen entspannt". Aus Schilys
Perspektive mag das stimmen, für die Kurden ist die Lage jedoch so
angespannt wie selten zuvor. - Xelil Amed ist Sprecher der verbotenen Nationalen
Befreiungsfront Kurdistans (ERNK) in Berlin.
Die PKK ist in den letzten Jahren
militärisch in Bedrängnis geraten. Abdullah Öcalans Auftritt
in Italien war der Versuch, die kurdische Frage auf die internationale
politische Tagesordnung zu setzen. Dies hat mit einem Fiasko geendet. Befindet
sich die kurdische Bewegung in einer Sackgasse?
Es gab keine militärischen
Offensiven, weil alle Anstrengungen auf die politische und diplomatische
Ebene konzentriert wurden. Aber die Versuche, eine politische Lösung
der Kurdenfrage zu bewirken, wurden durch ein internationales Komplott
sabotiert. Man zwingt uns dazu, daß weiter Blut vergossen wird. Im
übrigen: Die vergangenen Aktionen haben die Stärke der kurdischen
Bewegung demonstriert. In dieser Hinsicht waren die letzten Tage und Wochen
für uns kein Fiasko, sondern ein großer Erfolg.
In den jüngsten Erklärungen
der PKK-Führung werden die EU-Staaten für ihre Haltung gegenüber
Öcalan scharf kritisiert. Gleichzeitig werden sie dazu aufgerufen,
"ihrer Verantwortung gegenüber dem kurdischen Volk" gerecht zu werden.
Was erwarten Sie von Deutschland und Europa?
In der Türkei findet ein Völkermord
an den Kurden statt. Dabei leisten die europäischen Staaten und insbesondere
Deutschland dem Regime in Ankara seit Jahrzehnten Unterstützung. Sie
tragen zur Unterdrückung der Kurden bei und stehen deswegen auch in
der Verantwortung, alles für eine friedliche, politische Lösung
der Kurdenfrage zu tun. In Deutschland leben eine halbe Million Kurden.
Das heißt, auch Deutschland hat ein Kurden-Problem, dem es sich stellen
muß.
Das Zentralkomitee der PKK spricht
von einem internationalen Prozeß gegen Ihren Parteichef und fordert
eine europäische Intervention und eine internationale Kurdistan-Konferenz.
Ist Rambouillet für Sie ein Vorbild, einschließlich der Konsequenz,
daß Bundeswehreinheiten in Kurdistan stationiert werden?
Die PKK und allen voran ihr Vorsitzender
sind bereit, sich vor einem internationalen Gericht zu verantworten. Aber
die Türkische Republik hat kein Recht, Abdullah Öcalan anzuklagen.
Dieser Staat ist der eigentliche Verbrecher und gehört selbst auf
die Anklagebank. Konfliktlösungen wie in Nordirland, Bosnien und zuletzt
im Kosovo sind für uns natürlich beispielhaft. Müssen erst
Tausende Menschen sterben, bis auch der kurdische Konflikt gelöst
werden kann? Wir denken, daß für die Kurden dringend eine internationale
Konferenz einberufen werden muß. Es gibt Repräsentanten der
Kurden, diese müssen eingeladen, das kurdische Problem muß mit
allen involvierten Staaten gelöst werden. Wir sind dazu bereit. In
Verhandlungen mit den kurdischen Vertretern können viele Fragen geklärt
werden, einschließlich der Frage eines internationalen Militäreinsatzes.
Laufen militante Aktionen wie
die der jüngsten Zeit dem Streben nach internationaler diplomatischer
Anerkennung nicht zuwider?
Das waren keine militanten oder
terroristischen Aktionen, sie bewegten sich vielmehr innerhalb des demokratischen
Rahmens. Man sollte sich vergegenwärtigen, was Terrorismus bedeutet:
Bei ihren Aktionen in Europa haben die Kurden niemanden umgebracht, niemand
hat geblutet - außer den Kurden. Wie Sie wissen, wurde bei der Aktion
in Berlin von israelischen Agenten das Feuer auf unsere Leute eröffnet.
