 |
 |
Suche Job in Hollywood
Warum Tagesschau-Sprecherin Susan
Stahnke zum Film muß. Eine Spekulation
Ach, was hatte sie doch für
ein Glück! Die blonde Frau zog ihre Riemchensandalen aus, schleuderte
sie achtlos beiseite und ließ sich - nach einem Blick auf den unbenutzten
Anrufbeantworter, zu dumm, daß die meisten Menschen lieber mit ihr
persönlich sprechen wollten - auf die weiße Ledercouch sinken,
die sie sich vom ersten Gehalt als Tagesschau-Sprecherin gekauft hatte.
Gott, dachte sie lächelnd, wie unbedarft war sie doch damals gewesen.
Da hatte sie tatsächlich gedacht,
den Gipfelpunkt erreicht zu haben, und als sie zum ersten Mal vom Gemüsemann
an der Ecke erkannt worden war, hatte sie sich doch tatsächlich eingebildet,
den Durchbruch geschafft zu haben. Und sie hätte sich, wie die meisten
ihrer Kolleginnen damit wohl auch zufriedengegeben, wenn ihr nicht irgendwann
dieser Mann über den Weg gelaufen wäre.
Sie erinnerte sich noch genau an
diesen Abend, als sie, in diesem Bistro bei einem Glas Champagner in einem
Gesellschaftsmagazin blätterte. "Na schöne Frau, so allein?"
hatte eine Männerstimme plötzlich in ihr rechtes Ohr geflüstert.
Sie hatte nichts gesagt, denn Fans konnten ganz schön zudringlich
werden. Der Mann jedoch hatte nicht aufgegeben, sich auf den Barhocker
neben ihr geschwungen und gefragt: "Weiß Ihr Mann nicht, daß
man schöne Frauen niemals warten lassen darf?" Da hatte sie kichern
müssen und sich ihm zugewandt und gestanden: "Ich habe keinen Mann!"
Der Mann schien sie einfach nicht
zu erkennen. Als sie ihm eröffnet hatte, eine prominente Medienfigur
zu sein, war er nicht sonderlich beeindruckt gewesen. "Fernsehnachrichten
sind für mich Zeitverschwendung", hatte er bloß gesagt und ihr
gezeigt, wie er die News aus aller Welt übers Handy abhören konnte.
Er hatte sie so beeindruckt, daß sie das Wiedersehen nicht abwarten
konnte. Und wie war es angenehm gewesen, zur Abwechslung mal wieder wie
ein normaler Mensch und nicht wie eine Sprechpuppe behandelt zu werden,
ihren Job hatte sie seitdem mit anderen Augen gesehen. Denn der wahre Glamour
lag ganz sicher nicht in einem Hamburger Studio. "In Deutschland wird man
doch berühmt wie nix", lautete sein Credo, "du dagegen hast Klasse,
Baby, ich bring' dich ganz groß raus."
Wie immer, wenn er sowas sagte,
hatte sie zunächst das Lachen nicht unterdrükken können
und einmal sogar gefragt: "Wo denn? In Hollywood?" Schließlich war
er ernstlich böse geworden. "Ja. In Hollywood!" hatte er sie angeblafft,
"überlaß das nur mir. Aber du scheinst das nicht wirklich zu
wollen, vielleicht habe ich mich getäuscht, vielleicht bist du dazu
einfach zu schwach. Denn Wille ist Charakter in Aktion."
Sie liebte ihn für Sätze
wie diesen, Sätze, die er beständig wiederholte, einfach nur,
um ihr zu erklären, worauf es in diesem Leben wirklich ankam. Denn
sie lachte schon lange nicht mehr über die Möglichkeit, in Hollywood
eine internationale Karriere als Schauspielerin zu machen. Eigentlich war
das ja sowieso immer ihr Traum gewesen. "Du schuldest deinen Träumen
dein Leben" hatte er ihr jedoch schnell klargemacht, wieder in einem seiner
prägnanten Sätze. Davon wußte er so viele, und alle waren
sie so einprägsam. "Eigenliebe ist das Instrument unserer Selbsterhaltung"
zum Beispiel, naja gut, der war zwar von Voltaire, wie sie später
irgendwo gelesen hatte, aber andere hatte er wirklich selbst ersonnen.
