Homepage Inhaltsverzeichnis Zum Abo-Coupon E-Mail
17. Februar 1999 Jungle World

Suche Job in Hollywood

Warum Tagesschau-Sprecherin Susan Stahnke zum Film muß. Eine Spekulation

Ach, was hatte sie doch für ein Glück! Die blonde Frau zog ihre Riemchensandalen aus, schleuderte sie achtlos beiseite und ließ sich - nach einem Blick auf den unbenutzten Anrufbeantworter, zu dumm, daß die meisten Menschen lieber mit ihr persönlich sprechen wollten - auf die weiße Ledercouch sinken, die sie sich vom ersten Gehalt als Tagesschau-Sprecherin gekauft hatte. Gott, dachte sie lächelnd, wie unbedarft war sie doch damals gewesen. 

Da hatte sie tatsächlich gedacht, den Gipfelpunkt erreicht zu haben, und als sie zum ersten Mal vom Gemüsemann an der Ecke erkannt worden war, hatte sie sich doch tatsächlich eingebildet, den Durchbruch geschafft zu haben. Und sie hätte sich, wie die meisten ihrer Kolleginnen damit wohl auch zufriedengegeben, wenn ihr nicht irgendwann dieser Mann über den Weg gelaufen wäre. 

Sie erinnerte sich noch genau an diesen Abend, als sie, in diesem Bistro bei einem Glas Champagner in einem Gesellschaftsmagazin blätterte. "Na schöne Frau, so allein?" hatte eine Männerstimme plötzlich in ihr rechtes Ohr geflüstert. Sie hatte nichts gesagt, denn Fans konnten ganz schön zudringlich werden. Der Mann jedoch hatte nicht aufgegeben, sich auf den Barhocker neben ihr geschwungen und gefragt: "Weiß Ihr Mann nicht, daß man schöne Frauen niemals warten lassen darf?" Da hatte sie kichern müssen und sich ihm zugewandt und gestanden: "Ich habe keinen Mann!" 

Der Mann schien sie einfach nicht zu erkennen. Als sie ihm eröffnet hatte, eine prominente Medienfigur zu sein, war er nicht sonderlich beeindruckt gewesen. "Fernsehnachrichten sind für mich Zeitverschwendung", hatte er bloß gesagt und ihr gezeigt, wie er die News aus aller Welt übers Handy abhören konnte. Er hatte sie so beeindruckt, daß sie das Wiedersehen nicht abwarten konnte. Und wie war es angenehm gewesen, zur Abwechslung mal wieder wie ein normaler Mensch und nicht wie eine Sprechpuppe behandelt zu werden, ihren Job hatte sie seitdem mit anderen Augen gesehen. Denn der wahre Glamour lag ganz sicher nicht in einem Hamburger Studio. "In Deutschland wird man doch berühmt wie nix", lautete sein Credo, "du dagegen hast Klasse, Baby, ich bring' dich ganz groß raus." 

Wie immer, wenn er sowas sagte, hatte sie zunächst das Lachen nicht unterdrükken können und einmal sogar gefragt: "Wo denn? In Hollywood?" Schließlich war er ernstlich böse geworden. "Ja. In Hollywood!" hatte er sie angeblafft, "überlaß das nur mir. Aber du scheinst das nicht wirklich zu wollen, vielleicht habe ich mich getäuscht, vielleicht bist du dazu einfach zu schwach. Denn Wille ist Charakter in Aktion."

Sie liebte ihn für Sätze wie diesen, Sätze, die er beständig wiederholte, einfach nur, um ihr zu erklären, worauf es in diesem Leben wirklich ankam. Denn sie lachte schon lange nicht mehr über die Möglichkeit, in Hollywood eine internationale Karriere als Schauspielerin zu machen. Eigentlich war das ja sowieso immer ihr Traum gewesen. "Du schuldest deinen Träumen dein Leben" hatte er ihr jedoch schnell klargemacht, wieder in einem seiner prägnanten Sätze. Davon wußte er so viele, und alle waren sie so einprägsam. "Eigenliebe ist das Instrument unserer Selbsterhaltung" zum Beispiel, naja gut, der war zwar von Voltaire, wie sie später irgendwo gelesen hatte, aber andere hatte er wirklich selbst ersonnen. "Motivation kommt von Motiv" etwa, oder: "Image-Arbeit ist Networking." Ja, sie konnte wirklich froh sein, daß sie ihn damals getroffen hatte. 

