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24. Februar 1999 Jungle World

Feuilleton Nachrichten

Forelle blau

"Welcher Goethe, das ist hier die Frage!

Der aus dem (ost)deutschen Kulturkreis stammende Bundestagspräsident Thierse rief kürzlich dazu auf, Goethe und die Bibel als das deutsche Volk verbindende 'Literatur' mehr zu lesen. Welcher Goethe, darf man fragen? In der Presse lese ich heute, daß in der 'Weltkulturstadt' Weimar ein Spektaculum namens 'Faust' (angeblich von Goethe) aufgeführt wurde. Publikum: Der allerbeste Gesellschaftscreme-Verschnitt. Weimarer (die soll's auch gegeben haben) erkannten 'ihren' Goethe nicht wieder. Das Harmloseste noch, wenn Faust sich eine Coca-Cola aus dem Kühlschrank holt. Protzende Genitalien gehören heute schon zu jedem Stück. Da muß man Herrn Thierse fragen, welchen Goethe meinen Sie, den deutschen oder den amerikanischen?"

Leserbrief im Neuen Deutschland vom 11. Februar

Don't Mention the War I

"Don't mention the war", schärft Basil Fawlty in der englischen Fernsehserie "Fawlty Towers" seinen Hotel-Angestellten ein, die sich um zumeist deutsche Gäste kümmern müssen. Das führt dazu, daß in der Serie, in der auch Monty-Python-Star John Cleese mitspielt, über nichts anderes geredet wird. 

Der Staatsminister für Kultur, Michael Naumann, hat dieses Gebot auf der Berlinale mißachtet. Britischen Journalisten gegenüber beklagte er sich darüber, daß die Briten den Zweiten Weltkrieg zum "spirituellen Zentrum" ihres nationalen Selbstverständnisses gemacht hätten. Grotesk sei die Darstellung, daß in Deutschland eine neue faschistische Regierung an die Macht gekommen sei, die wieder durch ganz Europa marschiere. Damit werde das Trauma des Dritten Reiches völlig unterschätzt. Der britischen Presse warf er vor, mit der Vergangenheit nicht zurechtzukommen. 

Daß die gemaßregelte Yellow Press sehr wohl über Geschichtskenntnisse verfügt, bewiesen die Boulevardblätter, indem sie Naumann ihrerseits eine Lektion erteilten. Die Sunday Times nahm Naumanns Äußerungen zum Anlaß, darauf hinzuweisen, daß Naumann der erste deutsche Kulturminister seit Joseph Goebbels sei. Die Daily Mail fand es "ziemlich happig", daß ein deutscher Kulturminister den Briten derartige Vorwürfe mache, und schlußfolgerte, daß "Herr Naumann Basil Fawltys Slogan 'Don't mention the war' wohl kenne, aber offenbar den Witz nicht verstanden" habe. 

Don't Mention the War II

Michael Naumann ist neuerdings schwer um die "Bewußtseinspflege der deutschen Geschichte" bemüht. Hatte er sich noch vor Amtsantritt gegen ein Mahnmal in Berlin und für eine finanzielle Bezuschussung der KZ-Gedenkstätten ausgesprochen, wandelte sich der Staatskulturminister inzwischen zum entschlossenen Verfechter eines zentralen Mahnmals in Berlin. Und Naumann packt auch selbst mit an, erst jüngst hat er gemeinsam mit dem US-amerikanischen Architekten Peter Eisenman den modifizierten Entwurf für ein Mahnmal mit angeschlossenem Museum gebastelt. Steven Spielbergs Shoah-Foundation und das New Yorker Leo-Baeck-Institut haben bereits erklärt, daß sie an diesem Projekt mitarbeiten werden. Beide Institutionen wollen Teile ihrer Bestände nach Berlin verlagern. 

Jetzt soll nach Vorstellungen von Naumann nochmal kräftig nachgelegt werden. Aus den Archiven der Länder und dem Bundesarchiv sollen Akten, die den Holocaust betreffen, nach Berlin geholt werden. "Es gibt in Deutschland eine Fülle von Archivunterlagen zur Verbrechensgeschichte des Dritten Reiches, die ich alles in allem auf eine Länge von mindestens 30 Kilometern schätze", erklärte Naumann. Diese Bestände möchte er in der geplanten Holocaust-Gedenkstätte "konzentrieren", um dort "ein zentrales Forschungszentrum für die Geschichte des NS-Terrors" einzurichten.

"Wie wäre es mit Bahnanschluß und Rampe?" fragte die Berliner Zeitung und titelte: "Endlösung der Archivfrage". Bis die 30 Kilometer Akten in der Hauptstadt angelangt sind, dürfte es aber noch etwas dauern, zumal sich die Ausschreiber des Wettbewerbs für ein Holocaust-Mahnmal noch nicht auf einen Entwurf geeinigt haben. Naumann aber ist dennoch fest entschlossen. Obwohl das Bundesarchivgesetz vorschreibt, daß das Bundesarchiv und die Archive der Länder für die Verwahrung der Akten zuständig sind, hält er die "Konzentrierung" nach geltendem Recht für möglich. Und wenn nicht, wird das Gesetz eben geändert. 

Handkes Reisepläne

"Es war vor allem der Kriege wegen", begründete Peter Handke in seiner Reportage "Gerechtigkeit für Serbien" 1996 seinen Entschluß, in das "Vaterland des Absurden" (György Szerbhorv‡th) zu reisen. Zwar recherchierte Handke für seinen Text, mit dem er das westliche Medienbild des kriegslüstern-blutrünstigen Serbien zurechtrücken wollte, vor allem im Uferbereich von Donau, Save und Morawa zur landestypischen Flora und Fauna, löste dennoch im deutschen Feuilleton einen handfesten Skandal aus. Jetzt hat Handke wieder Reisepläne. "Mein Platz ist in Serbien, sollten die Nato-Verbrecher das Land bombardieren", sagte Handke dem serbischen Staatsfernsehen am vergangenen Donnerstag in Rambouillet. Handke hatte sich bereits im Oktober vergangenen Jahres in Belgrad aufgehalten, als die Nato erstmals Luftangriffe angedroht hatte. Wenn's hilft.

  •  Die Nachrichten wurden von Jan Brandt zusammengestellt
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