Euro Nachrichten
Fini in Auschwitz
Geladen hatte Ryszard Czarnecki,
Integrationsminister der polnischen Regierung und Chefkoordinator der polnischen
Delegation bei den Gesprächen über die EU-Ost-Erweiterung. Gekommen
war Gianfranco Fini, Vorsitzender der italienischen neofaschistischen Partei
Alleanza Nazionale (AN). Nach Informationen des polnischen Vereins Nigdy
Wiecey (Niemals wieder) trafen sich die beiden Politiker am vergangenen
Wochende, um gemeinsam das Vernichtungslager in Auschwitz zu besichtigen.
Die italienische AN knüpft
unmittelbar an die Tradition des faschistischen Regimes in Italien an und
war kurz nach dem Zweiten Weltkrieg als Movimento Soziale Italiano (MSI)
von ehemaligen Anhängern Benito Mussolinis gegründet worden.
In der Besichtigung des Vernichtungslagers
von Auschwitz durch den Parteichef einer Nazi-Partei sieht die Organisation
Nigdy Wiecej "eine Beleidigung von Millionen durch den Faschismus ermorderter
Menschen und einen schweren Schlag gegen die ohnehin schon stark belasteten
polnisch-jüdischen Beziehungen". Besonders skandalös an dem Vorfall
sei aber, daß der polnische EU-Integrationsminister Czarnecki die
Initiative zu diesem Treffen ergriffen habe.
Vatikan für Pinochet
Chiles greiser Ex-Diktator Augusto
Pinochet erhält greisen Beistand: Am Freitag vergangener Woche äußerte
ein Sprecher des Vatikan, daß sich "der Heilige Stuhl" bereits im
November des vergangenen Jahres für die Freilassung Pinochets eingesetzt
habe. Diesem "diplomatischen Schritt" sei eine entsprechende Bitte der
chilenischen Regierung vorangegangen. Ein Sprecher des britischen Außenministeriums
bestätigte, daß die Regierung in London eine Mitteilung "von
leitender Ebene im Vatikan", nicht aber "vom Papst persönlich" erhalten
habe. Die konservative Tageszeitung Daily Telegraph hatte einen Tag zuvor
berichtet, der Papst habe sich persönlich dafür eingesetzt, daß
Pinochet nicht nach Spanien ausgeliefert werde. Da bis Redaktionsschluß
die Beratungen von sieben britischen Lordrichtern über die diplomatische
Immunität Pinochets anhielten, blieb unklar, ob die Greisensolidarität
Erfolg hatte.
Transgener Wissenschaftsminister
Nach einem Bericht des Guardian
Weekly kommt Lord Sainsbury of Turville, der Wissenschaftsminister Britanniens,
unter Druck. Demnach war Sainsbury elf Jahre lang Eigentümer der Gesellschaft
Diatech, die die weltweiten Patentrechte an einem Gen kontrolliert, das
in der gentechnischen Veränderung von Nahrungsmitteln verwendet wird.
Drei Tage nach seinem Beitritt zur Regierung im vergangenen Juli wurde
die Holding in einen Trust umgewandelt.
Sainsbury wird nun vorgeworfen,
in einem Interessenskonflikt zu stehen: Einerseits Wissenschaftsminister
und Mitglied des Biotechnologie-Komitees des britischen Kabinetts, andererseits
geschäftliche Verbindungen zu Biotech-Gesellschaften.
Das Lobbying der Gentech-Nahrungsmittelindustrie
hat in Großbritannien schöne Früchte getragen: Seit der
Wahl von Labour im vergangenen Jahr wurden Regierungsbeamte, wie der Guardian
etwas pedantisch zählte, 81mal von Vertretern der in Genmanipulationen
verwickelten Firmen aufgesucht. Im vergangenen Sommer telefonierte eine
ehemaliger Teilzeitangestellter des Genfood-Multis Monsanto namens William
Clinton mit dem britischen Regierungschef Tony Blair, um darauf zu bestehen,
daß nichts gegen die Expansion des Biotech-Sektors in Britannien
unternommen werde. Und so geschah es denn auch. Monsanto war einer der
größten Sponsoren für Clintons Präsidentschaftskampagne
1996.
Die Gen-Crops sollen, so ein Hauptargument
der Befürworter, zur Bekämpfung des Hungers in der Welt beitragen.
Aber schon jetzt werden weltweit rund 50 Prozent mehr Nahrung produziert
als nötig.
Lohnsklaven für La Martinique
Die Inspection du travail (Arbeitsinspektion,
entspricht ungefähr der deutschen Gewerbeaufsicht) soll darüber
wachen, daß die Arbeitsgesetzgebung eingehalten wird. Sie ist dafür
bekannt, daß sie trotz guten Willens der Beschäftigten - die
oft aus der Linken oder radikalen Linken stammen - hoffnungslos überlastet
ist. Mit der sozialistischen Arbeitsministerin Martine Aubry hat die Inspection
du travail derzeit eine oberste Vorgesetzte, die dafür sorgt, daß
weitere Zeit und Energie im Apparat verlorengehen.
Seit Dezember versucht das Arbeitsministerium
vergeblich, den Direktor der Arbeitsinspektion im Überseedepartement
La Martinique, Jacques Bertholle, abzuberufen. Der machte seine Arbeit
korrekt und war deswegen der alteingessenen postkolonialen Oberschicht
seit langem ein Dorn im Auge: Die Nachfahren der Sklavenhalter sind der
Ansicht, in einem Überseedepartement habe die "normale" französische
Arbeitsgesetzgebung faktisch nicht zu gelten. Das Arbeitsministerium hat
Bertholle ein Ultimatum bis zum 11. Februar gestellt, um einen Posten in
Paris zu übernehmen; der weigerte sich jedoch standhaft, Martinique
zu verlassen, wo sich eine Solidaritätsbewegung für ihn formiert
hat.
Vergangene Woche sorgte Aubry für
einen neuen Eklat: Sie leitete gegen Arbeitsinspektor Gérard Filoche
ein Disziplinarverfahren ein. Der hatte das "Aubry-Gesetz" zur 35-Stunden-Woche,
die per Konsens zwischen Kapital und Arbeit zu erzielen ist, in einem Beitrag
für die linksliberale Tageszeitung Libération als einen "Mißerfolg"
bezeichnet, der 1998 landesweit nicht einmal 10 000 Arbeitsplätze
geschaffen hat. Filoche ist ehemaliges Führungsmitglied der trotzkistischen
LCR und heute einer der führenden Köpfe des Parti Socialiste,
Aubrys eigener Partei.
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Die Nachrichten wurden
von Beier, Landgraf, Schmid und Söhler zusammengestellt
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