Clinton ist weiter Präsident
Suck my Bill!
Von Carlos Kunze
"Vorbei. Endlich." Ein Stoßseufzer
der Erleichterung in der FR. Das Impeachment-Verfahren gegen US-Präsident
William Clinton ist beendet. Der Senat hat ihn von den Vorwürfen des
Meineides und der Behinderung der Justiz freigesprochen.
Doch schade, daß die Schmierenkomödie
nicht weiter gespielt wird. Denn sie ermöglichte außerordentlich
aufschlußreiche Einblicke in das Funktionieren der Institutionen
des US-Kapitalismus.
Der Sonderermittler Kenneth Starr
hat zum Ruhme der US-Justiz den Titel eines Chefinquisitors errungen. Er
hat öffentlich die schönen Praktiken aus der McCarthy-Ära
recycelt, die grausame Illusionen in die Justiz verhindern: Schnüffeln
in der Privatsphäre von allen, die auch nur entfernt von der sogenannten
Lewinsky-Affäre Wind bekommen haben. Damit folgte er allerdings nur
dem rechtlichen Trend in den USA, der aus rechten wie liberalen Kreisen
vorangetrieben worden war: ungehemmte Ausdehnung des strafbewehrten Zugriffs
der Staatsanwälte auf das Privatleben von Verdächtigen und Zeugen.
Beispielhaft hat Starr diese Praxis in der Befragung von Monica Lewinsky
vorführen lassen, als ihr seine Untergebenen mit 27 Jahren Haft drohten.
Auch die Massenmedien haben - entgegen
ihrer gesellschaftlichen Funktion - kräftig an der Desillusionierung
gearbeitet. "Zahlreiche Zeitungen und praktisch sämtliche Fernsehketten",
so schrieb die NZZ, "haben den Fall sensationalistisch behandelt und Fakten
und Mutmaßungen mit einer Leichtfertigkeit gemischt, die teilweise
atemberaubend war".
Bei den Parteien haben sich vor
allem die Republikaner blamiert. Niemandem konnte es entgehen, daß
der Hardliner-Flügel der Republikaner hinter Starr, jener obskure
Haufen aus Fundi-Christen, militanten Abtreibungsgegnern, Waffenfetischisten
und Rassisten, Clinton am liebsten schon vor seinem Amtsantritt impeached
hätte. Jetzt sind die Umfragewerte der Republikaner im Keller und
der Katzenjammer da.
Ihre Kampagne hatte die Züge
eines Staatsstreichs von rechts. Natürlich steht Clinton bei den Republikanern
für die "Kultur des Aufbruchs in den sechziger Jahren", wie es die
FR unnachahmlich formuliert. Den Schrecken, der dem alten Establishment
damals weltweit in die Knochen fuhr, hat es nicht vergessen. Doch aus der
Rache wurde vorerst nichts.
Aber auch der Präsident hat
seinem Amt kräftig zugesetzt - falls das nach Watergate, Iran-Contra
und Ronald Reagan noch möglich ist. Nicht nur, daß Clinton als
der Lewinsky-Präsident in die Ge-schichte eingehen wird; schlimmer
noch, das Vertrauen der Untertanen zum Staatschef wurde aufs Empfindlichste
verletzt. "Seine offene Lüge gegenüber dem Fernsehpublikum -
"Ich hatte keinen Sex mit dieser Frau, Monica Lewinsky" - ist ein Tiefpunkt
in der Geschichte der Kommunikation zwischen Präsident und Volk",
räsonnierte die NZZ. Die vertrauensstörende Maßnahme Clintons
in der TV-Einwegkommunikation wurde jedoch von den Konsumenten des Spektakels
offensichtlich nicht ernst genommen, wie die ungebrochene Un-terstützung
Clintons in den Umfragen nahelegt.
Warum auch hätte ein so erfolgreicher
Manager des Kapitalismus wie Clinton über die Affäre stolpern
sollen? Wer eignet sich besser für die schwere Aufgabe der Krisenverwaltung
als er, der die spektakuläre Unterstützung des Großteils
der Staatsbürger genießt - obwohl er nicht einmal die Einführung
einer Krankenversicherung durchgesetzt hat? Und sobwohl er so erfolgreich
die Themen der Republikaner besetzte - Einschränkungen in der Sozialhilfe,
dafür mehr Gefäng-nisse, mehr Polizei, mehr Hinrichtungen?
Clinton ist einer der Parvenus der
68er Bewegung. Er ist typisch für die, die gestern noch die Universität
kritisierten, um dann Professoren zu werden; die das Ende der Kunst verkündeten,
um als Künstler zu reüssieren; die skandierten: "Brecht dem Staat
die Gräten, alle Macht den Räten", um sich schließlich
auf dem Präsidentensessel oder im Bundestag niederzulassen. Clinton
ist einer, der gestern am Joint nuckelte und heute erklärt, er habe
dabei doch gar nicht inhaliert. Der gestern gegen den Vietnamkrieg demonstrierte
und heute Bomben auf Basra und Khartum regnen läßt. Genau diese
neue, äußerst flexible Form der Doppelmoral, die die starre,
bürgerliche ablöst, ist der nach 68 modernisierten Herrschaft
angemessen.
Statt in Jubel über die erfolgreiche
Abwehr eines rechten Coups auszubrechen, wäre es angebracht, dem US-Präsidenten
fröhlich - in Abwandlung eines alten, politisch höchst unkorrekten
Ausdrucks der Verachtung - zuzurufen: Suck my Bill! |