So ein weltgewandter, cleverer Mann, und dazu noch so überaus selbstlos. Denn er hätte seine Erkenntnisse natürlich auch für sich behalten und selbst nach Hollywood gehen können. Einmal hatte sie ihn danach gefragt, und seine Antwort hatte sie beeindruckt. "Natürlich könnte ich das", hatte er gesagt, "aber dann wäre unsere Beziehung doch wohl sehr schnell kaputtgegangen, oder? Es ist doch viel einfacher, wenn du unter meiner Anleitung Karriere machst", hatte er damals hinzugefügt, "verlaß dich einfach nur auf mich." 

Und sie war nicht schlecht damit gefahren. Die Fotos in Gala waren seine Idee gewesen. Zunächst hatte sie sich dagegen gesträubt, in solch angeranzten Posen abgelichtet zu werden, aber er hatte alle ihre Einwände weggewischt: "Glaub mir, ich weiß, was gut für dich ist. Das wird ein Knaller!" 

Und tatsächlich - die Bilder waren wie eine Bombe eingeschlagen. Zumal kurz darauf auch bekanntgeworden war, daß sie Hollywood-Ambitionen hatte. Eigentlich hatten nur sie beide davon gewußt, und ganz eigentlich war das Treffen mit dem Produzenten Dick Guttman auch ein wenig anders verlaufen, als es plötzlich in der deutschen Presse dargestellt wurde. Als man mit Guttman über ein Interview mit Pierce Brosnan verhandelte, hatte sie ein paar Sätze ihres Mannes perfekt ins Englische übersetzt. Plötzlich war Guttman aufgesprungen. "You would make a great Nazi-bitch", hatte er gebrüllt, ein Manuskript aus einer mit "Crap" beschrifteten Schreibtischschublade gezogen und geschrien: "That's a film about your Mr. Göring - you would perfectly fit into the role of his wife!" 

Kaum zu Hause, hatten sich ihre Karrierepläne auch bei den Tagessschau-Kollegen herumgesprochen, was das Arbeitsklima ganz erheblich verschlechterte. "Neider gibt es überall", hatte er gesagt, und daß sie sich gegen Anfeindungen wappnen müsse, denn die gehörten zu ihrem neuen Starleben dazu. Eine Weile lang war das auch gutgegangen. 

Bis zu dem Nachmittag, als sie Eva Hermann auf dem Damenklo traf und eigentlich grußlos an ihr vorbeischweben wollte. Bis ihr das Handtäschchen heruntergefallen war, und sie sich hatte bücken müssen, um den verstreuten Inhalt aufzuheben. Die blöde Tucke nutzte die Gelegenheit natürlich sofort: "Wie, noch nicht in Hollywood?" fragte sie scheinheilig und begann sofort zu keifen: "Mir ist sowieso völlig unklar, was du da willst! Hast du dich eigentlich jemals im Spiegel angesehen? Mit der Frisur könntest du bloß in 'Dallas' mitspielen, aber wegen dir werden sie die Serie ganz gewiß nicht reanimieren!" 

Sie hatte schlucken müssen. Aber es ging darum, wie er immer sagte, sich nichts anmerken zu lassen. Deswegen war sie, ziemlich souverän, wie sie fand, zum Gegenangriff übergegangen: "Na und? Ich werde da trotzdem Karriere machen!" hatte sie gerufen. Seit diesem Moment hatte sie jedoch, wie sie später gegenüber ihren Vorgesetzten zu Protokoll gab, einen kurzen Blackout. Aus welchem Grund Eva Hermann plötzlich am Boden lag, wußte sie nicht mehr, wahrscheinlich war sie über irgendwas gestolpert, und warum sie schließlich miteinander gerungen hatten, wußte sie auch nicht mehr. 

