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17. Februar 1999 Jungle World

Übungen für Konsumenten

Wenn die menschlichen Beziehungen längst verdinglichte Beziehungen sind, wie viele kommen dann noch zu den Dingen?

Auf den Armen lastet der Fluch des Tantalus. Verurteilt zu Hunger und Durst, sind sie zugleich dazu verurteilt, ständig die Delikatessen bewundern zu müssen, die ihnen die Werbung feilbietet. Doch wenn sie die Hand nach ihnen ausstrecken oder den Mund öffnen, erlischt der ganze Zauber. Und sollten sie mit Gewalt doch einmal eins dieser Wunderdinge zu fassen kriegen, enden sie im Knast oder auf dem Friedhof.

Wunderdinge aus Plastik, Träume aus Plastik. Aus Plastik ist das Paradies, welches das Fernsehen allen verspricht und einigen wenigen vorbehält. In seinem Dienste stehen wir. In dieser Gesellschaft, in der die Dinge immer mehr und die Personen immer weniger wert sind, sind die Zwecke von den Mitteln in Geiselhaft genommen worden: Die Dinge kaufen dich, das Auto fährt dich, der Computer programmiert dich, das Fernsehen beobachtet dich.

(Ö) Zu Beginn des 14. Jahrhunderts verfaßte Fra Giordano da Rivalto in Florenz eine Eloge auf die Städte. Er erklärte, daß die Städte wüchsen, "weil es den Leuten zu Gefallen ist, zueinander zu kommen". Zueinander kommen, sich zusammentun. Doch was kommt heute noch zu wem? Etwa die Hoffnung zur Wirklichkeit? Kommt das Begehren noch mit der Welt zusammen? Und die Leute mit anderen Leuten? Wenn die menschlichen Beziehungen längst verdinglichte Beziehungen sind, wie viele kommen dann noch zu den Dingen?

Die ganze Welt ist dabei, zu einer einzigen großen Mattscheibe zu werden, wo man die Dinge anschauen, aber nicht berühren darf. Das Warenangebot erobert und privatisiert die öffentlichen Räume. Die Bus- und Bahnstationen, die bis vor kurzem noch Orte der Begegnung zwischen Personen waren, verwandeln sich immer mehr in kommerzielle Ausstellungszentren. 

Das Shopping Center oder die Shopping Mall, die Mutter aller Schaufenster, setzt sich mit Macht überall durch. Die Massen strömen in großen Wallfahrtszügen zu diesem Tempel für die Messen des Konsums. Die Mehrzahl der Gläubigen bestaunt in Ekstase die Dinge, die ihre Brieftaschen nicht bezahlen können, während eine kaufkräftige Minderheit sich dem Bombardement des unaufhörlichen und aufreibenden Warenangebots aussetzt. Die Menschenmenge, die auf den Rolltreppen hinauf- und hinunterfährt, bereist zugleich die Welt: die Schaufensterpuppen tragen das gleiche wie in Mailand und Paris, und der Sound der Maschinen ist derselbe wie in Chicago; unnötig, noch eine Fahrkarte zu lösen, um hören und sehen zu können.

Die Touristen vom Lande oder aus den Städten, die noch nicht vom Segen modernen Glücks ereilt worden sind, posieren vor den berühmtesten internationalen Markenprodukten fürs Familienalbum, so wie sie früher am Fuße des jeweiligen Reiterstandbilds auf den Plätzen posiert haben. Beatriz Sarlo hat festgestellt, daß die Bewohner aus den Vororten zu den Shopping Centers fahren, so wie sie früher einmal in die Zentren gefahren sind. Der traditionelle Wochenendausflug in die Innenstädte ist der Exkursion zu den neuen urbanen Oasen gewichen. Frisch gewaschen, gebügelt und gestriegelt, im besten Ausgehkostüm, erscheinen diese Besucher auf einem Fest, zu dem man sie nicht eingeladen hat, aber auf dem sie wenigstens zuschauen dürfen. Ganze Familien machen sich mit der Raumkapsel auf die Reise durch das Universum des Konsums, jene halluzinogene Welt aus Modellen, Marken und Etiketten, die von der Ästhetik des Marktes entworfen wurde.

Die Konsumkultur, Kultur des Ephemeren, verurteilt alles und jeden zum sofortigen Verschleiß. Alles verändert sich im abgründigen Rhythmus der Mode, immer im Dienste der Verkäuflichkeit. Die Dinge altern in der Zeitspanne eines Wimpernschlags, um durch andere Dinge mit noch flüchtigerer Lebensspanne ersetzt zu werden. In diesem Fin de siècle, in dem die Unsicherheit das einzig Gesicherte ist, sind die Waren, die von Anfang an für den Ausschuß produziert werden, so vergänglich wie das Kapital, das sie finanziert, und wie die Arbeit, mit der sie hergestellt werden.