Es ist offensichtlich, wer hier terroristisch handelt.
Nun ist bekannt, daß israelische
Einrichtungen strengen Sicherheitsvorkehrungen unterliegen. Hätten
Sie nicht mit einem solchen Ausgang rechnen können?
Die Protestaktion vor dem Konsulat
wurde im genannten Rahmen durchgeführt. Niemand war bewaffnet. Die
Meldungen, Demonstranten hätten versucht, israelischen Sicherheitskräften
eine Waffe zu entreißen, entsprechen keineswegs den Tatsachen.
In ihrer ersten Ausgabe nach
der Verschleppung des PKK-Vorsitzenden meldete die prokurdische Tageszeitung
Özgür Politika unter Berufung auf die deutsche Nachrichtenagentur
dpa, der CIA und der Mossad hätten die Operation durchgeführt.
Während die USA eine Beteiligung angedeutet haben, wird dies von israelischer
Seite heftig dementiert.
Zwischen der Türkei und Israel
existiert ein Militärabkommen, das auch die nachrichtendienstliche
Zusammenarbeit umfaßt. Anfang Februar besuchte der Leiter des israelischen
Geheimdienstes die Türkei, kurz darauf erklärte Ministerpräsident
Ecevit, man sei Öcalan auf der Spur und werde ihn in Kürze in
die Türkei bringen. Die Türkei ist nicht in der Lage, eine derartige
Operation auf eigene Faust durchzuführen. Israel und die USA sind
unmittelbar in dieses Komplott verstrickt, während die Europäer
sich zum Handlanger haben machen lassen. Diesen Unterschied sehen wir durchaus.
Unsere Reaktion wird sehr entschlossen ausfallen. Das kann auch im militärischen
Sinn verstanden werden.
Für Abdullah Öcalan
ist "der Zionismus eine geheime, dominierende Weltmacht" und "der Kemalismus
eine Form des Zionismus". Teilen Sie diese Auffassung?
Zur Zeit korrespondieren die Interessen
des Zionismus und des Kemalismus im Nahen Osten. Wir ziehen hieraus unsere
Lehren. Natürlich würde ich mir wünschen, die Realität
wäre anders. Das israelische Volk hat auch im Nahen Osten viel Leid
erlebt. Wir hegen gegen das israelische Volk keine Feindschaft, genausowenig
wie gegen das türkische. In all diesen Ländern gibt es demokratische,
humanistische, gewerkschaftliche und sozialistische Gruppen und Organisationen.
Wir erwarten deren Solidarität.
Auf der Trauerkundgebung vergangene
Woche in Berlin waren die Sprechchöre "Zahn um Zahn, Blut um Blut,
wir sind mit dir Öcalan" und immer wieder "Rache, Rache, Rache" zu
hören. An wem wollen Sie Rache nehmen und wie soll diese Rache aussehen?
Mehr als es Worte vermögen,
werden praktische Schritte das zeigen. Deswegen möchte ich dazu nur
soviel sagen: In letzter Zeit haben bei uns wichtige militärische
Entwicklungen stattgefunden. Wir werden den Krieg gegen die Türkei
ausweiten und auch ökonomische Ziele in Angriff nehmen. Mit einer
neuen Offensive werden wir den Krieg vor allem in die türkischen Metropolen
tragen.
Die "Rache" wird sich also vorrangig
gegen die Türkei richten?
Vorrangig ja. Aber auch die USA
und Israel können sich hiervon angesprochen fühlen.
Bei einigen Äußerungen
aus der kurdischen Bewegung wird die Notwendigkeit politischer und diplomatischer
Offensiven betont, andere setzen auf die Intensivierung des Krieges. Halten
Sie ein Auseinanderdriften des politischen und des militärischen Flügels
für denkbar?
In der Türkei werden wir, wie
gesagt, den Krieg intensivieren. Dort ist jedem Kurden freigestellt, alles
zu tun - alle Aktionen gegen die Türkei sind legitim. In Europa hingegen
werden wir unsere diplomatischen und politischen Bestrebungen vertiefen.