Jens Riewa, der alarmiert durch den Lärm auf der Frauentoilette dazugeeilt war, erzählte später, daß sie die Hermann angeschrien habe: "Du Pißflitsche hast mir meine Volksmusiksendung weggenommen! Und das, obwohl du solche Musik gar nicht magst!" Daran konnte sie sich nicht mehr erinnern. Aber an alles Folgende: Als er sie an den Haaren gerissen hatte, um sie von Eva wegzuzerren, wußte sie sich nicht anders zu helfen, als zu brüllen: "Und ich sag' jedem, daß du schwul bist, wenn du mich davon abhältst, sie zu töten!". 

Unglücklicherweise hatte genau zu diesem Zeitpunkt Dagmar Berghoff die Toilette betreten, war, kurzsichtig, wie sie war, über die beiden am Boden liegenden Frauen und den Mann gestolpert und hatte wohl den einen oder

anderen Puff abbekommen. Das wäre nicht weiter schlimm gewesen, denn als Chefsprecherin war Berghoff mit den kleinen Nöten ihrer Crew durchaus vertraut und bewies immer großes Verständnis. Aber plötzlich war die Tür aufgegangen und ein Vertreter des Bayerischen Rundfunks hereingestürzt, der immer so vehement ein Rotationsprinzip der Sender bei der Tagesschau forderte. 

Mit einem Blick erfaßte er die Chance für Bayern. Falls er jemals aus diesem Frauenklo herauskäme. Denn Jens Riewa war mittlerweile aufgesprungen und hatte sich, ein abgerissenes Abflußrohr in der Hand haltend, zwischen ihm und der Tür postiert. Susan und Eva standen entschlossen an seiner Seite. 

Dagmar Berghoff, das hatte der BR-Mann erst jetzt gemerkt, kniete neben ihm auf dem Boden und war dabei, seine Beine zu fesseln. "Du kommst hier nicht lebend raus!" erklärte eine nicht zu identifizierende Stimme, während alle vier sich auf ihn stürzten. Das große schwarze Nichts umfing ihn schließlich. Die Frau auf dem weißen Ledersofa schmunzelte: Das war der Startschuß zu ihrer internationalen Karriere gewesen. 

Das Verschwinden des BR-Mannes war zwar niemandem aufgefallen, aber die Prügelei flog natürlich auf. Sie hatte sich daraufhin als Hauptschuldige bereiterklärt, den Sender zu verlassen. Und die Lage der vergrabenen Bayernleiche, wie die drei anderen auch, niemals preiszugeben. Der Mann hatte sie dazu überredet und als Gegenleistung von den Verantwortlichen die komplette Übernahme der Kosten für den geplanten Göring-Film verlangt. So war das Wiedersehen mit dem Produzenten Guttman ein sehr fröhliches gewesen. 

Der Mann hatte ihr vorher eingeschärft, was sie sagen sollte, also etwa, daß ihre Sendung jeden Abend ein Einschalt-Quoten-Hit, sie Schauspielerin und Deutschland ein verdammt großer Filmmarkt sei, und anschließend gingen sie feiern, zu zweit, in einem dieser romantischen Restaurants. 

"Was für eine gute Idee, die Tagesschau-Sprecher plus den Bayern durch einen fingierten Telefonanruf nacheinander aufs Damenklo zu lokken!" prostete sie ihm zu, worauf er, ihr zuzwinkernd, sein Glas erhob und erwiderte: "Was für eine gute Idee, Harald Schmidt zu bestechen, daß er dich zweimal hintereinander zum Liebling des Monats macht." 

Wie schade, daß der Mann den Rest nicht mehr miterlebt hatte. Ihren kometenhaften Aufstieg als Schauspielerin - begründet auf dem internationalen Erfolg des Göring-Films -, die folgenden Rollen, die Oscars, den Ruhm.

Einfach umgekippt war er an jenem Abend in diesem Restaurant. "Liebling des Monats" waren seine letzten Worte gewesen, bevor er an einem unbekannten Gift, verabreicht von einer unbekannten Person, gestorben war. Einfach so, die Polizei hatte den Täter damals trotz intensiver schlagzeilenträchtiger Suche, nicht ermitteln können.

Sie horchte auf. War da nicht ein unheimliches Geräusch an der Haustür gewesen? Ja. Tatsächlich. Da war was. "Eva, bist du das? Na endlich, wo warst du bloß die ganze Zeit, ich hab dich so vermißt!"

  •  Elke Wittich
nach oben