Das Geld bewegt sich mit Lichtgeschwindigkeit fort; gestern war es dort, heute hier und morgen wer weiß wo; jeder Arbeiter ist ein virtueller Arbeitsloser. Paradoxerweise bieten uns die Shopping Centers, diese Imperien der Vergänglichkeit, die erfolgreichste Illusion der Sicherheit. Sie existieren außerhalb der Zeit, sind ohne Alter und ohne Wurzeln, es gibt weder Tag noch Nacht noch Gedächtnis; und ebenso existieren sie außerhalb des Raumes, weitab von den Turbulenzen der gefährlichen Wirklichkeit der Welt.

Alles kann man in diesen Sakralräumen des Wohlstands erledigen, ohne dafür in das schmutzige und bedrohliche Unwetter der Außenwelt heraustreten zu müssen. Nicht einmal zum Schlafen muß man sie verlassen, jedenfalls nicht die allerneuesten Modelle von Shoppings aus Los Angeles oder Las Vegas, mit Hotelbetrieb und Fitneßstudios inklusive. Die Shoppings, in denen wir die Hitze ebensowenig bemerken wie die Kälte, sind auch gefeit gegen Schmutz und Gewalt. Michael A. Petti veröffentlicht seine wissenschaftlichen Ratschläge in einer vielgelesenen Serie namens "Live More". In den Städten "mit schlechter Luftqualität" rät Dr. Petti denjenigen unter uns, die mehr leben wollen: "Gehen Sie in Einkaufszentren spazieren."

Der Atompilz der Luftverschmutzung hängt über Städten wie México D.F., S‹o Paulo oder Santiago de Chile, und an jeder Ecke lauert die Gewalt; doch in jener frigiden Welt außerhalb der Welt, mit aseptischer Belüftungs- und bewachter Spazieranlage, kann man risikofrei atmen und wandern und kaufen.

Alle Shoppings sind mehr oder weniger identisch, sei es in Los Angeles, in Bangkok, in Buenos Aires oder in Glasgow. Diese Uniformität hindert sie freilich nicht daran, mit der Erfindung neuer Publikumsmagneten um die Kundschaft zu buhlen. So feierte die Zeitschrift Veja Ende 1991 eine der Neuheiten des Shoppings Praia de Belas in Porto Alegre mit den Worten: "Für den Komfort der Babys stehen Kinderwägelchen bereit, damit der Einkaufsbummel auch für diese kleinen Konsumenten so angenehm wie möglich ist."

Der wichtigste Artikel im Angebot der Shopping Centers jedoch ist die Sicherheit. Sicherheit, einen Luxusartikel, kann sich jeder leisten, er muß sich nur in diese Bunker begeben. In ihrer unendlichen Großzügigkeit beschenkt uns die Konsumkultur freimütig mit dem Einreisevisum, das uns die Flucht aus der Hölle der Straße erlaubt. Umgeben von riesigen Parkplätzen, wo die Autos auf uns warten, bieten diese Inseln geschlossene Schutzräume. Hier begegnen sich die Leute, gemeinsam angelockt vom Ruf des Konsums, so wie sie einander früher, gemeinsam angelockt durch den Wunsch, andere Leute zu treffen, in den Cafés oder auf den öffentlichen Plätzen, den Parks und auf den alten Märkten begegnet sind: Heute sind diese offenen Räume allzu sehr den Risiken der städtischen Gewalt ausgesetzt. In den Shoppings gibt es keine Gefahr.

Die staatliche und die private Polizei, die sichtbaren und die unsichtbaren Ordnungskräfte, kümmern sich darum, alle etwaigen Verdächtigen auf die Straße oder ins Gefängnis zu werfen. Die Armen, die ihre angeborene Gefährlichkeit nicht zu bemänteln wissen, also vor allem die Armen mit dunkler Hautfarbe, sind so lange schuldig, wie sie nicht ihre Unschuld nachgewiesen haben. Wenn es sich um Kinder handelt, um so schlimmer. Die Gefährlichkeit steht in umgekehrt proportionalem Verhältnis zum Alter.

Bereits 1979 erklärte die kolumbianische Polizei in einem Bericht für den südamerikanischen Polizeikongreß, daß die Kinderpolizei keinen anderen Ausweg gesehen habe, als ihr karitatives Werk zu beenden und "mit einem entschlossenen Schnitt die Untaten" der gefährlichen Minderjährigen zu unterbinden, damit "die Störungen ein Ende haben, die ihre Anwesenheit in den Einkaufszentren hervorruft".

Diese gigantischen Supermärkte, die längst zu Miniaturstädten geworden sind, werden zudem von elektronischen Kontrollsystemen überwacht, von Augen, die sehen, ohne gesehen zu werden, von versteckten Kameras, die die Bewegungen der Massen von einer Ware zur nächsten registrieren. Doch die Elektronik dient nicht nur der Überwachung und Bestrafung jener unerwünschten Gäste, die der Versuchung durch die verbotenen Früchte nicht widerstehen können. Die moderne Technologie dient auch dazu, daß die Konsumenten noch mehr konsumieren.