Das sollte nicht so interpretiert werden, daß es Differenzen zwischen
der Führung in den Bergen und der in Europa gäbe. Beide Ebenen
des Kampfes werden parallel werden.
Was denken Sie, hat die Türkei
mit dem Staatsfeind Nummer eins vor?
Sie wollen ihn dazu benutzen, das
kurdische Volk zu demoralisieren und die Guerilla-Kämpfer zur Kapitulation
zu bewegen. Vor allem aber: Der Vorsitzende Apo befindet sich in akuter
Lebensgefahr. Der Weltöffentlichkeit ist bekannt, daß in diesem
Land keine rechtsstaatlichen Normen existieren und die Menschenrechte mißachtet
werden, daß ein schmutziger Krieg gegen die kurdische Zivilbevölkerung
geführt wird und alle demokratischen Organisationen Angriffen des
Staates und der zivilen Faschisten ausgesetzt sind. In der Türkei
wurden zwar seit 1984 keine offiziellen Hinrichtungen mehr vollstreckt,
aber nur, weil extralegale Hinrichtungen, Attentate angeblich unbekannter
Täter auf offener Straße, "Verschwindenlassen" nach Festnahmen,
Morde in Folterkellern und Gefängnissen an der Tagesordnung sind.
Und auch die barbarischen Bilder von der Entführung des Vorsitzenden
haben gezeigt, daß diese Leute zu allem bereit sind. Den denkbar
schlimmsten Fall möchte ich wirklich nicht erleben, aber wenn dies
geschehen sollte, käme das für die Türkei einer Katastrophe
gleich.
Entgegen den Verlautbarungen
seit dem Waffenstillstand vom Herbst 1995, in denen von Autonomie innerhalb
einer Konföderation die Rede war, scheint wieder ein eigener, das
gesamte kurdische Gebiet umfassender Staat in den Blickpunkt zu rücken.
In der kurdischen Bevölkerung
fragen sich zunehmend mehr Leute: Können wir nach alledem noch zusammen
leben? Das Wort "Brüderlichkeit" sollte nicht so einfach über
die Lippen kommen. Geschwister müssen in schweren Tagen einander beistehen.
Wir haben vom türkischen Volk einen solchen Beistand nicht erlebt.
Ohnehin schlummert in den Köpfen der Kurden ein unabhängiges,
vereintes, demokratisches und sozialistisches Kurdistan.
In linken und linksliberalen
Kreisen in Deutschland gibt es die These, die kurdische Bewegung könne
sich neuen Aktions- und Organisationsformen jenseits von Apo zuwenden.
Was halten Sie von dieser Ausschau nach den gemäßigteren, demokratischeren,
gewaltloseren, linkeren, kurz: besseren Kurden?
Die besten Kurden sind die, die
mit der PKK sympathisieren, die in der PKK organisiert sind, die Soldaten
des Vorsitzenden Apo sind. Der Führer des kurdischen Volkes ist der
Vorsitzende Apo, und er wird es bleiben. Das kann einem passen oder nicht.
In einem Leitartikel der Özgür
Politika war zu lesen, da die Kurden nicht freiwillig nach Europa gekommen,
sondern geflohen seien, würden sie eines Tages wieder zurückkehren.
Schließlich seien "Europa und Deutschland nicht schöner als
Kurdistan". Sind die Kurdinnen und Kurden in diesem Land Gäste?
Die BRD ist beteiligt an diesem
Völkermord, deswegen kommen Kurden hierher. Der Großteil unseres
Volkes betrachtet jedoch seine Anwesenheit in Europa als vorübergehend.
Die Sehnsucht zurückzukehren ist weit verbreitet.
Auch in der zweiten und dritten
Generation?
Unsere Kinder besuchen hier die
Schule, bekommen die deutsche Kultur mit. Aber wir möchten nicht,
daß unsere Leute verloren gehen. Sehr viele Kurden achten darauf,
zu Hause die kurdische Kultur und Identität weiterzugeben. Von daher
haben wir gegenüber der dritten Generation keine Bedenken. Auch sie
werden mehrheitlich zurückkehren.
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