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Fußballdeutsche und deutsche
Fußballer
Was die Niederlage der Nationalmannschaft
mit der Hessen-Wahl zu tun hat
"Ich will ja nicht chauvinistisch
sein.
Aber hätten wir 1918 die Kolonien
nicht verloren, dann hätten wir Spieler
aus Deutsch-Südwest-Afrika
in derNationalelf."
Gerhard Mayer-Vorfelder
"Ich gehe noch weiter: Hätten
wir 1945
den Krieg nicht verloren, wäre
das am Samstag ein ganz normales DFB-
Pokalspiel gewesen."
Harald Schmidt
Nun ist zwar Gerhard Mayer-Vorfelder
CDU-Minister in Baden-Württemberg, Vizepräsident des Deutschen
Fußballbundes und auch sonst als Funktionsträger in Vereinen
und Verbänden aktiv, in die man eher nicht eintreten möchte,
aber was den deutschen Fußball und also die doppelte Staatsangehörigkeit
angeht, da argumentiert der letzte Freund der deutschen Kolonien so richtig
rot-grün: "Bei sieben Millionen Ausländern müssen wir umdenken,
uns mehr um die Fußballdeutschen kümmern und mit den Eltern
über Einbürgerung reden."
Daß an dem Wochenende, an
dem die rot-grüne Koalition in Hessen mit Hilfe einer völkischen
Kampagne abgelöst wurde, die deutsche Fußballnationalmannschaft
mit 0:3 in Florida gegen die USA verlor, ist weder Zufall noch billiges
fußballerisches Abbild politischer Entwicklungen, sondern dem einfachen
Tatbestand geschuldet, daß Sport nicht vom Himmel gefallen ist, sondern
historisch entstanden und also vergesellschaftet ist.
Fußballerisch gewendet, will
der hessische Wähler, daß junge deutsche Männer, die nicht
aufs Geld schielen, sondern die mit dem von Erich Ribbeck in der Halbzeitpause
vergeblich gepredigten Wort "Ehre" noch etwas anfangen können, demnächst
dieses Land vertreten. Solche Männer gibt es in Deutschland, allein,
sie sind bislang nicht durch gutes Fußballspiel aufgefallen.
Die Fußballprofis, die Deutschland
gerade zur "Lachnummer" (FAZ) werden ließen, sind dagegen eher europäisch,
wenn nicht gar kosmopolitisch agierende Menschen. Wenn das Bundespresseamt
sie bäte, zusammen mit Marius Müller-Westernhagen, Boris Becker
und Thomas Gottschalk den Satz "Wir wollen stolz sein auf eine moderne,
weltoffene Bundesrepublik Deutschland. Dazu gehört auch ein zeitgemäßes
Staatsbürgerschaftsrecht" zu bewerben, wären sie dabei. Dem modernen
Fußballprofi wäre selbst der Satz "Der Paß bedeutet auch
Heimat" nicht aufgefallen, in dem sich der alt-linke deutsche Glaube an
die Omnipotenz des Staates, inklusive seiner Fähigkeit zur Kulturvermittlung,
offenbart.
Dem Glauben an die Macht, die von
oben kommt, sind zur Zeit Gerhard Schröder und Erich Ribbeck gleichermaßen
aufgesessen. Ribbecks Vorgänger Berti Vogts war in den Jahren nach
1990 nicht sonderlich erfolgreich, aber dank eines Europameistertitels
1996 auch nicht richtig erfolglos. Aber dann kam das Modell Vogts in die
Jahre, bei der Fußball-WM in Frankreich im letzten Jahr schied sein
Team, wie schon 1994 in den USA, im Viertelfinale aus. Der Neuanfang scheiterte,
Vogts trat zurück. Das Image der Nationalelf war ruiniert. Diese Situation
erinnerte an das frühe Scheitern bei der EM 1984.
Damals mußte Bundestrainer
Jupp Derwall zurücktreten, und dem DFB gelang es, einen Teamchef zu
verpflichten, unter dem die Mannschaft zwar zunächst wesentlich schlechter
spielte, der aber dank seiner Prominenz und vor allem dank seiner Medienerfahrung
das Team aus den Schlagzeilen hielt. Der Retter galt fortan als Lichtgestalt
und hieß Franz Beckenbauer.
So eine Lichtgestalt suchte der
DFB nun wieder. Gehandelt wurden erfolgreiche Bundesliga-Coaches wie Christoph
Daum, Otto Rehhagel oder Ottmar Hitzfeld, die nicht wollten. Gesucht wurden
gute deutsche Trainer, die zur Zeit arbeitslos sind, doch Jupp Heynckes
sagte ab. Gesucht wurde einer, der mittels seiner unkonventionellen Ansichten
für ein ganz anderes Modell steht, aber Paul Breitner war beim DFB
nicht durchzusetzen. Gesucht wurde immer nur ein deutscher Trainer, an
die Verpflichtung eines ausländischen Fußballehrers, der vielleicht
für ein anderes, unter Umständen gar weltläufigeres Verständnis
von Fußball - das eventuell gar Spielern, die in ausländischen
Ligen oder unter ausländischen Trainern ihr Geld verdienen eher zu
vermitteln wäre - besäße, wurde nie gedacht.
