Beamte sind Maschinen
und DJs auch
Andy Warhol wollte am liebsten eine
Maschine sein. Eine Mensch-Maschine, die mit mechanischer Präzision
Kunst reproduziert. Kraftwerk verwirklichten diese Vision, schalteten ihre
Instrumente auf Autopilot und gesellten sich bei ihren Konzerten zum Publikum.
Musique Non-Stop.
Andreas Neumeister kennt "Zeitgenossen,
scheinbare Zeitgenossen, die keinen einzigen zeitgenössischen Tonträger
in ihrem Zimmer stehen haben" und "bei dem Wort Kraftwerk einfach nur an
banale Stromerzeugung denken". Solche Leute machen ihn krank.
Wenn sich der 40jährige Münchner
Autor eine Maschine aussuchen dürfte, dann wäre er vermutlich
eine Art Sampler, durch den vier Jahrzehnte Popkultur laufen und der alles
"auf seine Tauglichkeit hin überprüft". Donna Summer ebenso wie
Giorgio Moroders Late Seventies Pre-Techno Sound of Munich. Was übrigbleibt,
wird neu abgemischt. Aus alt mach neu.
In seinem vierten Roman "Gut laut"
räumt er kräftig auf. Eine Menge Müll hat sich angehäuft.
Besonders, wenn die eigene Biographie mit der Popgeschichte zusammenfällt.
Die Kindheit endet mit dem Einstieg in die Unterhaltungsmedien, mit dem
Kauf des ersten Kassettenrekorders 1971 und dem wahllosen Aufnehmen von
Musik. Mit Freunden diskutiert er stundenlang über das neue Album
von Can oder Amon Düül II. Später gründet er eine Band,
die über das "rein gedankliche Durchspielen von öffentlichen
Auftritten" nicht hinauskommt. Das macht aber nichts. Es reicht, schon
vorhandene Musik in einen neuen Zusammenhang zu stellen. Plattenauflegen
ist sowieso viel besser. Den ganzen Tag kann man seine Lieblingslieder
hören und trotzdem Popstar sein. Der DJ als Sampler sorgt dafür,
daß "auch das letzte Stück ganz logisch zu allen anderen paßt".
So lassen sich auch die angekratzten Siebziger mit modernster Technik in
die Neunziger hinüberretten.
Eben dieser Technik des Sampelns
will sich auch Andreas Neumeister bedienen und auf die Literatur übertragen.
Kleine Textabschnitte enden punktlos und werden unterbrochen von Pausen
in Form leerer Seiten, bevor ein neues Thema angerissen wird. Facts und
Fiction der Popkultur. Die eigene Geschichte reduziert sich auf Schallplattenerwerbungen
und Hörerlebnisse. Aber eine eigentliche Geschichte wird hier nicht
erzählt, hier wird überhaupt nicht erzählt, sondern aufgezählt.
Die Personen sind unwichtig und austauschbar. Was sie sagen, ist nicht
Ausdruck eines Gefühls oder Charakters. Es sind Meinungen, Aussagen
über Musik, Zustimmung und Ablehnung. Nichts kann gegen sie verwendet
werden.
Besessen wühlt der "Kettenhörer"
Neumeister in verstaubten Kisten, auf der Suche nach Krautrock, Bandsalat
und seiner Identität. Dabei können auch schon mal nostalgische
Gefühle aufkommen. Bei jeder Platte, die er aus dem Regal holt und
noch einmal abspielt, kommt er ins Schwärmen und hebt den Tonarm zum
Anfang zurück. Das Problem ist nur, das Material ist zuviel geworden
und muß gesichtet werden. Aber "es kommt darauf an, was man daraus
macht".
Berliner Radiosender machen daraus
"Super Oldies und das Beste von heute", Andreas Neumeister macht daraus
einen Prosamonolog, der sich wie eine Inventurliste liest. Weil Musik jederzeit
verfügbar geworden ist und nichts mehr verloren geht, ist es auch
gut und hilfreich, daß einmal Inventur gemacht wird. Aber an Bilanzen
und Jahresabschlüssen können nur Buchhalter und Beamte Gefallen
finden - oder eben Maschinen.
Andreas Neumeister: Gut laut.
Suhrkamp, Frankfurt/Main 1998,
184 S., DM 28
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