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24. Februar 1999 Jungle World

Wo waren Sie, als das Sparwasser-Tor fiel?

Brezel Göring spielt bei Stereo Total

Meine Familie zeichnete sich durch ein seit Generationen währendes Desinteresse am Fußball aus. Die andere verbindende Achse zwischen der mütterlichen und der väterlichen Seite bestand aus einem glühenden Antikommunismus. Allein aus diesem Grund - hier überwog die Abneigung gegen den zweiten deutschen Staat eindeutig das eher wohlwollende Ignorieren des Ballsportes - fand das in der Presse oftmals als "Kampf der Systeme" titulierte Länderspiel zwischen der BRD und der DDR im Jahr 1974 auch meine Eltern als gebannte Zuschauer vor dem Bildschirm, obwohl ihnen Begriffe wie "Abseitsfalle" oder "Freistoß" das mulmige Gefühl eines die Lateinvokabeln nicht beherrschenden Schülers einflößten, was das unruhige Rutschen auf den Stühlen noch verstärkte. "Tor" allerdings verstanden selbst sie.

Von seiten meines Vaters waren die Gründe, jenes durch Sparwasser, Kurbjuweit und Wätzlich repräsentierte System abzulehnen, folgende: In der Nachkriegszeit war er der Mitgliedschaft in einer Werwolfvereinigung verdächtigt und inhaftiert worden, hatte nach seiner Freilassung das Land Richtung Westberlin verlassen und fand sich nach dem Mauerbau von Haus und Hof getrennt, die fortan unter Verwaltung des anderen Deutschlands standen - ein Umstand, der ein immerwährender Quell des Unmuts war.

Meine Mutter entstammte einer Pastorenfamilie, die sich in ärgster Opposition zum Sozialismus befand. Von den düsteren Zukunftsaussichten getrieben, befanden sie sich ebenfalls bald auf dem Weg nach Westen, welcher schließlich im Jahr 1974 vor dem Fernseher endete.

Die anfängliche Hochstimmung litt bereits unter dem feierlichen Durchfiedeln der abscheulichen Hymnen und der erhabenen Lächerlichkeit der Franz Lambertschen Kreisfahrt auf der rollenden Heimorgel (ich weiß nicht, ob ich dieses Detail richtig erinnere. Tatsache ist jedoch, daß durch seinen Einsatz bei dieser Weltmeisterschaft die Heimorgelmusik den entscheidenden Schritt aus den Partykellern zum Stadionrock vollzog). Dann folgten die gelangweilte Enttäuschung und das - vom wilden Durcheinanderrennen überforderte - Nichtbegreifen des Spielverlaufes. 

Plötzlich stöhnte mein Vater wie ein verletztes Tier: Während meine Mutter unter dem lähmend-gleichförmigen Einerlei bereits eingedöst war, hatte die sogenannte "Ostzonen-Auswahl" den entscheidenden Treffer in eines der beiden Tore erzielt: Eine hohe Flanke der Enteignung, Heimspiel der Vertriebenen und dann ein zweites 45 nach nur 77 Minuten.

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