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10. Februar 1999 | Jungle World |
Schutz der Nachkommen
Deutsche verwerten Juden |
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"Es geht hier um eine Million Akten"Ein Gespräch mit Wolfgang Dreßen über Deutschland, Goldhagen und GeschichtsschreibungSind die neu gefundenen Akten Beweismaterial für Goldhagens heftig bekämpfte These von der Täterschaft der deutschen Volksgemeinschaft? Vorweg: Die Existenz der Aktenbestände bei den Finanzbehörden ist seit einiger Zeit bekannt. Die Düsseldorfer Ausstellung hat eine Berliner Vorgeschichte. Dort gab es seit den sechziger Jahren des vorigen Jahrhunderts eine orthodoxe jüdische Gemeinde namens Adass Jisroel. 1938/39 wurde sie gewaltsam aufgelöst. Mit Mario Offenberg, der sich darum kümmerte, die Gemeinde neu entstehen zu lassen, habe ich 1986 eine Ausstellung über die Geschichte dieser Gemeinde in West-Berlin gemacht. Damals fand er Dokumente in der Oberfinanzdirektion Berlin-Brandenburg, worüber wir sehr erstaunt waren. Das war die erste Spur dieser Verwertungsakten. Die zweite: 1974 erschien Adlers Buch "Der verwaltete Mensch", das diese Verwaltungsvorgänge auch schildert. Die Berliner Ausstellung ist damals im Gemeindezentrum in der Kurt-Tucholsky-Straße gezeigt worden. Zwar haben viele Leute die Ausstellung besucht, aber die Presse hat darüber nicht berichtet. Jetzt ist das Interesse größer. Hat Goldhagens Buch hier eine Bresche geschlagen? Schließlich verifizieren die amtlichen Dokumente die Behauptung, die Deutschen hätten freiwillig und begeistert gemeinsame Sache mit der Nazipartei gemacht. Die Akten verifizieren den Aspekt der Beteiligung, des Mitwissens. Auf der anderen Seite stimmen sie überhaupt nicht mit Goldhagen überein. Auf eine gewisse Weise ist das Buch von Goldhagen sogar skandalös. Er konzentriert sich auf die sadistischen antisemitischen Täter, die als Mitglieder von Einsatzgruppen im Osten Menschen umgebracht haben. Er konzentriert sich nicht auf die Gesellschaft hier. Die aber lief außerhalb der Lager nach normalen bürgerlichen Vorstellungen ab. Man findet in diesen Akten auch nirgendwo geifernden Antisemitismus, die haben nichts von der Diktion des Stürmer. Juden sind die Gruppierung der Bevölkerung, die verwertet werden kann, mit denen Geld verdient werden kann. Zum zweiten hat Goldhagen diesen merkwürdigen Optimismus, nach dem 8. Mai 1945 habe sich das alles geändert. Nun findet man unter den amtlichen Dokumenten vor und nach dem 8. Mai dieselben Unterschriften. Diese Beamten waren vorher funktionale Beamte und blieben funktionale Beamte. Das ist funktionierende Bürokratie, sonst nichts. Ein Beispiel, Adler zitiert es in seinem Buch von 1974: Ein Düsseldorfer Polizeioffizier begleitet einen Transport nach Riga. Die Deportierten sind dort meistens sofort erschossen worden, die Vernichtungslager gab es noch nicht. In seinem Bericht schreibt der Düsseldorfer Offizier, ein lettischer SS-Mann habe ihn gefragt: Warum erschießt ihr diese Leute nicht in Düsseldorf? Warum müßt ihr die erst sonstwohin transportieren? Sinngemäß hat der deutsche Polizeioffizier gesagt: Es geht bei uns nicht. Man kann in der bürgerlichen Gesellschaft nicht irgendwelche Menschen erschießen. Kann man es so sagen: Goldhagen hat sich auf den Bereich konzentriert, in denen der Regelapparat der bürgerlichen Gesellschaft weitgehend außer Kraft gesetzt war. Die Versteigerungsakten dagegen geben Auskunft über