Eine seltsame Liebe der Bourgeoisie
Concept of the month: Zum Marx-Revival im bürgerlichen Feuilleton
Die Londoner Zeitschrift i-D ist das Zeitgeist-Magazin für Jugendmode, sie hat ein untrügliches Gespür dafür, was die Twens in einem Jahr tragen werden und welcher Schneider in zwei Jahren en vogue sein wird. In der Mai-Ausgabe dieses Jahres glaubte sie, einen völlig anderen Trend ausgemacht zu haben. Zum "concept of the month" erhob das Blatt: "revolution". Anläßlich des 150. Geburtstags des Kommunistischen Manifests entdeckt es dessen erneute Aktualität: "Das späte 20. Jahrhundert bringt uns zurück zu den harten Realitäten des multinationalen Kapitalismus, der sich Ende des 19. Jahrhunderts durchsetzte".
Auch die Zeit ließ vor wenigen Wochen eine Serie unter dem Titel "Kapitalismus in der Krise" mit dem Satz "Hat Karl Marx doch recht?" beginnen. Die gleiche Frage wählte der kreuzkatholische Rheinische Merkur vor kurzem als Überschrift für einen Kommentar über die steigende Zahl der Unternehmenszusammenschlüsse. The New Yorker erhob Marx gar in den Rang des "next big thinker". Nach Meinung des Handelsblatts "findet sich die erste Definition des Globalismus im Manifest", und der Spiegel stellte fest: "Beim Nachlesen zeigt sich heute die außerordentliche Aktualität der Analyse."
In allen Niederungen der bürgerlichen Presse ist also ein Marx-Revival zu beobachten. Die Rezeption des Kommunisten findet sowohl im Feuilleton als auch im Wirtschaftsteil statt. Die Wirtschaftsautoren glauben, daß Marx und Engels die Globalisierung vorhergesagt haben. Und die Zeit entdeckt: "Nie wurde die kapitalistische Globalisierung, kaum daß sie begonnen hatte, grandioser besungen als im Februar 1848". Dieser Meinung ist auch das Handelsblatt: "Und wer wollte im Jahr 1998 der Feststellung von Marx aus dem Jahr 1848 widersprechen, daß es für die Wirtschaft ein Gesetz der Konzentration gibt, 'daß die bisherigen kleinen Mittelstände, die kleinen Industriellen' der Konkurrenz der Großunternehmen zum Opfer fallen?"
Die Feuilletonisten sehen in der zunehmenden Verarmung der unteren Schichten die erneute Aktualität des Philosophen begründet: "Es ist heute so wahr wie 1848, daß die Reichen immer versuchen werden, reicher zu werden, indem sie die Armen ärmer machen, daß die vollständige Verwandlung der Arbeit in eine Ware zur Verelendung der Lohnempfänger führen wird", so die FAZ. Und i-D stellt fest, daß "die Bedrohung des Kommunismus erst gezähmt wurde, als die organisierte Arbeiterbewegung mit der Klasse der Bosse für ihre Mitglieder einen Vertrag abschloß (nicht, als Ronald Reagan den Kalten Krieg gewann). Nun ist dieser Vertrag gelöst." Also "Marx, ganz modern", wie der Spiegel meint: "Als Schicksalsfrage des kommenden Jahrhunderts dräut die Freisetzung von Millionen durch die elektronische Revolution."
Die Zeit sieht durch die zunehmende Verarmung in den reichen Ländern den Zustand, der zu Zeiten von Marx und Engels herrschte, wiederkehren: "'Ungleichheit muß in Kauf genommen werden', wenn man Dynamik will, kommentiert die Bayerisch-sächsische Zukunftskommission. (...) Tagelöhner, Heimarbeiter, Dienstboten tauchen wieder auf. Das Stichwort lautet 'Flexibilität'. Das klingt oben gut, aber für die vielen unten heißt es: Unsicherheit. Das erreichte Maß an Produzentendemokratie, an gesellschaftlicher Verfügung über den gesellschaftlichen Reichtum wird zurückgeschraubt, ohne daß andere Sicherheiten gegeben werden. Erneut spaltet sich die Gesellschaft, und die Stellung in der Produktion wird wieder zum Klassenmerkmal.(...) Eine Wirtschaftsordnung aber, die immer mehr Arbeiter aus dem Kreislauf ausgrenzt, 'sie ernähren muß, statt von (ihnen) ernährt zu werden', ist", so Marx, "'nicht mehr verträglich mit der Gesellschaft.'"