"Motivation kommt von Motiv" etwa, oder: "Image-Arbeit ist Networking."
Ja, sie konnte wirklich froh sein, daß sie ihn damals getroffen hatte.
So ein weltgewandter, cleverer Mann,
und dazu noch so überaus selbstlos. Denn er hätte seine Erkenntnisse
natürlich auch für sich behalten und selbst nach Hollywood gehen
können. Einmal hatte sie ihn danach gefragt, und seine Antwort hatte
sie beeindruckt. "Natürlich könnte ich das", hatte er gesagt,
"aber dann wäre unsere Beziehung doch wohl sehr schnell kaputtgegangen,
oder? Es ist doch viel einfacher, wenn du unter meiner Anleitung Karriere
machst", hatte er damals hinzugefügt, "verlaß dich einfach nur
auf mich."
Und sie war nicht schlecht damit
gefahren. Die Fotos in Gala waren seine Idee gewesen. Zunächst hatte
sie sich dagegen gesträubt, in solch angeranzten Posen abgelichtet
zu werden, aber er hatte alle ihre Einwände weggewischt: "Glaub mir,
ich weiß, was gut für dich ist. Das wird ein Knaller!"
Und tatsächlich - die Bilder
waren wie eine Bombe eingeschlagen. Zumal kurz darauf auch bekanntgeworden
war, daß sie Hollywood-Ambitionen hatte. Eigentlich hatten nur sie
beide davon gewußt, und ganz eigentlich war das Treffen mit dem Produzenten
Dick Guttman auch ein wenig anders verlaufen, als es plötzlich in
der deutschen Presse dargestellt wurde. Als man mit Guttman über ein
Interview mit Pierce Brosnan verhandelte, hatte sie ein paar Sätze
ihres Mannes perfekt ins Englische übersetzt. Plötzlich war Guttman
aufgesprungen. "You would make a great Nazi-bitch", hatte er gebrüllt,
ein Manuskript aus einer mit "Crap" beschrifteten Schreibtischschublade
gezogen und geschrien: "That's a film about your Mr. Göring - you
would perfectly fit into the role of his wife!"
Kaum zu Hause, hatten sich ihre
Karrierepläne auch bei den Tagessschau-Kollegen herumgesprochen, was
das Arbeitsklima ganz erheblich verschlechterte. "Neider gibt es überall",
hatte er gesagt, und daß sie sich gegen Anfeindungen wappnen müsse,
denn die gehörten zu ihrem neuen Starleben dazu. Eine Weile lang war
das auch gutgegangen.
Bis zu dem Nachmittag, als sie Eva
Hermann auf dem Damenklo traf und eigentlich grußlos an ihr vorbeischweben
wollte. Bis ihr das Handtäschchen heruntergefallen war, und sie sich
hatte bücken müssen, um den verstreuten Inhalt aufzuheben. Die
blöde Tucke nutzte die Gelegenheit natürlich sofort: "Wie, noch
nicht in Hollywood?" fragte sie scheinheilig und begann sofort zu keifen:
"Mir ist sowieso völlig unklar, was du da willst! Hast du dich eigentlich
jemals im Spiegel angesehen? Mit der Frisur könntest du bloß
in 'Dallas' mitspielen, aber wegen dir werden sie die Serie ganz gewiß
nicht reanimieren!"
Sie hatte schlucken müssen.
Aber es ging darum, wie er immer sagte, sich nichts anmerken zu lassen.
Deswegen war sie, ziemlich souverän, wie sie fand, zum Gegenangriff
übergegangen: "Na und? Ich werde da trotzdem Karriere machen!" hatte
sie gerufen. Seit diesem Moment hatte sie jedoch, wie sie später gegenüber
ihren Vorgesetzten zu Protokoll gab, einen kurzen Blackout. Aus welchem
Grund Eva Hermann plötzlich am Boden lag, wußte sie nicht mehr,
wahrscheinlich war sie über irgendwas gestolpert, und warum sie schließlich
miteinander gerungen hatten, wußte sie auch nicht mehr.
