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Wir haben es gewußt
Deutsche Einzelschicksale auf der
Berlinale.
Von Jürgen Kiontke
Kultur wird den Deutschen immer
wichtiger. Kein Wunder bei so viel Arbeitslosen, die sich die neue Bundesregierung
eigentlich als erste vorknöpfen wollte. Aber statt dessen unterhält
sich Kanzler Schröder lieber mit der Viertel-, Halb- und Vollprominenz
und läßt keine Fete aus. Kürzlich wunderten sich die Puhdys
über seine Einladung zu einem Gespräch, das auch noch im ehemaligen
Staatsratsgebäude stattfand. Er habe sich verdammt viel Zeit genommen,
ob er denn sonst nichts zu tun habe?
Da erstaunt es nicht, daß
er es sich nicht nehmen ließ, als erster Bundeskanzler auch an der
Eröffnung der Berliner Filmfestspiele - so etwas wie die PopKomm für
Erwachsene - teilzunehmen. Schließlich haben er und das Land jetzt
extra einen Staatsminister für die Unterhaltungsabteilung, auch wenn
das irgendwie mit dem alten westdeutschen Föderalismus nicht zusammenpaßt.
Während der eine oder andere
über solche Fragen sinnieren mag, wurde auf der Berlinale klar, was
Michael Naumann eigentlich macht: Er schreibt Reden für den Chef.
Für die Eröffnung der Filmfestspiele hatte er auch eine angefertigt,
was man nur deswegen weiß, weil Gerhard Schröder die Lesebrille
vergaß und kurzerhand "Schröder pur" sprach. Anschließend
wurde gefeiert bis in die Puppen. Denn das Engagement des Kanzlers hatte
noch einen Grund: Mit "Aimée und Jaguar" gibt es seit Jahren wieder
einen Eröffnungsfilm aus Deutschland! Und er spielt auch noch im Nationalsozialismus!
Trotzdem: Er verdeckte nur kurz
den allgemeinen Kummer darüber, daß bei allem Aufwand der Marktanteil
des deutschen Films innerhalb eines Jahres um 50 Prozent gesunken ist.
Wohin denn die deutsche Kultur mit der Identität im Gepäck bloß
entflüchtet sein mag, darüber gab es abendfüllende Gespräche,
in denen sich Ratlosigkeit breitmachte.
Roland Emmerich und Wolfgang Petersen,
unsere Erfolgskinder in Hollywood, kamen extra angereist und zerbrachen
sich vor Ort und laufenden Kameras den Kopf. Emmerich empfahl weiterhin
Komödien, Petersen dachte an die schönen Zeiten des Autorenkinos
zurück. Ansässige Filmemacher sollten ihre eigene Identität
zur Schau stellen. Also aus dem größten Verbrechen der Weltgeschichte
ein paar Kulturaccessoires schaffen? Emmerich plant ein Projekt über
Rommel, den Wüstenfuchs. Petersen: "Ich auch!" Na also, ist doch alles
da, Täter- oder Opfergeschichte - scheißegal.
Das mit der Identität ist so
eine Sache. Die läßt sich zweifellos von außen besser
beurteilen, und in der ganzen Welt scheint man irgendwie vor Augen zu haben,
wo die Deutschen sie suchen sollten. Doch für die scheint das einfach
nicht zu klammern. Immer geht der Blick nach Hollywood, weil dort die Stars
sind, deren Anwesenheit auch Deutschland erst Glanz verleiht. So läßt
sich umgekehrt die Sucht nach Stars aus Hollywood erklären: Je mehr
davon da sind, desto wichtiger ist Deutschlands Filmfest Nummer eins. Wir
sind wieder wer. Staatsminister Naumann will sich um engere Kontakte zu
Hollywood bemühen, und das zeitigt schon erste
Ergebnisse. Tagesschau-Lady Susan
Stahnke wird dort die Frau von Hermann Göring spielen (siehe auch
Seite 30).
Naumann will aber auch eine deutsche
Filmproduktion. Mehr Risikokapital mahnt er an, wobei sich an den Konditionen
der Filmförderung nichts ändern soll - das Geld werden wieder
dieselben bekommen. Und Berlin soll größer, schöner und
wichtiger werden, als Filmstandort in Europa. Naumann: "Palmen, Strand
und Lagunen ersetzen wir durch Kreativität und Spontaneität."
Max Färberböck, Regisseur
von
"Aimée und Jaguar", findet,
daß die Erzählung von Einzelschicksalen aus der Zeit des Nationalsozialismus
ohne Spielbergs "Schindlers Liste" nicht möglich gewesen sei. Stimmt.
In den letzten Jahren tut Spielberg einfach alles für Deutschland.
Er kam sogar extra hierher, trieb sich in Schulklassen herum, um dort mit
jungen deutschen Leuten zu diskutieren.
In Berlin hatten die meist türkische
Eltern, und sie beklagten den Rassismus hierzulande ("Brennende Asylheime
gibt's immer noch"), der nicht in dem Maße zurückgegangen ist
wie der Marktanteil des deutschen Films. Die Diskussion um den Doppelpaß,
meinten die Jugendlichen, habe gezeigt, wie rassistisch Deutschland wirklich
sei.
