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23. Dezember 1998 Jungle World

Feuilleton Nachrichten

Forelle blau
"Helmut Schmidt 80? (...)

Und nun wird er nächste Woche 80. Zeit-Redakteure salutieren nicht, nicht einmal die Gedienten. Aber sie rufen ihm 'Helmut', 'Herrn Schmidt', 'dem Chef' - aus vier Stockwerken einen herzlichen Geburtstagsglückwunsch zu: Salute! Danke! Ad multos annos!" Anfang und Ende von Theo Sommers Hommage "Macher und Moralist" zum 80. Geburtstag von Helmut Schmidt, Zeit, Nr. 52

Freiheit für Martin Semmelrogge

Kann sich noch jemand an die pubertären achtziger Jahre erinnern? Das komische "Anything goes"-Jahrzehnt? Als Spaß-Haben das höchste Ziel war und plötzlich alles möglich machte? Als an den Hauswänden westdeutscher Städte eine seltsame Parole auftauchte: "Freiheit für Martin Semmelrogge"? Seinerzeit arbeiteten viele West-Berliner Studenten in einer Schokoladenfabrik am Stadtrand. Packten am Fließband Tausende von Tafeln in Verkaufsgestelle für Supermärkte. Protestierten eines Morgens zum Schichtbeginn um sechs mit erhobener linker Faust gegen den verschäften Akkord. Und skandierten in grünen Kitteln, mit weißen Handschuhen: "Freiheit für Martin Semmelrogge".

Niemand wußte, wie die komplett sinnleere Bewegung entstanden war. Der rothaarige und mausbiberartige Münchner Kleindarsteller Martin Semmelrogge war auf dem Sprung, Karriere im deutschen Film- und Fernsehwesen zu machen. Hatte schon im "Boot" oder bei "Derrick" als Schwenkfutter gedient. Spielte meist Kleinkriminelle oder zwielichtige Charaktere. Näselte sich rotzfrech durch seine Rollen und die Wirklichkeit. War in allerlei justitiable Affären verwickelt. Konnte jedoch stets seinen Kopf aus der Schlinge ziehen. Bis er eines Tages im Kaufhaus für sein Kind ein Fahrrad stahl, die Rollreppe hinunterbretterte, festgehalten wurde und hinter Gitter mußte. Plötzlich hieß es allerorts: "Freiheit für Martin Semmelrogge".

Am Dienstag vergangener Woche stand der 43jährige wieder einmal vor Gericht. 1995 war ihm wegen Trunkenheit am Steuer der Führerschein entzogen worden. 1997 hatte man ihn zweimal auf der Autobahn A 9 im Landkreis Hof und einmal in Stuttgart ohne gültige Papiere erwischt. Jetzt verurteilte ihn das Amtsgericht Hof zu zehn Monaten Haft ohne Bewährung. "Freiheit für Martin Semmelrogge"?

Wochenschau im Videotext

Über die Militäraktionen der USA und Großbritanniens gegen den Irak wurde im Sat.1-Videotext am Donnerstagabend, den 17. Dezember 1998, so informiert: "Irak: wieder Bomber im Einsatz. 'Operation Desert Fox', 2. Tag. Und wieder sind Kampfmaschinen über Irak in der Luft. 12 Briten-Tornados und US-Jets B 52 verfeuern 300 Missiles. 'Welle begann um 17 Uhr!' Flak-Feuer auch wieder in Bagdad: 13 Detonationen, City brennt! Derweil Angst vor Jelzin: Russen-Armee 'für mögliche Aufgaben' in Alarmbereitschaft! Am Tag 1 wurden in 5 Angriffswellen über 200 Marschflugkörper abgeschossen. 'Flugabwehr, Befehlszentren und Hauptquartier zerstört. 50 Ziele getroffen, alle Männer zurück'. Saddam klagt an: 5 Zivilisten tot."

Best of Christmas '98

Die B.Z. hat die besten Berliner Weihnachsfeiern 1998 ermittelt. Gefährlich: Die Landesfeuerwehr spielte "Kommando Bimberle". Queer: Die Grünen feierten in "weiblichen Tütü-Fummel". Besinnlich: Die CDU-Fraktion lauschte der Weihnachtsgeschichte. Bewährt: Bei Malermeister Stammes in Berlin-Britz gab es wie immer seit 1932 Bier, Gulasch und rote Nasen.

Anders Fernsehen

"Mona Lisa" gibt's demnächst auch für Schwule und heißt "Anders Trend". Los gehts am 22. Dezember auf RTL, dem einzigen Sender, der nicht nur Interesse für das TV-Magazin bekundet hatte, sondern seinem Publikum auch zutraut, dies Format zu verkraften. "Alle waren vom Thema angetan, hatten aber letztlich Angst vor den Reaktionen", sagte der Chef der Produktionsfirma Center TV, Andreas Zalbertus, gegenüber der SZ über die Verhandlungen mit den übrigen Anstalten. Zalbertus, der bereits die RTL-Magazine "Money Trend", "Future Trend" und "Natur Trend" produzierte, setzt nicht allein auf die schwule Zielgruppe, sondern will die "neugierigen" Heteros gleich mitbedienen. Wir erinnern uns: "Brigitte-TV" wollte Fernsehen für Frauen machen und nebenbei die Männer von der zeitgleich ausgestrahlten Sportschau abziehen - zugeschaut hat schließlich keiner und keine. Für den schwul-heterosexuellen Akzeptanzschub des Magazins soll der familienserienerprobte Schauspieler Carsten Uecker sorgen. Immerhin gehört der schwule Arzt Carsten Floeter, den Uecker in der "Lindenstraße" spielt, zu den populärsten Figuren der Soap. Konzipiert wurde die Sendung von David Wilms, den man entweder aus der im Berliner Regionalsender FAB 1991 gelaufenen Reihe "Andersrum" oder aus der "Lindenstraße" kennt, wo er ab und zu als Freund von Carsten Floeter zu sehen war. "In den Talkshows und Sex-Magazinen kommen nur der Lederkerl und die Tunte vor, 80 Prozent der schwulen Gemeinschaft findet nicht statt", sagt Wilms über die Idee von Anders-TV. - Ob sie das neue Magazin mit dem leicht blödsinnigen Titel mögen, müssen Zuschauer und Werbekunden allerdings ad hoc entscheiden: Floppt der Test-Pilot, geht "Anders Trend" erst gar nicht in Serie.

I Die Nachrichten wurden von Martin Krauß, Anton Landgraf, Michael Ringel und Heike Runge zusammengestellt

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