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10. Februar 1999 Jungle World

Feuilleton Nachrichten

Forelle blau

"Für solche Fragen, denk ich, sind Mahnmale gut, wenn sie gut sind. Nicht als monumentale Anrufbeantworter, eher als nervender Dauerton für empfängliche Gewissen."

Feuilletonchef Peter Berger im Neuen Deutschland vom 6./7. Februar über das Holocaust-Mahnmal

Pluralis majestatis sine Magno

"Das passiert nicht noch einmal", versichert Hans Magnus Enzensberger auf Nachfrage von Jungle World. Ohne sein Wissen hatte die Redaktion von wir selbst in ihrer aktuellen Ausgabe seinen Aufsatz "Von den Zumutungen der Kulturpolitik" veröffentlicht. Zwar war bei der Zeitschrift für Kulturaustausch, die den Text ursprünglich veröffentlicht hatte, die Genehmigung für den Nachdruck eingeholt, jedoch vorsichtshalber nicht erwähnt worden, wo wir selbst politisch steht. Die "Zeitschrift für nationale Identität" hatte sich als "Jugendmagazin" vorgestellt, berichtet Enzensberger.

Die Redakteure um Siegfried Bublies hatten guten Grund zu verschweigen, woher sie kommen. Gegründet 1979 als Zeitung einer Jugendorganisation der "Jungen Nationaldemokraten", hat sie sich zur bedeutendsten nationalrevolutionären Publikation entwickelte. Publizität erlangte sie vor allem durch ihre Stammautoren Lothar Prenz, Roland Wehl und Henning Eichberg. Bereits seit 1969 streiten sie für einen "dritten Weg" zwischen Kapitalismus und Kommunismus, für einen Ethnopluralismus, der das "Recht der Völker auf Selbstbestimmung" und eine Notwendigkeit des Kampfes für die "nationale Identität" gegen die "MacWorld" betont.

"Wer von den Völkern nicht reden will, sollte von den Menschen schweigen", heißt es in der Selbstdarstellung des Hochglanzmagazins, dessen Auflage nach eigenen Angaben bei 3 500 Exemplaren liegt. Mit ihrem Antiamerikanismus gingen sie auf die Friedensbewegung und mit ihrem Irrationalismus auf die Ökologiegruppen zu. wir selbst ist, so Eichberg, "die einzige Zeitschrift in Deutschland, in der Linke und Rechte miteinander uneinig werden können". In diesem Kontext bekommen Enzensbergers Worte im Doppelheft mit Themenschwerpunkt Globalisierung und Kultur einen anderen Klang. Wenn er über "einen deutschen Juden, dessen Schriften aus der Mode gekommen sind", klagt, daß "im Sinne dieses Verwertungsprozesses (...) die Kultur nichts weiter als eine Form der 'software' (ist), die beliebig verfügbar gemacht werden muß", so muß das in wir selbst antiamerikanisch konnotiert sein. Oder wenn er darstellt, daß die "kleinen Länder" kulturpolitisch schwer mithalten können, und daß es die "Europäische Kultur (...) nur im Plural" gibt, und "jeder Versuch, sie zu vereinheitlichen", scheitern müßte, könnte es hier als Ethnopluralismus verstanden werden.

"Der Verlag hat da leider nicht aufgepaßt", sagt Enzensberger. "Mir ist bewußt, daß solche Zeitschriften immer wieder versuchen, mit prominenten Autoren sich Renommee und Akzeptanz zu verschaffen."

Now, Man I

Weil ihm Juristen seinen schönen Kompromiß für das Holocaust-Mahnmal madig gemacht haben, will Staatsminister Michael Naumann nun eine neue Ausschreibung. Der letzte Entwurf, in dem der US-amerikanische Architekt Peter Eisenman auf Wunsch Naumanns ein Museum einbezogen hatte, konnte in dieser Form nicht dem Bundestag zur Abstimmung vorgelegt werden. Er entsprach nicht den Wettbewerbsbestimmungen. Eisenman war schon mit seinem ersten Entwurf in der Endauswahl. Bevor aber ein neuer Wettbewerb ausgeschrieben werden kann, muß der alte ordentlich zu Ende geführt werden. Zwischen den Siegern der beiden Wettbewerbe darf der Bundestag dann entscheiden. Und wenn Eisenman immer noch nicht gewonnen hat, wird Naumann Show-Master von "Einer wird gewinnen" oder "Der Preis ist heiß". Für die anderen Teilnehmer heißt es dann: "Das wär' Ihr Preis gewesen".

Now, Man II

Das hätte es unter Kohl nicht gegeben: Diese ganze Debatte um das Holocaust-Mahnmal. "Die Lage ist so verworren. Ich habe keine Ahnung, wo wir eigentlich stehen und was ich sagen soll. Keine Ahnung, wie das weitergeht. Das ist ein solches Durcheinander." Das sagte Peter Eisenman dem Tagesspiegel. Der wollte dem verwirrten Architekten helfen: "Lassen Sie mich doch einfach eine Frage stellen!" Aber zu spät. "Ich lese keine Zeitungsartikel mehr. Ich bin fast im Stadium des Schwebens." Ein Trip also? Oder ein Alptraum? Oder beides? Niemand blickt mehr voll durch, niemand steuert den Prozeß, auch Naumann hat keinen Plan. Nur Kohl. "Der hat dies früher getan." Aber der hat jetzt nichts mehr zu sagen. Dumm für Eisenman.

Die Moral des Monarchen

Der Kanzler der Deutschen hat es nicht leicht: "Von meinem Übergangsbüro im ehemaligen Staatsratsgebäude muß ich immer auf den Palast der Republik gucken. Der ist so monströs, daß ich da lieber ein Schloß hätte." Eine Fassade des Berliner Stadtschlosses, so klagt er der Zeit sein Leid, würde ihm, Schröder, indes nicht reichen. "Da würde ich mir getäuscht vorkommen." Er wolle "das zwar nicht zur Chefsache machen". "Aber wenn man in einer solchen historischen Situation ist und dem Volke was für die Seele gibt, dann kann das außerordentlich befriedend und auch befriedigend sein." Von der "nationalen Identität der Deutschen" weiß Schröder indes, daß diese "immer eine weltoffene, mindestens europäische" sei.

Das Volk, das weltoffen, zumindest aber europäisch denkt und deshalb in seiner Mehrheit keinem Kanaken einen deutschen Paß ausstellen will, und seine Unternehmen, die selbst in der Finanzierung des Vernichtungslagers Auschwitz keine juristischen Verpflichtungen erkennen, bis der letzte Zwangsarbeiter unter der Erde ist, haben auf den Ersatzkaiser Gerhard Wilhelm III. nur so gewartet.

'Aufbau' in Reconstruction

Weil die New Yorker Emigrantenzeitung Aufbau ihre Auflage nicht halten konnte, stand sie im letzten Monat vor dem Aus (Jungle World, Nr. 6/99). Inzwischen gibt es wieder Hoffnung. Die Mitarbeiter haben ein neues Konzept vorgestellt, das Symposien für Faschismusforschung vorsieht und den Dialog zwischen deutschen und amerikanischen Juden fördern will. Auch die Finanzierung der Zeitung scheint gesichert. Die Frankfurter Verlegerin Chaja Koren, deren Dr. Orgler Verlag Werke zu jüdischen Themen publiziert, soll als Herausgeberin bei der Zeitung einsteigen. Chaja Koren plant, die Zeitung durch eine Stiftung zu finanzieren. 

  •  Die Nachrichten wurden von Brandt, Raabe, Spannbauer und Speit zusammengestellt
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