Wo waren Sie, als das Sparwasser-Tor
fiel?
Brezel Göring spielt bei Stereo
Total
Meine Familie zeichnete sich durch
ein seit Generationen währendes Desinteresse am Fußball aus.
Die andere verbindende Achse zwischen der mütterlichen und der väterlichen
Seite bestand aus einem glühenden Antikommunismus. Allein aus diesem
Grund - hier überwog die Abneigung gegen den zweiten deutschen Staat
eindeutig das eher wohlwollende Ignorieren des Ballsportes - fand das in
der Presse oftmals als "Kampf der Systeme" titulierte Länderspiel
zwischen der BRD und der DDR im Jahr 1974 auch meine Eltern als gebannte
Zuschauer vor dem Bildschirm, obwohl ihnen Begriffe wie "Abseitsfalle"
oder "Freistoß" das mulmige Gefühl eines die Lateinvokabeln
nicht beherrschenden Schülers einflößten, was das unruhige
Rutschen auf den Stühlen noch verstärkte. "Tor" allerdings verstanden
selbst sie.
Von seiten meines Vaters waren die
Gründe, jenes durch Sparwasser, Kurbjuweit und Wätzlich repräsentierte
System abzulehnen, folgende: In der Nachkriegszeit war er der Mitgliedschaft
in einer Werwolfvereinigung verdächtigt und inhaftiert worden, hatte
nach seiner Freilassung das Land Richtung Westberlin verlassen und fand
sich nach dem Mauerbau von Haus und Hof getrennt, die fortan unter Verwaltung
des anderen Deutschlands standen - ein Umstand, der ein immerwährender
Quell des Unmuts war.
Meine Mutter entstammte einer Pastorenfamilie,
die sich in ärgster Opposition zum Sozialismus befand. Von den düsteren
Zukunftsaussichten getrieben, befanden sie sich ebenfalls bald auf dem
Weg nach Westen, welcher schließlich im Jahr 1974 vor dem Fernseher
endete.
Die anfängliche Hochstimmung
litt bereits unter dem feierlichen Durchfiedeln der abscheulichen Hymnen
und der erhabenen Lächerlichkeit der Franz Lambertschen Kreisfahrt
auf der rollenden Heimorgel (ich weiß nicht, ob ich dieses Detail
richtig erinnere. Tatsache ist jedoch, daß durch seinen Einsatz bei
dieser Weltmeisterschaft die Heimorgelmusik den entscheidenden Schritt
aus den Partykellern zum Stadionrock vollzog). Dann folgten die gelangweilte
Enttäuschung und das - vom wilden Durcheinanderrennen überforderte
- Nichtbegreifen des Spielverlaufes.
Plötzlich stöhnte mein
Vater wie ein verletztes Tier: Während meine Mutter unter dem lähmend-gleichförmigen
Einerlei bereits eingedöst war, hatte die sogenannte "Ostzonen-Auswahl"
den entscheidenden Treffer in eines der beiden Tore erzielt: Eine hohe
Flanke der Enteignung, Heimspiel der Vertriebenen und dann ein zweites
45 nach nur 77 Minuten. |