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Feuilleton Nachrichten
Forelle blau
"Welcher Goethe, das ist hier
die Frage!
Der aus dem (ost)deutschen Kulturkreis
stammende Bundestagspräsident Thierse rief kürzlich dazu auf,
Goethe und die Bibel als das deutsche Volk verbindende 'Literatur' mehr
zu lesen. Welcher Goethe, darf man fragen? In der Presse lese ich heute,
daß in der 'Weltkulturstadt' Weimar ein Spektaculum namens 'Faust'
(angeblich von Goethe) aufgeführt wurde. Publikum: Der allerbeste
Gesellschaftscreme-Verschnitt. Weimarer (die soll's auch gegeben haben)
erkannten 'ihren' Goethe nicht wieder. Das Harmloseste noch, wenn Faust
sich eine Coca-Cola aus dem Kühlschrank holt. Protzende Genitalien
gehören heute schon zu jedem Stück. Da muß man Herrn Thierse
fragen, welchen Goethe meinen Sie, den deutschen oder den amerikanischen?"
Leserbrief im Neuen Deutschland
vom 11. Februar
Don't Mention the War I
"Don't mention the war", schärft
Basil Fawlty in der englischen Fernsehserie "Fawlty Towers" seinen Hotel-Angestellten
ein, die sich um zumeist deutsche Gäste kümmern müssen.
Das führt dazu, daß in der Serie, in der auch Monty-Python-Star
John Cleese mitspielt, über nichts anderes geredet wird.
Der Staatsminister für Kultur,
Michael Naumann, hat dieses Gebot auf der Berlinale mißachtet. Britischen
Journalisten gegenüber beklagte er sich darüber, daß die
Briten den Zweiten Weltkrieg zum "spirituellen Zentrum" ihres nationalen
Selbstverständnisses gemacht hätten. Grotesk sei die Darstellung,
daß in Deutschland eine neue faschistische Regierung an die Macht
gekommen sei, die wieder durch ganz Europa marschiere. Damit werde das
Trauma des Dritten Reiches völlig unterschätzt. Der britischen
Presse warf er vor, mit der Vergangenheit nicht zurechtzukommen.
Daß die gemaßregelte
Yellow Press sehr wohl über Geschichtskenntnisse verfügt, bewiesen
die Boulevardblätter, indem sie Naumann ihrerseits eine Lektion erteilten.
Die Sunday Times nahm Naumanns Äußerungen zum Anlaß, darauf
hinzuweisen, daß Naumann der erste deutsche Kulturminister seit Joseph
Goebbels sei. Die Daily Mail fand es "ziemlich happig", daß ein deutscher
Kulturminister den Briten derartige Vorwürfe mache, und schlußfolgerte,
daß "Herr Naumann Basil Fawltys Slogan 'Don't mention the war' wohl
kenne, aber offenbar den Witz nicht verstanden" habe.
Don't Mention the War II
Michael Naumann ist neuerdings schwer
um die "Bewußtseinspflege der deutschen Geschichte" bemüht.
Hatte er sich noch vor Amtsantritt gegen ein Mahnmal in Berlin und für
eine finanzielle Bezuschussung der KZ-Gedenkstätten ausgesprochen,
wandelte sich der Staatskulturminister inzwischen zum entschlossenen Verfechter
eines zentralen Mahnmals in Berlin. Und Naumann packt auch selbst mit an,
erst jüngst hat er gemeinsam mit dem US-amerikanischen Architekten
Peter Eisenman den modifizierten Entwurf für ein Mahnmal mit angeschlossenem
Museum gebastelt. Steven Spielbergs Shoah-Foundation und das New Yorker
Leo-Baeck-Institut haben bereits erklärt, daß sie an diesem
Projekt mitarbeiten werden. Beide Institutionen wollen Teile ihrer Bestände
nach Berlin verlagern.
Jetzt soll nach Vorstellungen von
Naumann nochmal kräftig nachgelegt werden. Aus den Archiven der Länder
und dem Bundesarchiv sollen Akten, die den Holocaust betreffen, nach Berlin
geholt werden. "Es gibt in Deutschland eine Fülle von Archivunterlagen
zur Verbrechensgeschichte des Dritten Reiches, die ich alles in allem auf
eine Länge von mindestens 30 Kilometern schätze", erklärte
Naumann. Diese Bestände möchte er in der geplanten Holocaust-Gedenkstätte
"konzentrieren", um dort "ein zentrales Forschungszentrum für die
Geschichte des NS-Terrors" einzurichten.
"Wie wäre es mit Bahnanschluß
und Rampe?" fragte die Berliner Zeitung und titelte: "Endlösung der
Archivfrage". Bis die 30 Kilometer Akten in der Hauptstadt angelangt sind,
dürfte es aber noch etwas dauern, zumal sich die Ausschreiber des
Wettbewerbs für ein Holocaust-Mahnmal noch nicht auf einen Entwurf
geeinigt haben. Naumann aber ist dennoch fest entschlossen. Obwohl das
Bundesarchivgesetz vorschreibt, daß das Bundesarchiv und die Archive
der Länder für die Verwahrung der Akten zuständig sind,
hält er die "Konzentrierung" nach geltendem Recht für möglich.
Und wenn nicht, wird das Gesetz eben geändert.
Handkes Reisepläne
"Es war vor allem der Kriege wegen",
begründete Peter Handke in seiner Reportage "Gerechtigkeit für
Serbien" 1996 seinen Entschluß, in das "Vaterland des Absurden" (György
Szerbhorv‡th) zu reisen. Zwar recherchierte Handke für seinen Text,
mit dem er das westliche Medienbild des kriegslüstern-blutrünstigen
Serbien zurechtrücken wollte, vor allem im Uferbereich von Donau,
Save und Morawa zur landestypischen Flora und Fauna, löste dennoch
im deutschen Feuilleton einen handfesten Skandal aus. Jetzt hat Handke
wieder Reisepläne. "Mein Platz ist in Serbien, sollten die Nato-Verbrecher
das Land bombardieren", sagte Handke dem serbischen Staatsfernsehen am
vergangenen Donnerstag in Rambouillet. Handke hatte sich bereits im Oktober
vergangenen Jahres in Belgrad aufgehalten, als die Nato erstmals Luftangriffe
angedroht hatte. Wenn's hilft.
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Die Nachrichten wurden
von Jan Brandt zusammengestellt
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