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17. Februar 1999 Jungle World

Feuilleton Nachrichten

Kamera läuft

Dietmar Schönherr, früher Commander der Raumpatrouille Orion, bat bei der Verleihung der Goldenen Kamera "um ein paar Minuten Geduld". Er dankte der Jury für die Verleihung des "Millenium Award" und kritisierte dann Martin Walser: "Der bisher von mir sehr verehrte Schriftsteller hat mit seiner verschwommenen Rede Unfrieden gestiftet. Der darf so etwas nicht machen." Später verlas er noch eine Liste mit zwölf Künstlern, die von den Nazis umgebracht wurden und die bestimmt mehrere Preise gewonnen hätten. Da ist wohl einigen Promis die Lachsschnitte im Hals stecken geblieben. 

Zunächst wollte der verantwortliche ZDF-Redakteur für die Ausstrahlung der Preisverleihung am Sonntag abend einige Stellen herausschneiden. Nach Protesten von Schönherr und gerüchteweise auch von Hans-Dietrich Genscher entschied man sich, die Sendung in voller Länge zu zeigen. Olaf Buhl, Leiter der Sendung "Kennzeichen D", fand zwar gut, was Schönherr sagte, bezweifelte aber, "ob es das richtige Forum war und seine Äußerungen ausreichend differenziert waren." Jetzt wird wohl noch eine Rede folgen, um Mißverständnisse aufzuklären, und dann muß Schönherr sich auch noch mit Walser treffen, um sich wieder zu versöhnen. Im Fernsehen gibt es ja öfter Wiederholungen.

Seniorentreffen in Rom

"Plötzlich merkte ich, daß ich weinte", sagte Horst Tappert, nachdem er Papst Johannes Paul II. die Hand geschüttelt hatte. Der 78jährige Derrick-Fan Karel Wojtyla wußte den 75jährigen Tappert aber offenbar nicht sofort zuzuordnen. "Sie sind Deutscher?" Es sei schwer zu sagen, so Tappert, ob der Papst ihn erkannt habe, aber er habe den Eindruck, "ein Kardinal hat ihm gesagt, wer ich bin". 

Tappert dreht gerade in Italien einen neuen Film, in dem er einen Kardinal spielt. Um authentische Erfahrungen zu sammeln, bekam der Protestant bei einer wöchentlichen Generalaudienz einen Platz in der ersten Reihe. Daß er den Papst-Ring küssen durfte, reichte ihm wohl noch nicht. "Ich habe einfach das Gefühl, ich möchte ihn in die Arme nehmen. Ich möchte etwas für ihn tun, für ihn ganz persönlich." Ein neuer Fall für Derrick?

Zankt Euch nicht

Alice Schwarzer hat ein ausgeprägtes Harmoniebedürfnis. Das hält sie aber nicht davon ab, sich manchmal auch zu streiten. Kürzlich hat sie ja noch bei Tee und Kuchen ganz nett mit Leni Riefenstahl geplaudert, jetzt fühlt sie sich aber von Doris Schröder-Köpf angegriffen, die in einem Stern-Interview der Frauenbewegung vorgeworfen hatte, keine Lösungen für die Frauen von heute zu bieten. Schwarzer hatte zuvor die Frau des Kanzlers als einen "Rückschritt für Deutschland" bezeichnet, weil Schröder-Köpf ihren Job als Journalistin aufgegeben hatte, um die Karriere ihres Mannes zu unterstützen. Frauenpower im Kanzlerbungalow? Genau! "Ja, mei", sagte Schröder-Köpf dem Stern, der "Gerd hatte immer viel Verständnis für die Probleme der Frauen. Er weiß, was Frauen leisten." So sind die Männer heute. Schwarzer sei einfach nicht mehr auf der Höhe der Zeit, die Schröders dagegen on the top, schließlich habe auch Hillary Clinton ihre Anwältinnenkarriere zugunsten ihres Gatten an den Nagel gehängt. Schwarzer sieht das ganz anders und verlangte in einem Offenen Brief den "Schulterschluß" zwischen Frauen statt "Weiberzank". Viele Frauen, so Schwarzer, seien in einer weit schwierigeren Lage und wollten dennoch beides: Familie und Beruf. Daß sich Schröder-Köpf anders entschieden habe, sei ganz persönlich ihr gutes Recht. "Vielleicht waren Sie erschöpft von dem langen Kampf an der Karriere- und Mutterfront (...). Vielleicht war auch Ihr Mann ermattet von den Anstrengungen einer demonstrativ emanzipierten Ehe." Man darf gespannt sein, ob Schröder-Köpf der Aufforderung zum Schulterschluß nachkommt und Schwarzer zum Tee in die Kanzlervilla bittet. 