So wurde ein sonnengebräunter
Rentner verpflichtet, dessen größtes sportliches Verdienst darin
bestand, einmal den Uefa-Cup gewonnen zu haben. Der Mann hieß Erich
Ribbeck und war eine Art Beckenbauer im Westentaschenformat. Die Mannschaft
spielte weiter so schlecht, wie eben auch unter Beckenbauer 1984, aber
Ribbeck konnte sich nicht schützend vor das Team stellen. Das liegt
zum großen Teil daran, daß Ribbeck eben nicht den Rang eines
Beckenbauer hat, es liegt aber auch daran, daß im Jahr 1999 Maßnahmen
wie die, die Beckenbauer 1984 ergriff, nicht mehr wirken können. Der
ließ nämlich die Nationalspieler unter der Drohung, sonst nicht
mehr mittun zu dürfen, die Hymne mitsingen. Es war ein besonders intensiver
Appell an das, was bislang jeder Bundestrainer als "deutsche Werte" beschrieben
hat: Kampfkraft, Härte, Fleiß, Zweikampfüberlegenheit,
die Bereitschaft, da hinzugehen, wo es wehtut, und sich im Laufe eines
Turniers zu steigern.
Indem die Ehre so definiert wurde,
war sie immer nationalistisch. Es war nie die rein fußballerische
Ehre, die es auch gibt, und die einfach darin besteht, ein Spiel nicht
verlieren zu wollen. Es ist immer die Ehre gemeint, die im Fußball
immer mit dem Begriff "deutsche Tugenden" umschrieben wird. Schaut man
sich die Realisierung dessen an, was Ehre genannt wird, kommt noch eine
weitere Komponente hinzu: die Schiß, im Fall einer Niederlage Schimpfe
zu kriegen, bestraft zu werden. Entsprechend entgeistert kickten die Jungs
von Trainer Ribbeck, dem man noch nicht mal die Domina-Rolle abnimmt, im
Spiel gegen die USA.
Entsprechend aufgeschreckt, nach
klaren Worten des in der Rolle des Bestrafers etwas glaubwürdigeren
Uli Stielike, hoppelten die Jungs beim 3:3 gegen Kolumbien über den
Rasen. Individuell beflissen, damit ja das Schlimmste nicht wieder eintrifft:
daß nämlich der Kicker sechs Spielern die Note 6 erteilte (Babbel,
Ricken, Ramelow, Möller, Zickler, Marschall) und weiteren drei Spielern
die Note 5,5 (Matthäus, Rehmer, Preetz).
Das Problem der deutschen Nationalmannschaft
besteht in dem Umstand, sich modern präsentieren zu wollen, aber genau
die Anforderungen, die von der Weltgesellschaft an eine mit einem solchen
Anspruch angetretene Mannschaft gestellt werden, nicht erfüllen zu
können und sie nicht einmal zu kennen. Was soll wohl ein moderner
Spielzug sein, wenn die Abwehr von Lothar Matthäus organisiert wird?
Welche taktische Anlage darf vermutet werden, wenn beim deutschlandbejahenden
Teil des Publikums das Einfliegen eines Christian Wörns als Hoffnungsschimmer
gewertet wird?
Die Gesellschaft hat bei der Abwahl
von Helmut Kohl, und der Berufung von Gerhard Schröder und Joseph
Fischer gezeigt, daß sie schon bereit wäre, eine weniger reaktionäre
Variante als die bislang herrschende zu bevorzugen, aber die Neuen, die
Fischers, Ribbecks und Schröders, merken nun, daß das, was sie
wollen, was sie mit dieser Gesellschaft vorhaben, auch nur mit den dieser
Gesellschaft adäquaten Mitteln geschehen kann. Die "moderne, weltoffene
Bundesrepublik", die nach Angaben von Marius Müller-Westernhagen,
Boris Becker und Thomas Gottschalk existiert, basiert auf den Tugenden,
mit denen dieses Land dreimal Fußballweltmeister wurde.
Folglich ist es auch kein Zufall,
daß der Fußball dieser Gesellschaft die Alternative gezeigt
hat: entweder ein modernes Staatsbürgerschaftsrecht oder aber Besinnung
auf deutsche Werte. Wie ersteres auf dem kulturellen Fundament dieser Gesellschaft
realisiert werden sollte, erkennt man daran, daß man lieber den Rentner
Ribbeck holte statt einen ausländischen Fachmann. Oder halt auch daran,
daß einer wie Mayer-Vorfelder sich für ein Einbürgerungsrecht
stark macht und es dabei, was eben kein Widerspruch ist, fertigbringt,
ein bißchen Rassismus miteinfließen zu lassen. Letzteres aber,
die deutschen Werte, hat den Nachteil, nicht marktförmig zu sein,
sich halt nicht zu rechnen.
Ein moderner Fußballprofi,
der seinen Wert auf dem europäischen Markt realisiert, weiß
jedoch genau, daß er sich für Kampfkraft, Härte und Fleiß
nichts kaufen kann, wenn die Kollegen die Tore schießen, die Werbeverträge
abschließen und von den Teenagern angehimmelt werden und er bloß
auf der Bank sitzt.
Nur junge Menschen, denen die Nation
mehr bedeutet als das eigene Wohlergehen, die auch dann stolz eine Glatze
tragen, wenn ihnen die Entlassung droht, und die glaubwürdig alles
Deutsche repräsentieren, Mitglieder einer Nazi-Skin-Combo also, können
die Nationalmannschaft noch retten. Die war nämlich immer stolz darauf,
daß, wer bei ihr mittun darf, dies als Ehre empfindet, für die
er nie und nimmer die Hand aufhalten dürfe. Eine unbürgerliche,
aber sehr nationalistische Tugend ist es, und erst in der gegenwärtigen
Krise bemerkt man, daß dies der Stoff ist, aus dem diese Nation ihre
Erfolge gewonnen hat.
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