Da war es bitter, daß die
Benefiz-Veranstaltung der Shoah Foundation im Konzerthaus am Gendarmenmarkt
auf manchen Prominenten verzichten mußte, weil sie zeitgleich mit
der Eröffnung der Berlinale terminiert worden war. Auf Schröder
zum Beispiel. Was hätte der erzählt? In seiner Logik - wenn die
Juden nicht ermordet worden wären, wäre Deutschland heute spitze
("Wo wären wir ohne den Holocaust heute?") - hätte er Spielberg
wahrscheinlich zu einem deutschen Regisseur erklärt. Das hätte
wiederum zur allgemeinen Stillosigkeit gepaßt. Und um die Einzelschicksale
aus der Zeit des Nationalsozialismus kümmert sich Guido Knopp auch
schon im Fernsehen.
Der Film, der Identität spendet
- schwer zu sagen, ob ihn jemand fand, brauchen tun ihn alle. Außer
Identität gibt es eben nichts, sie ist ein mehr oder weniger einträglicher
Markt und reicht bis ins linke Milieu. Bis zu der Frage, wo denn der Film
sei, der sich endlich mal echt gegen den Kapitalismus ausspreche. Doch
da scheint man in Berlin, wo jeder Zehnte irgendwie mit Medien zu tun hat
und täglich an 35 Plätzen irgendwas gedreht wird, weiter zu sein
als manche denken. Hier gibt es mittlerweile einen echten Mangel an Gefängnis-Drehorten!
Jedenfalls ist das schöne Fest
jetzt fast vorbei, wie jedes Jahr gab es auch ein paar Perlen auf der Berlinale,
die in dem Wust schwer aufzufinden waren. Der Wettbewerb war wie immer
schrottig, und das erklärte Filmjournalistin Karin Hallwass vom Filmforum
so: Weil ja sowieso nicht alle Filme einen Goldenen Bären erhalten
könnten, müßten von Anfang an auch ein paar schlechte laufen.
"Die Leute wollen offenbar alle
die gleichen Filme sehen" (Brigitte Werneburg, taz): Dieser erstaunlichen
Einsicht folgt die seit Jahren amtierende Festspieldirektion seit eh und
je, und wer bitte setzt sich Hellmuth Karasek in die Jury? Moritz de Hadeln,
Ulrich Gregor - nächstes Jahr sind sie gewiß alle gefeuert,
da ist Wechsel nötig. Dann läuft das Fest auf dem von illegal
beschäftigten Bauarbeitern zu Minuslöhnen aus dem Boden gestampften
Potsdamer Platz, damit dort nächstes Jahr ein Jubiläum gefeiert
werden kann: Die Berliner Filmfestspiele werden 50 Jahre alt. Und im Jahr
2002 wird Leni Riefenstahl 100 - dann bekommt sie einen Goldenen Bären
für ihr Lebenswerk und umgekehrt im Holocaust-Mahnmal ist nach Naumanns
Vorstellungen dann jeden Tag Filmfest.
Ich jedenfalls wollte gleich am
ersten Tag meine Karte zurückgeben. Für mein Lieblingskino International
- das liegt bei mir quasi um die Ecke - im Ostteil der Stadt mußte
man sich in diesem Jahr jeden Tag die Karten am Ticketschalter am Zoo abholen.
"Da haben Sie Pech gehabt." Dann war der Kartencomputer kaputt. Doch man
sollte sich nicht groß aufregen, wenn man sein Geld damit verdient,
sich im Dunkeln den Hintern plattzusitzen. Und nächstes Jahr, wenn
das Filmfest in Europas größtem Ringcenter stattfindet ("Die
überdachte Piazza davor eignet sich wunderbar für die Vorfahrt
von Stars", Ute Wüest von Vellberg, Projektsprecherin von Sponsor
Daimler) - geht sowieso gar nichts mehr, obwohl der Filmpalast am Potsdamer
Platz fetter ist als der von Cannes. Der Millenium Bug wird nicht nur die
Kartencomputer gekillt haben, sondern auch alles andere. Nick Nolte wird
dann mit seiner Damenunterwäsche am Flughafen von Los Angeles festsitzen,
und Michael Naumanns Flieger findet den Boden nicht mehr. Oder wie die
Berlinale-Zeitschrift Moving Pictures schreibt: "Die Erfahrungen dieses
Jahrhunderts haben gezeigt: 'Wir haben es nicht gewußt' ist keine
akzeptable Form der Vergangenheitsbewältigung. Kein schlechter Start
in ein neues Jahrtausend!" Naumanns nächste Rede, die der Bundeskanzler
nicht hält, dafür aber Schröder pur redet, gibt es bestimmt
auf der Popkomm. Über die Verantwortung deutscher Popmusiker, Bravo
und Spex für die deutsche Identität und den Arbeitsmarkt. Mit
Besuch bei Viva. |