Bauernopfer für Europa
Mit Traktoren und Mistgabeln wollen
Landwirte in Brüssel demonstrieren. Dort wird jetzt über die
künftige EU-Agrarpolitik entschieden
Europas Bauern machen mobil. Rund
30 000 wollen am kommenden Montag mit Mistgabeln und Traktoren das Treffen
der Landwirtschaftsminister in Brüssel begleiten. Dort sollen die
letzten Weichen für die seit anderthalb Jahren diskutierte "Agenda
2000" gestellt werden. Und mit dem, was bislang auf dem EU-Verhandlungstisch
liegt, ist ein Großteil der bäuerlichen Welt nicht einverstanden.
Von Ost bis West sind sich die Landwirte einig, daß diese Agenda
den Bauern in Europa den Rest geben wird.
Dabei soll die Agenda 2000 zukunftsweisend
sein für die EU-Politik des nächsten Jahrtausends. Bereits im
Juli 1997 legte die Kommission auf der Tagung des Europäischen Rates
in Berlin den Entwurf vor, am 24. und 25. März soll nun darüber
entschieden werden. Dabei stellt die gemeinsame Agrarpolitik (GAP) bislang
den einzigen Bereich dar, der öffentlich stark diskutiert wird. Denn
neben der Reform des Agrarpolitik sieht die Agenda noch zwei weitere Aufgaben
vor: Sie definiert die geplante Osterweiterung sowie den Finanzrahmen der
EU für die Zeit von 2000 bis 2006.
Nachdem bereits nach der ersten
Vorstellung die Gemüter kochten, präzisierte die Kommission im
März letzten Jahres ihre Vorschläge: Die europäische Landwirtschaft
muß fit werden für den Weltmarkt. Die EU will deshalb die bislang
garantierten Preise für Rindfleisch, Milch und Getreide um bis zu
30 Prozent senken. Als Ausgleich für die Einbußen sieht die
Kommission Direktsubventionen für die betroffenen Betriebe vor. "Diese
Maßnahme ist notwendig", erklärte der für den Bereich Landwirtschaft
zuständige Kommissar Franz Fischler auf der Grünen Woche in Berlin,
"denn aufgrund unserer internationalen Verpflichtungen ist es ab 2003 verboten,
die Agrarproduktion zu subventionieren".
Er bezieht sich damit auf den Liberalisierungskurs
der internationalen Handelsorganisation (WTO): Diese will im nächsten
Jahrtausend keine künstlichen Verbilligungen von Exportgütern
mehr sehen. "Ohne Reform werden wir schnell vor neuen Fleisch- und Getreidebergen,
unsinnigen Ausgaben und drastischen Produktionsauflagen stehen", sagte
Fischler weiter.
Die Agenda sieht nun vor, daß
Ausgleichszahlungen an Umweltauflagen gebunden werden können. Zusätzlich
soll die Summe pro Betrieb nach oben hin begrenzt werden. Gerade diese
beiden Punkte waren es, die vor allem den Ex-Landwirtschaftsminister Wolfgang
Borchert auf die Palme brachten. "Wachstumsbetriebe" würden benachteiligt,
wetterte er und sah gleichzeitig "Milliardenverluste" auf die Landwirtschaft
zukommen.
Borchert kündigte ein deutsches
Veto in Sachen Agenda 2000 an. Auch der von Brüssel vorgelegte Finanzplan
stieß auf Widerstand. Beim Geld höre die Freundschaft auf, erklärte
auch der frisch-gewählte Bundeskanzler Gerhard Schröder Mitte
Dezember vor dem Regierungsrat in Wien. Weil Deutschland wegen seines hohen
Bruttoinlandsprodukts derzeit rund 28,2 Prozent des europäischen Haushalts
bestreitet, jedoch nur 12,8 Prozent zurückfließen, würde
man hierzulande die Art und Weise, wie die Beitragssummen berechnet werden,
gerne geändert sehen.
