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Feuilleton Nachrichten
Forelle blau
"Für solche Fragen, denk ich,
sind Mahnmale gut, wenn sie gut sind. Nicht als monumentale Anrufbeantworter,
eher als nervender Dauerton für empfängliche Gewissen."
Feuilletonchef Peter Berger im Neuen
Deutschland vom 6./7. Februar über das Holocaust-Mahnmal
Pluralis majestatis sine Magno
"Das passiert nicht noch einmal",
versichert Hans Magnus Enzensberger auf Nachfrage von Jungle World. Ohne
sein Wissen hatte die Redaktion von wir selbst in ihrer aktuellen Ausgabe
seinen Aufsatz "Von den Zumutungen der Kulturpolitik" veröffentlicht.
Zwar war bei der Zeitschrift für Kulturaustausch, die den Text ursprünglich
veröffentlicht hatte, die Genehmigung für den Nachdruck eingeholt,
jedoch vorsichtshalber nicht erwähnt worden, wo wir selbst politisch
steht. Die "Zeitschrift für nationale Identität" hatte sich als
"Jugendmagazin" vorgestellt, berichtet Enzensberger.
Die Redakteure um Siegfried Bublies
hatten guten Grund zu verschweigen, woher sie kommen. Gegründet 1979
als Zeitung einer Jugendorganisation der "Jungen Nationaldemokraten", hat
sie sich zur bedeutendsten nationalrevolutionären Publikation entwickelte.
Publizität erlangte sie vor allem durch ihre Stammautoren Lothar Prenz,
Roland Wehl und Henning Eichberg. Bereits seit 1969 streiten sie für
einen "dritten Weg" zwischen Kapitalismus und Kommunismus, für einen
Ethnopluralismus, der das "Recht der Völker auf Selbstbestimmung"
und eine Notwendigkeit des Kampfes für die "nationale Identität"
gegen die "MacWorld" betont.
"Wer von den Völkern nicht
reden will, sollte von den Menschen schweigen", heißt es in der Selbstdarstellung
des Hochglanzmagazins, dessen Auflage nach eigenen Angaben bei 3 500 Exemplaren
liegt. Mit ihrem Antiamerikanismus gingen sie auf die Friedensbewegung
und mit ihrem Irrationalismus auf die Ökologiegruppen zu. wir selbst
ist, so Eichberg, "die einzige Zeitschrift in Deutschland, in der Linke
und Rechte miteinander uneinig werden können". In diesem Kontext bekommen
Enzensbergers Worte im Doppelheft mit Themenschwerpunkt Globalisierung
und Kultur einen anderen Klang. Wenn er über "einen deutschen Juden,
dessen Schriften aus der Mode gekommen sind", klagt, daß "im Sinne
dieses Verwertungsprozesses (...) die Kultur nichts weiter als eine Form
der 'software' (ist), die beliebig verfügbar gemacht werden muß",
so muß das in wir selbst antiamerikanisch konnotiert sein. Oder wenn
er darstellt, daß die "kleinen Länder" kulturpolitisch schwer
mithalten können, und daß es die "Europäische Kultur (...)
nur im Plural" gibt, und "jeder Versuch, sie zu vereinheitlichen", scheitern
müßte, könnte es hier als Ethnopluralismus verstanden werden.
"Der Verlag hat da leider nicht
aufgepaßt", sagt Enzensberger. "Mir ist bewußt, daß solche
Zeitschriften immer wieder versuchen, mit prominenten Autoren sich Renommee
und Akzeptanz zu verschaffen."
Now, Man I
Weil ihm Juristen seinen schönen
Kompromiß für das Holocaust-Mahnmal madig gemacht haben, will
Staatsminister Michael Naumann nun eine neue Ausschreibung. Der letzte
Entwurf, in dem der US-amerikanische Architekt Peter Eisenman auf Wunsch
Naumanns ein Museum einbezogen hatte, konnte in dieser Form nicht dem Bundestag
zur Abstimmung vorgelegt werden. Er entsprach nicht den Wettbewerbsbestimmungen.