Im Cyberzeitalter, in dem die Bürgerrechte unmittelbar an die Konsumpflicht gebunden sind, spionieren die großen Unternehmen die Konsumenten aus und bombardieren sie mit ihren Werbebotschaften. Die Computer liefern ein Röntgenbild jedes einzelnen Bürgers. Man kann die Gebräuche, den Geschmack und die Ausgaben jedes einzelnen in Erfahrung bringen, indem man untersucht, welchen Gebrauch er von Kreditkarten, Geldautomaten und von E-Mail und Internet macht.

In den am meisten entwickelten Ländern kann durch die kommerzielle Manipulierung des Online-Universums ungestraft das Privatleben vergewaltigt und in den Dienst des Marktes gestellt werden. So wird es zum Beispiel für einen US-Staatsbürger immer schwieriger, seine Einkäufe geheimzuhalten, seine Krankheiten, seinen Kontostand und seine Schulden: Auf der Grundlage dieser Daten läßt sich unschwer voraussagen, welche Dienstleistungen er künftig in Anspruch nehmen, wie hohe Schulden er machen und wie viele neue Produkte er kaufen wird. 

Doch so viel jeder einzelne auch kaufen mag, es bleibt immer zu wenig im Vergleich zu dem, was verkauft werden muß. In den letzten Jahren hat beispielsweise die Automobilindustrie mehr Fahrzeuge produziert, als die Nachfrage absorbieren kann. Die großen lateinamerikanischen Städte konsumieren mehr und mehr Autos. Wie lange noch? Es gibt eine Obergrenze, die sie nicht mehr werden überschreiten können, da sie dem Widerspruch zwischen den Anweisungen, die der interne Markt empfängt, und denen, die vom internationalen Markt ausgehen, unterworfen sind: dem Widerspruch zwischen dem Konsumzwang, für den immer höhere Löhne notwendig sind, und der Konkurrenzfähigkeit, für die es immer niedrigere Löhne braucht.

Die Werbung, um ein Beispiel zu nennen, preist uns das Auto als Wohltat für alle an. Das Auto, ein allgemeines Grundrecht, eine demokratische Eroberung? Träfe dies zu und alle Erdenbürger würden zu glücklichen Besitzern eines solchen Talismans auf vier Rädern, so würde der Planet an Sauerstoffmangel ersticken. (Ö)

Die Herren der Welt benutzen diese, als sei sie ein Wegwerfprodukt: eine Ware von flüchtiger Lebensdauer, die ebenso schnell verfällt wie die Bilder, die vom Fernsehen mit der Geschwindigkeit einer Maschinengewehrsalve herausgeschossen werden, oder die Moden und die Idole, die ohne Unterlaß von der Werbung auf den Markt geworfen werden. Aber auf welche andere Welt sollen wir eigentlich umziehen?

Sind wir wirklich gezwungen, alle an das Märchen zu glauben, Gott habe die Welt soundsovielen Unternehmen verkauft, weil er einmal schlecht drauf war und beschloß, das Universum zu privatisieren? Die Konsumgesellschaft ist eine Falle für Leichtgläubige. Diejenigen, die am Steuer sitzen, tun so, als wüßten sie von nichts; dabei kann jeder, der Augen im Kopf hat, sehen, daß die übergroße Mehrheit der Leute kaum oder überhaupt nicht konsumiert, und zwar notwendigerweise, um so die Existenz des bißchen Natur zu garantieren, die uns noch bleibt. Die soziale Ungerechtigkeit ist kein Systemfehler, der korrigiert oder überwunden werden müßte: Sie ist eine grundlegende Notwendigkeit. Es gibt keine Natur, die fähig wäre, ein Shopping Center von der Größe des Planeten zu ernähren.

Die Präsidenten der südlichen Länder, die uns den Aufstieg zur Ersten Welt versprechen, ein Zauberkunststück, das uns alle zu glücklichen Insassen im Imperium der Prasserei machen würde, gehörten wegen Betruges und Beihilfe zum Verbrechen vor Gericht gestellt. Wegen Betruges, weil sie das Unmögliche versprechen. Würden wir alle konsumieren wie es diejenigen tun, die die Welt auspressen, gäbe es bald keine Welt mehr. Und wegen Beihilfe zum Verbrechen, weil dieses Lebensmodell, das uns als der ganz große Orgasmus angepriesen wird, weil dieses Delirium des Konsums, das sich als Garderobenmarke der Glückseligkeit ausgibt, unseren Körper krank macht, unsere Seelen vergiftet und uns ohne Behausung zurückläßt: ohne jenes Haus, das die Welt sein wollte, als sie noch keins war.

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