Harnisch bringt Bartsch in Harnisch

Manchmal bewirken Wechsel nicht viel. Einer geht, ein andrer kommt. Und alles bleibt beim alten. So auch bei der Tageszeitung Neues Deutschland. Seit Monaten hatten sich der Geschäftsführer Wolfgang Spickermann und Chefredakteur Reiner Oschmann gestritten (Jungle World, Nr. 7/99). Spickermann wollte eine stärkere Anlehnung an die PDS, um Altleser zu bedienen, Oschmann war dafür, das Blatt für Diskussionen zu öffnen, die nicht unbedingt auf der Partei-Linie und manchmal noch weiter rechts liegen. Nach der letzten Betriebsversammlung hat Spickermann seine Kündigung eingereicht. Das Neue Deutschland stellte klar, daß jegliche "Zentralorgan-Zeiten" vorbei seien. PDS-Chef Lothar Bisky kündigte eine "externe Arbeitsgruppe" an, die sich "einige Zeit mit der Zeitung befassen" soll. Und kaum ist ein Problem gelöst, gibt es schon neuen Streit. Diesmal zwischen PDS-Pressesprecher Hanno Harnisch und Bundesgeschäftsführer Dietmar Bartsch. Gegenüber der Berliner Zeitung hatte Harnisch erklärt, daß das ND seit Jahren Zuschüsse aus der Parteikasse erhalte, damit Gehälter und Miete überhaupt noch bezahlt werden könnten. Dieser Darstellung widersprach Dietmar Bartsch: "Hier hat Hanno Harnisch einfach Unsinn erzählt." Der aber blieb bei seiner Aussage. Die Kontrahenten haben gewechselt, der Streit geht weiter. 

Holocaust-Mahnmal 

"Herr Diepgen kann ebensowenig wie ich oder wie irgend jemand sonst entscheiden, wo es langgeht." Zu dieser Einsicht ist der Staatsminister für Kultur, Michael Naumann, gekommen, nachdem er im Südwestfunk gesagt hatte, daß der noch immer offene zweite Wettbewerb für ein Holocaust-Mahnmal in dieser Woche beendet werden könne. Eben diesen Wettbewerb hat der Regierende Bürgermeister von Berlin, Eberhard Diepgen, für gescheitert erklärt. Er will, daß "die Verfassungsorgane der BRD und das Land Berlin zusammentreten, um die Entscheidung vorzubereiten". 

In dieser Woche treffen sich die drei Auslober des Wettbewerbs - Bund, Land Berlin und Förderkreis -, um die Frage zu klären, ob das Verfahren überhaupt noch zu Ende geführt werden soll, nachdem sich sowohl Naumann als auch Gerhard Schröder für den dritten Entwurf von Peter Eisenman ausgesprochen hatten. Zuletzt hatte nur die ehemalige Vorsitzende des Förderkreises, Lea Rosh, auf einem regulären Abschluß der Ausschreibung bestanden. Gegen "Eisenman III" waren aber rechtliche Bedenken laut geworden, weil ein in das Mahnmal integriertes Museum nicht den Wettbewerbsbestimmungen entspricht. Ein Auftrag an Eisenman ohne Ausschreibung sei "unzulässig", erklärte auch der Präsident der Bundesarchitektenkammer, Peter Conradi. Was immer bei den Treffen herauskommen mag, über ein Votum des Volkssouveräns könne sich, so Naumann, niemand hinwegsetzen. Und der öffentlichen Meinung wird derzeit viel Einfluß zugeschrieben. Vielleicht gibt es ja bald auch eine Unterschriftenkampagne gegen ein Holocaust-Mahnmal. 

  •  Die Nachrichten wurden von Jan Brandt zusammengestellt
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