Metall-Tarifkonflikt
Goldene Zeiten
Von Anton Landgraf
Bald könnte es wieder soweit
sein. In aller Herrgottsfrühe stehen die Metaller, in dekorative rote
Plastiksäckchen gekleidet, kämpferisch vor den Toren ihrer schwäbischen
oder bayerischen Betriebe. Sollte der letzte Schlichtungsversuch unter
der Leitung des Mehrzweckfunktionärs Hans-Jochen Vogel (SPD) scheitern,
beginnt vermutlich einer der letzten Arbeitskämpfe des Jahrzehnts.
Doch wie immer der Konflikt auch ausgeht, das "Goldene Zeitalter" (Eric
Hobsbawm) des Kapitalismus, die sozialdemokratische Integration durch Sozial-leistungen
und steigende Löhne, ist vorbei.
Schon seit Jahren hat die Vereinigung
der Proleten und Angestellten nicht mehr viel zu melden. Allein seit 1993
sind die Nettoeinkommen um rund sieben Prozent gesunken. Hingegen kletterten
die Unternehmensgewinne allein in diesem Jahr um 21 Prozent in die Höhe.
Tendenz: weiter steigend - von 16 Milliarden Mark (1997) auf 31 Milliarden
Mark im Jahr 2000.
Hinzu kommt die Auflösung der
Tarifstrukturen. In Ostdeutschland sind gerade noch 20 Prozent der Beschäftigten
vertraglich eingebunden; Gehälter, die oft nur knapp über der
Arbeitslosenhilfe liegen, gelten als normal. Und wer einen neuen Job gefunden
hat, pfeift in der Regel auf die Gewerkschaft. Die neuen "Selbständigen"
und prekär Beschäftigten treten, wenn überhaupt, nur noch
der Krankenkasse bei. Streik ist für sie ein Wort aus einem anderen
Leben.
Die Nachfrage nach der Ware Arbeit(skraft)
sinkt auch in anderen europäischen Ländern. In Großbritannien
versuchen die trade unions mühsam, wenigstens die sozialen Mindeststandards
einzuklagen, die einmal vor zwanzig oder dreißig Jahren galten. In
Frankreich ist der Organisationsgrad der syndicats einer der niedrigsten
im westlichen Europa.
Noch drastischer ist die Situation
in den zukünftigen östlichen EU-Beitrittsländern. In Mitteleuropa
werden rund 60 Prozent der Einkommen in informellen Beschäftigungsverhältnissen
erzielt. In den ökonomischen Musterländern Polen und Ungarn kostet
die Arbeitsstunde rund fünf Mark - und erreicht damit nicht einmal
die Hälfte des Niveaus von Portugal.
Es ist der reine Hohn: Von Lissabon
bis Warschau gilt es heute schon als verwegen, ein Gehalt zu fordern, das
keinen realen Lohnverlust bedeutet - und die kontinuierliche Verschlechterung
nicht als ein quasi übergesellschaftliches Phänomen zu akzeptieren.
Statt dessen gilt es zunehmend als natürlich, die Antwort in nationalistischen
Parolen zu suchen.
Mehr als ein Jahrzehnt wurden die
Standortparolen eingetrichtert - und mit Verständnis aufgenommen.
Wer über seine Verhältnisse lebt, der wird eben mit Verlust des
Arbeitsplatzes bestraft. Deutsche Arbeiter müssen, so heißt
es, fleißiger sein als die anderen, um auf dem gemeinsamen Markt
bestehen zu können.
Ähnlich argumentiert jetzt
auch der Chef des Argeitgeberverbandes Gesamtmetall, Werner Stumpfe. Oder
Monsieur Euro, Wim Duisenberg, Chef der Europäischen Zentralbank:
Wegen der "drohenden Rezessionsgefahr aus den Emerging Markets" (Financial
Times) seien hohe Lohnabschlüsse nicht sinnvoll, sagte Duisenberg
letzte Woche. Auch der ideelle Gesamtdeutsche, Bundeskanzler Gerhard Schröder,
pflichtet bei: Ein Streik sei wegen der Konjunkturentwicklung nicht mehr
zu vertreten.
Der Arbeitskampf im ökonomisch
stärksten Land der EU ist tatsächlich für die gesamte Union
von Bedeutung. Es ist kein Zufall, daß der Tarif-Konflikt seinen
Schwerpunkt im fetten Süden hat, im Schwabenland und in Bayern. Dort
ist die IG Metall traditionell stark, sind die Streikkassen voll, die Unternehmen
auf dem Weltmarkt erfolgreich. Wenigstens dort, in einer der reichsten
Regionen Europa, will die IG Metall die Talfahrt der Löhne stoppen.
Wenn das selbst dort nicht gelingt,
wird es in anderen Regionen erst recht nicht möglich sein. Dann sind
die "goldenen Zeiten" endgültig vorbei. |