das damalige Binnenleben der bürgerlichen Gesellschaft, den Bereich, in dem die Regeln noch in Kraft waren. Goldhagen ist der Ansicht, er zeichne das Bild des Nationalsozialismus. Nur deshalb kann er davon ausgehen, nach dem Kriegsende sei alles anders geworden. Es ist aber immer so, daß in den Bereichen der imperialen Ausbeutung die bürgerliche Gesellschaft anders vorgeht als in dem Bereich, in dem Verträge in Geltung sind. Innerhalb der bürgerlichen Gesellschaft müssen Gesetze gelten, sonst funktioniert der Warenverkehr nicht. Gibt es keinen Zusammenhang zwischen dem ordnungsgemäßen Funktionieren der Bürokratie, dem ordnungsgemäßen Funktionieren der Marktsubjekte und dem Antisemitismus? Die Frage ist: Warum wurden die Juden als die Gruppe definiert, die der Verwertung unterlagen? Selbstverständlich hat das mit dem traditionellen Antisemitismus zu tun. Mir geht es aber auch um eine andere Ebene. Die Debatte über den Nationalsozialismus und auch der aktuelle Blick auf den Neonazismus wäscht die Mitte der Gesellschaft vollkommen frei. Durchgängig ist die Rede von Extremisten. Es sind aber nicht die Extremisten das Problem des Nationalsozialismus, sondern die normale bürgerliche Mitte und die normale Bürokratie. Nicht zufällig wird in der Erinnerungskultur der 9. November so hoch gehalten. Im Blick sind dann immer antisemitische Raufbolde. Ich erinnere an dieses ikonisierte Foto "Kauft nicht bei Juden", auf dem ein SA-Mann vor dem Geschäft wacht: Das sind Bilder von denen sich jeder distanzieren kann. Weil Leute zu sehen sind, die in ihrem Haß auf Juden auch noch den bürgerlichen Anstand verletzen. Die übliche Bürokratie dagegen verletzt den bürgerlichen Anstand in keiner Weise, sie kommt aber in diesen Zusammenhängen auch nie vor. Dennoch hätten die Nationalsozialisten nicht alle Motorradfahrer aussortieren können. Man kann alle möglichen Gruppen definieren als diejenigen, die der Verwertung freistehen. Diese Gruppen müssen so definiert sein, daß sie von mir als Subjekt möglichst weit entfernt sind. Bei der Aussonderung der "Spinner" und "Verrückten" gab es ja Schwierigkeiten. Das kann jede Familie treffen. Die Gruppen müssen also weit entfernt sein: entweder räumlich, das ist das Beste, oder innerhalb der bürgerlichen Gesellschaft so weit, daß ich mit ihnen nichts zu tun habe. Die Bedeutung von Nähe und Ferne ist etwa bei den sogenannten Mischehen sichtbar. Als die jüdischen Partner in Berlin deportiert werden sollten, sind die Frauen für ihre jüdischen Männer auf die Straße gegangen und haben Erfolg gehabt. Man konnte in der Nazizeit für jüdische Menschen auf der Straße demonstrieren. Ähnlich haben sich die christlichen Kirchen für getaufte Juden eingesetzt. Die waren ihnen nah. War nicht der völkisch grundierte und breit verankerte Antisemitismus die Klammer, die die Volksgemeinschaft zusammenhielt? Er war eine wichtige Grundlage. Aber ich möchte davor warnen, als ob so etwas heute nicht wieder möglich sei. Ein zentraler Aspekt ist dabei die Legalität. Es spiegelt sich in dem Bewußtsein: Was der Staat macht, kann doch so unrecht nicht sein. Wenn eine Bevökerungsgruppe so definiert wird, daß sie der Verwertung unterliegt, daß das Ganze legal und auch noch ein Geschäft damit zu machen ist, und wenn diese Gruppierung von der Gesellschaft weit genug entfernt ist, ist das möglich. Beispielsweise bei Muslimen, die fundamentalistisch sind und auch noch ihr Kopftuch tragen, hielte ich das für möglich. Ich