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Übungen für Konsumenten
Wenn die menschlichen Beziehungen
längst verdinglichte Beziehungen sind, wie viele kommen dann noch
zu den Dingen?
Auf den Armen lastet der Fluch des
Tantalus. Verurteilt zu Hunger und Durst, sind sie zugleich dazu verurteilt,
ständig die Delikatessen bewundern zu müssen, die ihnen die Werbung
feilbietet. Doch wenn sie die Hand nach ihnen ausstrecken oder den Mund
öffnen, erlischt der ganze Zauber. Und sollten sie mit Gewalt doch
einmal eins dieser Wunderdinge zu fassen kriegen, enden sie im Knast oder
auf dem Friedhof.
Wunderdinge aus Plastik, Träume
aus Plastik. Aus Plastik ist das Paradies, welches das Fernsehen allen
verspricht und einigen wenigen vorbehält. In seinem Dienste stehen
wir. In dieser Gesellschaft, in der die Dinge immer mehr und die Personen
immer weniger wert sind, sind die Zwecke von den Mitteln in Geiselhaft
genommen worden: Die Dinge kaufen dich, das Auto fährt dich, der Computer
programmiert dich, das Fernsehen beobachtet dich.
(Ö) Zu Beginn des 14. Jahrhunderts
verfaßte Fra Giordano da Rivalto in Florenz eine Eloge auf die Städte.
Er erklärte, daß die Städte wüchsen, "weil es den
Leuten zu Gefallen ist, zueinander zu kommen". Zueinander kommen, sich
zusammentun. Doch was kommt heute noch zu wem? Etwa die Hoffnung zur Wirklichkeit?
Kommt das Begehren noch mit der Welt zusammen? Und die Leute mit anderen
Leuten? Wenn die menschlichen Beziehungen längst verdinglichte Beziehungen
sind, wie viele kommen dann noch zu den Dingen?
Die ganze Welt ist dabei, zu einer
einzigen großen Mattscheibe zu werden, wo man die Dinge anschauen,
aber nicht berühren darf. Das Warenangebot erobert und privatisiert
die öffentlichen Räume. Die Bus- und Bahnstationen, die bis vor
kurzem noch Orte der Begegnung zwischen Personen waren, verwandeln sich
immer mehr in kommerzielle Ausstellungszentren.
Das Shopping Center oder die Shopping
Mall, die Mutter aller Schaufenster, setzt sich mit Macht überall
durch. Die Massen strömen in großen Wallfahrtszügen zu
diesem Tempel für die Messen des Konsums. Die Mehrzahl der Gläubigen
bestaunt in Ekstase die Dinge, die ihre Brieftaschen nicht bezahlen können,
während eine kaufkräftige Minderheit sich dem Bombardement des
unaufhörlichen und aufreibenden Warenangebots aussetzt. Die Menschenmenge,
die auf den Rolltreppen hinauf- und hinunterfährt, bereist zugleich
die Welt: die Schaufensterpuppen tragen das gleiche wie in Mailand und
Paris, und der Sound der Maschinen ist derselbe wie in Chicago; unnötig,
noch eine Fahrkarte zu lösen, um hören und sehen zu können.
Die Touristen vom Lande oder aus
den Städten, die noch nicht vom Segen modernen Glücks ereilt
worden sind, posieren vor den berühmtesten internationalen Markenprodukten
fürs Familienalbum, so wie sie früher am Fuße des jeweiligen
Reiterstandbilds auf den Plätzen posiert haben. Beatriz Sarlo hat
festgestellt, daß die Bewohner aus den Vororten zu den Shopping Centers
fahren, so wie sie früher einmal in die Zentren gefahren sind. Der
traditionelle Wochenendausflug in die Innenstädte ist der Exkursion
zu den neuen urbanen Oasen gewichen. Frisch gewaschen, gebügelt und
gestriegelt, im besten Ausgehkostüm, erscheinen diese Besucher auf
einem Fest, zu dem man sie nicht eingeladen hat, aber auf dem sie wenigstens
zuschauen dürfen. Ganze Familien machen sich mit der Raumkapsel auf
die Reise durch das Universum des Konsums, jene halluzinogene Welt aus
Modellen, Marken und Etiketten, die von der Ästhetik des Marktes entworfen
wurde.
Die Konsumkultur, Kultur des Ephemeren,
verurteilt alles und jeden zum sofortigen Verschleiß. Alles verändert
sich im abgründigen Rhythmus der Mode, immer im Dienste der Verkäuflichkeit.
Die Dinge altern in der Zeitspanne eines Wimpernschlags, um durch andere
Dinge mit noch flüchtigerer Lebensspanne ersetzt zu werden. In diesem
Fin de siècle, in dem die Unsicherheit das einzig Gesicherte ist,
sind die Waren, die von Anfang an für den Ausschuß produziert
werden, so vergänglich wie das Kapital, das sie finanziert, und wie
die Arbeit, mit der sie hergestellt werden.