Eisenman war schon mit seinem ersten Entwurf in der Endauswahl. Bevor aber
ein neuer Wettbewerb ausgeschrieben werden kann, muß der alte ordentlich
zu Ende geführt werden. Zwischen den Siegern der beiden Wettbewerbe
darf der Bundestag dann entscheiden. Und wenn Eisenman immer noch nicht
gewonnen hat, wird Naumann Show-Master von "Einer wird gewinnen" oder "Der
Preis ist heiß". Für die anderen Teilnehmer heißt es dann:
"Das wär' Ihr Preis gewesen".
Now, Man II
Das hätte es unter Kohl nicht
gegeben: Diese ganze Debatte um das Holocaust-Mahnmal. "Die Lage ist so
verworren. Ich habe keine Ahnung, wo wir eigentlich stehen und was ich
sagen soll. Keine Ahnung, wie das weitergeht. Das ist ein solches Durcheinander."
Das sagte Peter Eisenman dem Tagesspiegel. Der wollte dem verwirrten Architekten
helfen: "Lassen Sie mich doch einfach eine Frage stellen!" Aber zu spät.
"Ich lese keine Zeitungsartikel mehr. Ich bin fast im Stadium des Schwebens."
Ein Trip also? Oder ein Alptraum? Oder beides? Niemand blickt mehr voll
durch, niemand steuert den Prozeß, auch Naumann hat keinen Plan.
Nur Kohl. "Der hat dies früher getan." Aber der hat jetzt nichts mehr
zu sagen. Dumm für Eisenman.
Die Moral des Monarchen
Der Kanzler der Deutschen hat es
nicht leicht: "Von meinem Übergangsbüro im ehemaligen Staatsratsgebäude
muß ich immer auf den Palast der Republik gucken. Der ist so monströs,
daß ich da lieber ein Schloß hätte." Eine Fassade des
Berliner Stadtschlosses, so klagt er der Zeit sein Leid, würde ihm,
Schröder, indes nicht reichen. "Da würde ich mir getäuscht
vorkommen." Er wolle "das zwar nicht zur Chefsache machen". "Aber wenn
man in einer solchen historischen Situation ist und dem Volke was für
die Seele gibt, dann kann das außerordentlich befriedend und auch
befriedigend sein." Von der "nationalen Identität der Deutschen" weiß
Schröder indes, daß diese "immer eine weltoffene, mindestens
europäische" sei.
Das Volk, das weltoffen, zumindest
aber europäisch denkt und deshalb in seiner Mehrheit keinem Kanaken
einen deutschen Paß ausstellen will, und seine Unternehmen, die selbst
in der Finanzierung des Vernichtungslagers Auschwitz keine juristischen
Verpflichtungen erkennen, bis der letzte Zwangsarbeiter unter der Erde
ist, haben auf den Ersatzkaiser Gerhard Wilhelm III. nur so gewartet.
'Aufbau' in Reconstruction
Weil die New Yorker Emigrantenzeitung
Aufbau ihre Auflage nicht halten konnte, stand sie im letzten Monat vor
dem Aus (Jungle World, Nr. 6/99). Inzwischen gibt es wieder Hoffnung. Die
Mitarbeiter haben ein neues Konzept vorgestellt, das Symposien für
Faschismusforschung vorsieht und den Dialog zwischen deutschen und amerikanischen
Juden fördern will. Auch die Finanzierung der Zeitung scheint gesichert.
Die Frankfurter Verlegerin Chaja Koren, deren Dr. Orgler Verlag Werke zu
jüdischen Themen publiziert, soll als Herausgeberin bei der Zeitung
einsteigen. Chaja Koren plant, die Zeitung durch eine Stiftung zu finanzieren.
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Die Nachrichten wurden
von Brandt, Raabe, Spannbauer und Speit zusammengestellt
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