| Italien
will 250 000 Migranten legalisieren
Römischer Doppel-Paß
Von Marek Szepan
Viele der Reaktionen sind in Deutschland
bestens bekannt: Da wird gegen "Illegale" gepöbelt, die bereits da
seien; ein "neuer Massenansturm" wird beschworen, der Italien "überschwemme";
"der Rassismus" werde "geschürt", deswegen müsse man nun in die
Offensive gehen.
Auch die Ursache der Reaktionen
weist Ähnlichkeiten zur deutschen Situation auf: Die italienische
Mitte-Links-Regierung kündigte vergangene Woche an, mehreren hunderttausend
in Italien lebenden Menschen einen italienischen Paß zu geben, ohne
daß die Papiere aus den Herkunftsländern damit ungültig
würden. Die Voraussetzungen für die Einbürgerung könnten
von Otto Schily stammen: fester Wohnsitz, fester Arbeitsplatz, keine Einträge
im Strafregister.
Und doch ist alles anders. Es geht
nicht um Leute, die schon seit Jahrzehnten in Italien leben und nun für
ihr langes Steuerzahler-Dasein belohnt werden sollen, sondern um Flüchtlinge.
Innenministerin Russo Jervolino präsentierte eine Gesetzesvorlage,
nach der knapp 250 000 Flüchtlinge künftig legal in Italien leben
können. 38 000 Menschen werden jährlich durch ein Einwanderungsgesetz
integriert, 200 000 Migranten, die bis Ende des vergangenen Jahres einen
Aufnahmeantrag gestellt haben, dürfen auch bleiben.
Zudem sollen in Italien geborene
Kinder von Nicht-Italienern, wenn es nach Jervolino geht, hinzukommen.
Zwar müssen sie sich wohl irgendwann entscheiden; aber nicht für
die eine oder die andere Staatsangehörigkeit (wie es nach dem "liberalen"
Kompromißmodell in Deutschland diskutiert wird), sondern für
die italienische oder die doppelte Staatsangehörigkeit.
Italiens Rechte - von Forza Italia
bis zu den Neofaschisten der Alleanza Nazionale (AN) - läuft Sturm:
im Abgeordnetenhaus, in den Medien und demnächst vermutlich auch auf
den Straßen. Parlamentarische Kommissionen werden gefordert, die
Berlusconi-Presse sieht den Untergang Italiens nahen, Massendemonstrationen
werden vorbereitet. Auf die Idee, die rassistischen Teile der Bevölkerung
unter dem Motto "Ich bin nichts, ich kann nichts, ich geb' euch meine Unterschrift"
zu einer anderen Form aktiver Protest-Teilnahme zu bewegen, ist allerdings
noch niemand gekommen.
Das mag damit zu tun haben, daß
in den vergangenen Jahren Flüchtlinge in Italien meist anders begrüßt
wurden als in Deutschland: Fliegen zwischen Frankfurt/Oder und Frankfurt/Main
als Willkommensgruß traditionell Molotow-Cocktails oder zumindest
Fäuste, brachten viele Italiener Nahrungsmittel, ausgemusterte Kleidung
und Kinderspielzeug zu den Flüchtlingslagern.
Auch ein Teil der italienischen
Rechten zeigte sich bei solchen Anlässen von seiner besten Seite:
Mehrfach wurden AN-Bürgermeister aus dem Süden Italiens bei Bestechungsversuchen
beobachtet. Flüchtlinge sollten mit kleineren Geldsummen in die verlassenen
Dörfer des Mezzogiorno gelockt werden. Denn dort will sonst kaum noch
jemand für ein paar hundert Lire am Tag Oliven auflesen oder für
Unterkunft, Verpflegung und ein Taschengeld im Akkord malochen.
Nicht wenige albanische und kurdische
Flüchtlinge sind diesen Einladungen in die postfeudalen Ausbeutungsverhältnisse
des Mezzogiorno gefolgt. Den Migranten brachte dies zumindest die Sicherheit,
nicht wieder abgeschoben zu werden, den meist rechten Bürgermeistern
steigende Steuereinnahmen und Fördermittel aus Rom und Brüssel.
In so manchem Dorf des katholischen Südens wurde auch die traditionelle
Familienstruktur und der Kinderreichtum der Neuankömmlinge mit Freude
vermerkt.
Indem die italienische Regierung
nun den Status der Flüchtlinge legalisiert und ihnen mit dem italienischen
Paß auch Bewegungsfreiheit (innerhalb Italiens und der EU) garantiert,
zieht sie den Zorn der AN-Dorfoberen auf sich. Zusammen mit dem traditionellen
Blutsrassismus der Rest-AN, dem Wohlstandsrassismus der Lega Nord - der
schon ein Süditaliener zwischen Mailand und Verona ein "Wirtschaftsflüchtling"
zu viel ist - und dem kulturellen und Sicherheits-Rassismus der Forza Italia
ergibt sich wieder eine gemeinsame Basis der ansonsten verfeindeten Rechtsparteien.
Dennoch macht sich die italienische
Regierung zur Zeit weniger Sorgen um die eigene Rechte. Mehr Druck erwartet
Innenministerin Jervolino von der Linken aus den EU-Staaten - vor allem
aus Deutschland. |