Das Geld bewegt sich mit Lichtgeschwindigkeit
fort; gestern war es dort, heute hier und morgen wer weiß wo; jeder
Arbeiter ist ein virtueller Arbeitsloser. Paradoxerweise bieten uns die
Shopping Centers, diese Imperien der Vergänglichkeit, die erfolgreichste
Illusion der Sicherheit. Sie existieren außerhalb der Zeit, sind
ohne Alter und ohne Wurzeln, es gibt weder Tag noch Nacht noch Gedächtnis;
und ebenso existieren sie außerhalb des Raumes, weitab von den Turbulenzen
der gefährlichen Wirklichkeit der Welt.
Alles kann man in diesen Sakralräumen
des Wohlstands erledigen, ohne dafür in das schmutzige und bedrohliche
Unwetter der Außenwelt heraustreten zu müssen. Nicht einmal
zum Schlafen muß man sie verlassen, jedenfalls nicht die allerneuesten
Modelle von Shoppings aus Los Angeles oder Las Vegas, mit Hotelbetrieb
und Fitneßstudios inklusive. Die Shoppings, in denen wir die Hitze
ebensowenig bemerken wie die Kälte, sind auch gefeit gegen Schmutz
und Gewalt. Michael A. Petti veröffentlicht seine wissenschaftlichen
Ratschläge in einer vielgelesenen Serie namens "Live More". In den
Städten "mit schlechter Luftqualität" rät Dr. Petti denjenigen
unter uns, die mehr leben wollen: "Gehen Sie in Einkaufszentren spazieren."
Der Atompilz der Luftverschmutzung
hängt über Städten wie México D.F., S‹o Paulo oder
Santiago de Chile, und an jeder Ecke lauert die Gewalt; doch in jener frigiden
Welt außerhalb der Welt, mit aseptischer Belüftungs- und bewachter
Spazieranlage, kann man risikofrei atmen und wandern und kaufen.
Alle Shoppings sind mehr oder weniger
identisch, sei es in Los Angeles, in Bangkok, in Buenos Aires oder in Glasgow.
Diese Uniformität hindert sie freilich nicht daran, mit der Erfindung
neuer Publikumsmagneten um die Kundschaft zu buhlen. So feierte die Zeitschrift
Veja Ende 1991 eine der Neuheiten des Shoppings Praia de Belas in Porto
Alegre mit den Worten: "Für den Komfort der Babys stehen Kinderwägelchen
bereit, damit der Einkaufsbummel auch für diese kleinen Konsumenten
so angenehm wie möglich ist."
Der wichtigste Artikel im Angebot
der Shopping Centers jedoch ist die Sicherheit. Sicherheit, einen Luxusartikel,
kann sich jeder leisten, er muß sich nur in diese Bunker begeben.
In ihrer unendlichen Großzügigkeit beschenkt uns die Konsumkultur
freimütig mit dem Einreisevisum, das uns die Flucht aus der Hölle
der Straße erlaubt. Umgeben von riesigen Parkplätzen, wo die
Autos auf uns warten, bieten diese Inseln geschlossene Schutzräume.
Hier begegnen sich die Leute, gemeinsam angelockt vom Ruf des Konsums,
so wie sie einander früher, gemeinsam angelockt durch den Wunsch,
andere Leute zu treffen, in den Cafés oder auf den öffentlichen
Plätzen, den Parks und auf den alten Märkten begegnet sind: Heute
sind diese offenen Räume allzu sehr den Risiken der städtischen
Gewalt ausgesetzt. In den Shoppings gibt es keine Gefahr.
Die staatliche und die private Polizei,
die sichtbaren und die unsichtbaren Ordnungskräfte, kümmern sich
darum, alle etwaigen Verdächtigen auf die Straße oder ins Gefängnis
zu werfen. Die Armen, die ihre angeborene Gefährlichkeit nicht zu
bemänteln wissen, also vor allem die Armen mit dunkler Hautfarbe,
sind so lange schuldig, wie sie nicht ihre Unschuld nachgewiesen haben.
Wenn es sich um Kinder handelt, um so schlimmer. Die Gefährlichkeit
steht in umgekehrt proportionalem Verhältnis zum Alter.
Bereits 1979 erklärte die kolumbianische
Polizei in einem Bericht für den südamerikanischen Polizeikongreß,
daß die Kinderpolizei keinen anderen Ausweg gesehen habe, als ihr
karitatives Werk zu beenden und "mit einem entschlossenen Schnitt die Untaten"
der gefährlichen Minderjährigen zu unterbinden, damit "die Störungen
ein Ende haben, die ihre Anwesenheit in den Einkaufszentren hervorruft".
Diese gigantischen Supermärkte,
die längst zu Miniaturstädten geworden sind, werden zudem von
elektronischen Kontrollsystemen überwacht, von Augen, die sehen, ohne
gesehen zu werden, von versteckten Kameras, die die Bewegungen der Massen
von einer Ware zur nächsten registrieren. Doch die Elektronik dient
nicht nur der Überwachung und Bestrafung jener unerwünschten
Gäste, die der Versuchung durch die verbotenen Früchte nicht
widerstehen können. Die moderne Technologie dient auch dazu, daß
die Konsumenten noch mehr konsumieren.
