Neues vom Arbeitskampf
Boykott statt Bündnis
Die Zeiten sind vorbei. Endgültig. So wie sich die sogenannten Verbraucherinnen und Verbraucher mit kaltschnäuzigem Der-Kunde-ist-König-Gekeife kaum noch über einen pünktlich um 18.30 Uhr schließenden Laden echauffieren können, wird denjenigen, die noch jede Unannehmlichkeit mit solidarischer Genügsamkeit ertragen, ein liebgewordener Anblick fehlen: Wie viele wackere Damen und einige mutige Herren erhobenen Hauptes ihre Kassensitze und Regalreihen verlassen, furchtlos vor die Tür in die Kälte treten, sich weiße Leibchen überstreifen, auf denen die Buchstaben HBV oder DAG prangen, mit entschlossenem Antlitz und klammen Händen ein Transparent entrollen, auf dem "Warnstreik", "Jetzt reicht's!", "Wir wollen auch ein Stück vom großen Christstollen" oder so ähnlich steht - während sich gleichzeitig, was aufmerksam Beobachtende zwar nicht sehen, aber wissen, in dunklen Hallen einsame Hausfrauen und egomanische Psychologiestudenten verschämt an Paletten und Kartons zu schaffen machen, ihren Judaslohn von 620 Kupferlingen verdienend.
Da der ganze Spuk ohnehin nur so lange dauert, wie Sie gebraucht haben, den letzten Satz zur Kenntnis
zu nehmen, hat sich ein cleverer Gewerkschaftsfunktionär etwas Neues ausgedacht: Der Streik wird einfach abgeschafft. Aber nicht ersatzlos. Jetzt wird nicht mehr gestreikt, sondern boykottiert. Was ist schon die Macht der Produzenten gegen die der Konsumenten, fragt sich das Vorstandsmitglied der Gewerkschaft Handel, Banken und Versicherungen (HBV), Rüdiger Timmermann. Wenn das mit dem Bündnis für Arbeit partout nicht funktionierte, müßten eben andere Maßnahmen her. Boykott statt Bündnis. Der HBV komme dabei zugute, in sehr konsumnahen Branchen tätig zu sein, so Timmermann. Bei Quelle an derselben sozusagen.
Timmermann hat sich aber noch mehr einfallen lassen, um wieder am Verhandlungstische um Prozente, Einmalzahlungen und Urlaubsgelder feilschen zu können. Mittlerweile sind ihm nämlich die Poker-Partner abhanden gekommen, nachdem immer mehr Betriebe ganze Geschäftsbereiche ausgelagert haben, damit diese nicht mehr den Tarifverträgen der Mutterfirma unterliegen. Imagekampagnen sollen Abhilfe schaffen. Damit soll jedoch nicht der Ruf der Gewerkschaft, die gerne ein paar neue Mitglieder einfangen würde, verbessert, sondern der der bösen Unternehmer geschädigt werden. Kauft nicht bei Aldi!
Demnächst werden also die wackeren Damen und Herren einer unbezahlten Nebenbeschäftigung nachgehen. Mit oder ohne Leibchen. An freien Tagen mischen sie sich unter die Schau(fenster)- und Kauflustigen, verteilen Zettel, die sofort auf den Boden oder in den nächsten Mülleimer fliegen, weil alle denken, es werde wieder für ein tolles Schnäppchen hier oder ein billiges Käppchen dort geworben. Dabei wird auf den Flyers keine Reklame gemacht, sondern aufgeklärt: Füllt, liebe Leute, eure Tragetaschen nicht mehr bei dieser oder jener Firma, denn da drücken die Chefs durch, was ihr zur Genüge kennt: weniger Kohle, mehr knuffen!
Weil die Flugblätter aber niemanden verarschen, nichts versprechen und auch noch langweilig aussehen, ist das ganze den so rührend Umworbenen scheißegal. Denn erst kommt das Fressen und dann - das Fernsehen.
I Richard Rother