Wie kommt es zu diesem plötzlichen Marx-Revival? Ein Grund ist sicherlich, daß mit dem Ende der Systemkonkurrenz die reale, täglich als Bedrohung empfundene Macht, die mit Marx assoziiert wurde, verschwunden ist. Nun können die Journalisten sich mit ihren Kenntnissen über den Philosophen profilieren - und zwar ohne Angst, damit den politischen Gegner zu stärken.
Auch ein weiterer Grund, der häufig gegen Marx angeführt wurde, gilt nicht mehr: Die von ihm vorhergesehene Krise des Kapitalismus sei nicht eingetreten. Denn nun sind Japan und die Tigerländer, einst Beweis für die Kraft des Kapitalismus und die Chance jeder Nation der Dritten Welt, es auch so weit bringen zu können, zu den Sorgenkindern der Ökonomen geworden. Und immer mehr Repräsentanten des Kapitals (als herausragendes Beispiel sei George Soros genannt) gelangen zu der Einsicht, daß die Weltwirtschaftskrise unmittelbar vor der Tür stehe.
Ein dritter Grund für den zunehmenden Rekurs auf den Kommunisten ist bei der Standort-Debatte zu finden: Sie hat das Bewußtsein für die Macht der Ökonomie geschärft. Und wer hat diese Macht besser beschrieben als Marx, wenn er das Kapital als "automatisches Subjekt" bezeichnet? Der Abbau der sozialen Sicherungssysteme konfrontiert immer mehr Menschen mit der mörderischen Selektion durch das Kapital nach Verwertungskriterien.
Zudem ist dem Kapitalismus seine zentrale Legitimation abhanden gekommen: Die Behauptung, daß er immer mehr Menschen und irgendwann einmal allen Wohlstand bringe, ist heute unglaubwürdiger denn je. Für die Länder der Dritten Welt gibt es keinen Grund anzunehmen, daß sie irgendwann einmal zu den happy few gehören werden, doch nicht nur das: Auch in den kapitalistischen Metropolen werden immer mehr Menschen vom Wohlstand ausgenommen, niemand glaubt mehr ernsthaft, daß die Arbeitslosigkeit in Europa in absehbarer Zeit deutlich unter die Zehn-Prozent-Marke sinken werde. In den USA, in Großbritannien und Irland, wo die Erwerbslosigkeit gering zu sein scheint, haben die am unteren Ende der Lohnskala Angesiedelten keinen dickeren Geldbeutel als in Deutschland die Arbeitslosengeld- oder Sozialhilfe-Empfänger. In Japan sieht es nicht besser aus: Die Erwerbslosenrate steigt steil an, ein Ende der Wirtschaftskrise des Inselreichs ist nicht in Sicht.
Viele Gründe sprechen also dafür, sich mit Marx zu beschäftigen - aber soll man sich freuen, wenn sich ausgerechnet FAZ, Handelsblatt und Rheinischer Merkur bei dem Philosophen bedienen? In all den zitierten Artikeln dient das Manifest bestenfalls der Forderung nach Reformen, also der Perfektionierung des Kapitalismus.
Der Zeit war die Neuauflage des Manifests in den USA einen Artikel wert. Jörg Lau zitiert den Verleger Colin Robinson: "Nein, es mache ihm gar nichts aus, wenn das 'Manifest' gekauft werde, um es als modisches Accessoire aus der Jackettasche lugen zu lassen: 'Die Linke sollte sich freuen, wenn die Leute wieder glauben, sie könnten die Flirtchancen verbessern, indem sie das Manifest mit sich herumtragen.'" Lau hat in New York auch ein Symposium zu dem Aufruf besucht, und was er dort in sein Notizbuch geschrieben hat, könnte die Erklärung sein für die seltsame Liebe der Bourgeoisie zu ihrem Feind: "Wenn das Kommunistische Manifest in einer 'Armani-Version' aufgelegt werde, so gibt ein wohlgekleideter Teilnehmer aus Italien mit bitterem Unterton zu bedenken, sei das der letzte Beweis für die Unverwundbarkeit des bestehenden Systems. Es absorbiere nun einmal alles."
Doch diese Sorge könnte sich als unbegründet erweisen. Denn im Gegensatz zur bürgerlichen Presse ist in linken Publikationen nicht festzustellen, daß diese bei ihren wütenden Widersprüchen vermehrt auf Marx zurückgreifen.
I Friedrich Geiger