Im Cyberzeitalter, in dem die Bürgerrechte
unmittelbar an die Konsumpflicht gebunden sind, spionieren die großen
Unternehmen die Konsumenten aus und bombardieren sie mit ihren Werbebotschaften.
Die Computer liefern ein Röntgenbild jedes einzelnen Bürgers.
Man kann die Gebräuche, den Geschmack und die Ausgaben jedes einzelnen
in Erfahrung bringen, indem man untersucht, welchen Gebrauch er von Kreditkarten,
Geldautomaten und von E-Mail und Internet macht.
In den am meisten entwickelten Ländern
kann durch die kommerzielle Manipulierung des Online-Universums ungestraft
das Privatleben vergewaltigt und in den Dienst des Marktes gestellt werden.
So wird es zum Beispiel für einen US-Staatsbürger immer schwieriger,
seine Einkäufe geheimzuhalten, seine Krankheiten, seinen Kontostand
und seine Schulden: Auf der Grundlage dieser Daten läßt sich
unschwer voraussagen, welche Dienstleistungen er künftig in Anspruch
nehmen, wie hohe Schulden er machen und wie viele neue Produkte er kaufen
wird.
Doch so viel jeder einzelne auch
kaufen mag, es bleibt immer zu wenig im Vergleich zu dem, was verkauft
werden muß. In den letzten Jahren hat beispielsweise die Automobilindustrie
mehr Fahrzeuge produziert, als die Nachfrage absorbieren kann. Die großen
lateinamerikanischen Städte konsumieren mehr und mehr Autos. Wie lange
noch? Es gibt eine Obergrenze, die sie nicht mehr werden überschreiten
können, da sie dem Widerspruch zwischen den Anweisungen, die der interne
Markt empfängt, und denen, die vom internationalen Markt ausgehen,
unterworfen sind: dem Widerspruch zwischen dem Konsumzwang, für den
immer höhere Löhne notwendig sind, und der Konkurrenzfähigkeit,
für die es immer niedrigere Löhne braucht.
Die Werbung, um ein Beispiel zu
nennen, preist uns das Auto als Wohltat für alle an. Das Auto, ein
allgemeines Grundrecht, eine demokratische Eroberung? Träfe dies zu
und alle Erdenbürger würden zu glücklichen Besitzern eines
solchen Talismans auf vier Rädern, so würde der Planet an Sauerstoffmangel
ersticken. (Ö)
Die Herren der Welt benutzen diese,
als sei sie ein Wegwerfprodukt: eine Ware von flüchtiger Lebensdauer,
die ebenso schnell verfällt wie die Bilder, die vom Fernsehen mit
der Geschwindigkeit einer Maschinengewehrsalve herausgeschossen werden,
oder die Moden und die Idole, die ohne Unterlaß von der Werbung auf
den Markt geworfen werden. Aber auf welche andere Welt sollen wir eigentlich
umziehen?
Sind wir wirklich gezwungen, alle
an das Märchen zu glauben, Gott habe die Welt soundsovielen Unternehmen
verkauft, weil er einmal schlecht drauf war und beschloß, das Universum
zu privatisieren? Die Konsumgesellschaft ist eine Falle für Leichtgläubige.
Diejenigen, die am Steuer sitzen, tun so, als wüßten sie von
nichts; dabei kann jeder, der Augen im Kopf hat, sehen, daß die übergroße
Mehrheit der Leute kaum oder überhaupt nicht konsumiert, und zwar
notwendigerweise, um so die Existenz des bißchen Natur zu garantieren,
die uns noch bleibt. Die soziale Ungerechtigkeit ist kein Systemfehler,
der korrigiert oder überwunden werden müßte: Sie ist eine
grundlegende Notwendigkeit. Es gibt keine Natur, die fähig wäre,
ein Shopping Center von der Größe des Planeten zu ernähren.
Die Präsidenten der südlichen
Länder, die uns den Aufstieg zur Ersten Welt versprechen, ein Zauberkunststück,
das uns alle zu glücklichen Insassen im Imperium der Prasserei machen
würde, gehörten wegen Betruges und Beihilfe zum Verbrechen vor
Gericht gestellt. Wegen Betruges, weil sie das Unmögliche versprechen.
Würden wir alle konsumieren wie es diejenigen tun, die die Welt auspressen,
gäbe es bald keine Welt mehr. Und wegen Beihilfe zum Verbrechen, weil
dieses Lebensmodell, das uns als der ganz große Orgasmus angepriesen
wird, weil dieses Delirium des Konsums, das sich als Garderobenmarke der
Glückseligkeit ausgibt, unseren Körper krank macht, unsere Seelen
vergiftet und uns ohne Behausung zurückläßt: ohne jenes
Haus, das die Welt sein wollte, als sie noch keins war. |