Wie stark der Einfluß der
deutschen Lobby in Brüssel ist, konnte der ehemalige Landwirtschaftsminister
Wolfgang Borchert (CDU) noch während seiner Amtszeit unter Beweis
stellen: Er sicherte das Beibehalten der sogenannten Silomaisprämie
- das sind rund 500 Millionen DM, von denen die Hälfte nach Deutschland
fließt. Die Kommission wollte die Prämie abschaffen. Daß
der neue Verhandlungstext die Prämie jetzt wieder vorsieht, zeigt
zugleich auch die schizophrene Seite der Agenda. Denn gerade die Unterstützung
des Maisanbaus fördert die intensive Landwirtschaft: Bauern, die,
statt Mais zu verfüttern, ihre Bullen und Kühe auf die Weide
schicken, bekommen keine Prämien.
Unter der deutschen EU-Präsidentschaft
leitet der neue Landwirtschaftsminister Karl-Heinz Funke (SPD) nun die
Verhandlungen. Der hat nach dem Vorbereitungstreffen des EU-Agrarrats Mitte
Januar eine "deutliche Verengung der Diskussion" festgestellt - die südlichen
Mitgliedsstaaten wie Spanien und Portugal, aber auch Frankreich und Dänemark
lehnen die deutschen Vorschläge bisher vehement ab. Im Europarlament
wurden bereits über 500 Änderungsanträge zu den von der
Kommission vorgeschlagenen Agrarreformplänen eingereicht.
Der harsche Widerspruch ist nicht
verwunderlich; immerhin geht es im Agrarbereich um rund 80 Milliarden DM
- die Hälfte des gesamten EU-Haushalts ist an die GAP gebunden. Und
es geht um Arbeitsplätze, ganz besonders in Osteuropa. In den 15 EU-Mitgliedsstaaten
arbeiten derzeit noch rund acht Millionen Menschen im Agrarsektor - 1958
waren es 16 Millionen, die allein in den sechs Gründerstaaten der
EWG in der Landwirtschaft tätig waren.
Die ständige Subventionen aus
Brüssel stößt derweil beim nicht-bäuerlichen Teil
der europäischen Bevölkerung immer weniger auf Verständnis.
"Die Reformvorschläge verfolgen das Ziel, die Landwirtschaft mit den
EU-Bürgern zu versöhnen", sagt deshalb EU-Kommissar Franz Fischler,
"denn die Bauern werden dazu verpflichtet, konkrete Umwelt- und Tierschutzstandards
einzuhalten." Ein Grund, wieso die Agenda an anderer Stelle Zustimmung
findet: Umweltverbände und Biobauern begrüßen einige der
vorgeschlagenen Maßnahmen.
Friedrich-Wilhelm Graefe zu Baringdorf,
Abgeordneter der Grünen im Europaparlament und Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft
bäuerliche Landwirtschaft (AbL), nennt die Agenda "ein Schritt in
die richtige Richtung". Er beklagt vor allem, daß bislang 40 Prozent
der Brüsseler Prämien an die vier Prozent der Betriebe mit den
größten Flächen gehen - ausgerechnet an die Höfe also,
die es am wenigsten nötig haben. Deshalb will der EU-Abgeordnete künftig
die Unterstützungen daran bemessen, wieviel Arbeitskräfte in
einem landwirtschaftlichen Betrieb beschäftigt sind. Je mehr Menschen
auf einem Hof arbeiten, desto höher die ausgezahlten Subventionen.
Noch ist sein Vorschlag nicht gestrichen,
allerdings könnte es damit wie mit anderen "fortschrittlicheren" Teilen
der Agenda gehen: Ökologische oder soziale Auflagen kommen nur als
Kann-Bestimmungen im Text vor. Es bleibt demnach den einzelnen Nationen
überlassen, ob sie diese Bestimmungen übernehmen oder nicht.
Denn der Tenor bleibt unumstritten: Orientierung auf den Weltmarkt und
die ist für EU-Bauern gefährlich. Denn was für sie besser
werden soll, wenn nicht mehr Brüssel bestimmt, was auf den Feldern
wächst, sondern statt dessen der Weltmarkt die Fruchtfolge diktiert,
konnte bislang kein EU-Vertreter plausibel erklären.
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