will damit nicht den Antisemitismus relativieren. Es ist nur ein Unterschied, ob man den Stürmer liest oder die Verwertungsakten. Der Stürmer erschien nach dem 8. Mai 1945 nicht mehr, die Beamten arbeiteten weiter. Nach dem 8. Mai mußten die zurückgekehrten Opfer in oft jahrelangen Prozessen nachweisen, daß dies und jenes ihr Eigentum gewesen war. Das lag zum Teil einfach daran, daß Finanzbeamte immer möglichst wenig Geld aus ihren Kassen herausgeben. Die Düsseldorfer Ausstellung verzeichnet beträchtliche Besucherzahlen. Wie reagieren die Leute auf die Dokumente? Viele Schüler sagen, das in der Ausstellung vom Nationalsozialismus vermittelte Bild widerspreche sehr stark jenem, das in der Schule vermittelt wird. Die Dokumente widersprechen dem Bild von der Horror-Gesellschaft und auch dem, was Schüler bei Besuchen in Gedenkstätten erfahren. Es hat nichts von dieser Folterkammeratmosphäre. Gerade diese Art von Normalität macht viele fassungslos. Würde eine flächendeckende Offenlegung der Akten zu einer Gefährdung des sozialen Friedens führen? Schließlich würde herauskommen, daß viele - auch öffentlich bekannte - Äußerungen über Distanz zum Nationalsozialismus oder über Nichtwissen Märchen sind. Es geht hier um eine Million Akten. Wenn die wirklich erforscht würden, könnte eine völlig neue Debatte um den Nationalsozialismus, über das Mitwirken der Deutschen entstehen. Ich habe aber meine Zweifel, daß es dazu kommen wird. Nach dem letzten 9. November war ich in der ländlichen Umgebung Düsseldorfs auf der Gedenkveranstaltung einer Friedensinitiative und habe über die Vorgänge in den dortigen Dörfern berichtet. Es gab überhaupt keine Reaktion. Schweigen. Es ist zu nah. Das spielt auch in der Debatte über Zwangsarbeiter eine Rolle. Nicht nur die Großkonzerne, jeder Handwerksmeister, jeder Bauer konnte sich Zwangsarbeiter holen. Im Nationalsozialismus ist es gelungen, auf Dauer eine Volksgemeinschaft zu konstruieren. Das drückt sich als Friedfertigkeit in diesem Schweigen aus. Ist es nicht ein erstaunlicher Widerspruch, daß nach der Etablierung der Heimat- und Amateurgeschichtsforschung und Geschichtswerkstätten jetzt die Weigerung spürbar ist, sich damit auseinanderzusetzen? In lokalen Gedenkstätten, und die will ich keinesfalls denunzieren, haben wir einen großen Komplex, der die Opfer benennt. Also auch, welche Juden vor Ort gelebt haben. Die Täter aber werden immer nur gezeigt als die schwarzen Menschen vom Mars. Sie müssen ferngerückt werden. Wichtig erscheint mir der Vorschlag des israelischen Schriftstellers Amos Oz: An jedem Haus, an jeder Wohnung, in denen Juden gelebt haben, eine Gedenktafel anzubringen, die berichtet, wer dort gewohnt hat und wie das Schicksal dieser Menschen aussah. Die Akten wären Grundlage dafür. Es gibt Karteikarten von allen Deportierten. Es steht genau drin, wo sie gewohnt haben, wann sie deportiert wurden. Das wird unter keinen Umständen geschehen, weil es zu nah ist. In jedem Ort, in jedem Dorf, an der Wohnung über mir, überall würden diese Schilder hängen. Bundespräsident Herzog hat ja den Vorschlag dahin modifiziert, man solle Tafeln dort anbringen, wo berühmte Juden gewohnt haben. Dann käme natürlich der jüdische Hilfsarbeiter Lichtenstein aus Oberhausen nicht vor. Der Erlös aus der Versteigerung seines Vermögens betrug 4,32 Reichsmark. Wichtig wäre, wenn auch an seiner Wohnung eine Gedenktafel hängen würde. |
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