Jens Riewa, der alarmiert durch
den Lärm auf der Frauentoilette dazugeeilt war, erzählte später,
daß sie die Hermann angeschrien habe: "Du Pißflitsche hast
mir meine Volksmusiksendung weggenommen! Und das, obwohl du solche Musik
gar nicht magst!" Daran konnte sie sich nicht mehr erinnern. Aber an alles
Folgende: Als er sie an den Haaren gerissen hatte, um sie von Eva wegzuzerren,
wußte sie sich nicht anders zu helfen, als zu brüllen: "Und
ich sag' jedem, daß du schwul bist, wenn du mich davon abhältst,
sie zu töten!".
Unglücklicherweise hatte genau
zu diesem Zeitpunkt Dagmar Berghoff die Toilette betreten, war, kurzsichtig,
wie sie war, über die beiden am Boden liegenden Frauen und den Mann
gestolpert und hatte wohl den einen oder
anderen Puff abbekommen. Das wäre
nicht weiter schlimm gewesen, denn als Chefsprecherin war Berghoff mit
den kleinen Nöten ihrer Crew durchaus vertraut und bewies immer großes
Verständnis. Aber plötzlich war die Tür aufgegangen und
ein Vertreter des Bayerischen Rundfunks hereingestürzt, der immer
so vehement ein Rotationsprinzip der Sender bei der Tagesschau forderte.
Mit einem Blick erfaßte er
die Chance für Bayern. Falls er jemals aus diesem Frauenklo herauskäme.
Denn Jens Riewa war mittlerweile aufgesprungen und hatte sich, ein abgerissenes
Abflußrohr in der Hand haltend, zwischen ihm und der Tür postiert.
Susan und Eva standen entschlossen an seiner Seite.
Dagmar Berghoff, das hatte der BR-Mann
erst jetzt gemerkt, kniete neben ihm auf dem Boden und war dabei, seine
Beine zu fesseln. "Du kommst hier nicht lebend raus!" erklärte eine
nicht zu identifizierende Stimme, während alle vier sich auf ihn stürzten.
Das große schwarze Nichts umfing ihn schließlich. Die Frau
auf dem weißen Ledersofa schmunzelte: Das war der Startschuß
zu ihrer internationalen Karriere gewesen.
Das Verschwinden des BR-Mannes war
zwar niemandem aufgefallen, aber die Prügelei flog natürlich
auf. Sie hatte sich daraufhin als Hauptschuldige bereiterklärt, den
Sender zu verlassen. Und die Lage der vergrabenen Bayernleiche, wie die
drei anderen auch, niemals preiszugeben. Der Mann hatte sie dazu überredet
und als Gegenleistung von den Verantwortlichen die komplette Übernahme
der Kosten für den geplanten Göring-Film verlangt. So war das
Wiedersehen mit dem Produzenten Guttman ein sehr fröhliches gewesen.
Der Mann hatte ihr vorher eingeschärft,
was sie sagen sollte, also etwa, daß ihre Sendung jeden Abend ein
Einschalt-Quoten-Hit, sie Schauspielerin und Deutschland ein verdammt großer
Filmmarkt sei, und anschließend gingen sie feiern, zu zweit, in einem
dieser romantischen Restaurants.
"Was für eine gute Idee, die
Tagesschau-Sprecher plus den Bayern durch einen fingierten Telefonanruf
nacheinander aufs Damenklo zu lokken!" prostete sie ihm zu, worauf er,
ihr zuzwinkernd, sein Glas erhob und erwiderte: "Was für eine gute
Idee, Harald Schmidt zu bestechen, daß er dich zweimal hintereinander
zum Liebling des Monats macht."
Wie schade, daß der Mann den
Rest nicht mehr miterlebt hatte. Ihren kometenhaften Aufstieg als Schauspielerin
- begründet auf dem internationalen Erfolg des Göring-Films -,
die folgenden Rollen, die Oscars, den Ruhm.
Einfach umgekippt war er an jenem
Abend in diesem Restaurant. "Liebling des Monats" waren seine letzten Worte
gewesen, bevor er an einem unbekannten Gift, verabreicht von einer unbekannten
Person, gestorben war. Einfach so, die Polizei hatte den Täter damals
trotz intensiver schlagzeilenträchtiger Suche, nicht ermitteln können.
Sie horchte auf. War da nicht ein
unheimliches Geräusch an der Haustür gewesen? Ja. Tatsächlich.
Da war was. "Eva, bist du das? Na endlich, wo warst du bloß die ganze
Zeit, ich hab dich so vermißt!"
|