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Blasen, bis der Papst kommt
Kino aus deutschen Landen: "Kai Rabe gegen
die Vatikankiller"
Das hiesige Publikum liebt nach wie vor
Komödien - glauben die Filmemacher. Für sie scheint es daher
vorteilhafter, dieses Genre zu bedienen, anstatt sich mit großen
Themen zu befassen. Das ginge nur nach hinten los - man stelle sich vor,
Otto oder Tommy Gottschalk gingen wie Robert Benigni im KZ spazieren, rissen
einen Witz nach dem andern über die Schergen - und das ganze wäre
wie eine Persiflage aufs Hollywood-Kino betitelt (z.B. "Wenn der SS-Mann
zweimal klingelt").
Nein, soweit ist es noch nicht, und auch,
wenn man an einer großen Filmindustrie werkelt, steht außer
Zweifel, daß sich in übriggelassenen Kulissen die Freaks sammelten,
die solche Projekte angingen. Aufmerksamkeit wäre jedoch garantiert!
Bisweilen also begnügt man sich mit
solide-einfachen Stoffen; wie etwa Thomas Jahn sich zunächst in "Knocking
on Heaven's Door" Til Schweigers als Verbrecher annahm. Dabei kann man
bleiben, es kann nichts falsch gemacht werden. Jahns neuer Film heißt
"Kai Rabe gegen die Vatikankiller" und dreht sich auch um Mord und Totschlag,
aber irgendwie so nachvollziehbar.
Ein Regisseur dreht einen blutrünstigen
Horrorstreifen, in dessen Verlauf es zu einigen realen Todesfällen
kommt. Zum Beispiel, haha, ist die Requisiten-Pistole des Hauptdarstellers
Kai Rabe (Steffen Wink) gegen eine echte ausgetauscht worden, Rabe erschießt
also seinen Filmpartner. Der ehemalige Schimanski-Kompagnon ist ständig
betrunken, der ermittelnde Kommissar Krüger (Klaus J. Behrendt) auch.
Und Regisseur Lindner (Stefan Jürgens) wie auch der dicke Produzent
(Heinz Hoenig) nutzen ihre Machtposition aus, um sich - na? - von den Filmsternchen
einen blasen zu lassen. Das ist provokant, vor allem, weil hinter allem
der Vatikan und somit der Papst stecken soll.
Es fliegt die Kugel, das Messer blitzt.
Die Junggesellenbude ist verschmuddelt, der Filmprotz trägt Schlangenleder
auf. Ausstattung: Bunte Krawatten, Che Guevara-T-Shirt, Vietnam-Film. Alles
zum Zwecke des Lachens, bis der Bauchspeck rollt. Rabe, der Whiskey-Liebhaber
und Publikumsmagnet, ist derweil mit den Nerven runter und heuert zwei
israelische Leibwächter an. Denn der Killer läuft frei herum,
und ein umgebrachter Rabe wäre für Produzent Lütter ein
ernstzunehmendes Marketing-Element. In weiteren Rollen: Sandra Speichert,
Mirko Nontschew, Hannelore Elsner, Jan Josef Liefers, Bernd Michael Lade,
Oliver Kalkofe. Selbst spielen dürfen sich u.a. Roger Willemsen, Cherno
Jobatey und Sönke Wortmann.
Die Lieblinge deutschen Film- und Fernsehschaffens
also alle beisammen. Putzig anzuschauen, wie sie da überagieren und
die erlernte Schauspielkunst in Szene setzen. Und wie haben sie sich gefreut,
mal aus dem vorgegebenen Schnickschnack ausbrechen zu dürfen - Wink:
"Solche Rollen kriegt man sehr selten. Man darf mal so richtig die Sau
rauslassen und den Großkotz, der man ja manchmal auch selber sein
will." Man. Tja, wer hätte das gedacht. Der rumtorkelnde Säufer
ist Wink so richtig auf den dünnen Leib geschrieben. Noch jeder Schauspielschüler
weiß, daß es zum guten Ton gehört, sich über deutsche
Drehbücher aufzuregen, darum spielen sie trotzdem alle mit, weil sich
als dies und das und TV-Ermittler die Brötchen gut verdienen lassen.
Spaß macht "Kai Rabe" trotzdem. Schon
allein, um Klaus J. Behrendt als - ebenfalls alkoholabhängigem - Kommissar
zuzuschauen. Denn hier ist er noch viel schlechter und hölzerner als
im Fernsehfilm. Muß man nicht gerade deshalb lachen, wenn er, Trommelwaffe
im Anschlag, in der Unterhose durch die Wohnung hopst?
"Kai Rabe" ist Fünfziger-Jahre-Kino
gekreuzt mit Quentin Tarantino. Dafür muß nicht erst Sandra
Speichert im alten VW-Käfer zur Peter-Alexander-Musik herumgefahren
werden. Und so wird es damals, nach der Wochenschau, im Kino auch zugegangen
sein: Zwei Stunden Schmunzeln mit den Lieblingen, die nach ein wenig Alkohol-Abusus
sich leicht lallend in den Armen liegen. Die Krawatte gelockert, lustige
Liedchen trällernd. Jahn gebührt das Verdienst, diese schöne
Aufbauzeit ironisiert und auf die Leinwand zurückgeholt zu haben.
Richtig böse kann man ihm deswegen nicht sein: Wie überall auf
der Welt wird eben auch hier mit den Sehgewohnheiten des Publikums gespielt,
und Jahn verarbeitet eben die seinen.
Was man nicht alles mit Arbeit, Zwang und
selbstverordneter guter Laune hinkriegen kann. Für seine schwererkämpfte
Leichtigkeit am Ende der neunziger Jahre braucht sich das junge deutsche
Kino nicht zu schämen. Das "alte Glück" (Karsten Witte), es möge
wiederkommen, der abgerissene Kommissar darf die attraktive Schauspielerin
im Arm halten - Happy-end! Wer ist das da? Richtig. Wir selbst. Deutsche
Waffen, deutsches Geld, morden mit in aller Welt: Könnte schließlich
jemand besser über sich selbst lachen als das deutsche Publikum?
Es ist also noch viel zu erwarten. Jahn:
"Es liegt vielleicht daran, daß für mich deutsche Filme zu brav
sind. Die haben eine politische Korrektheit, wo sie einfach nicht gefordert
ist. Der Film ist böse, klar. Er ist vulgär, und manchmal ist
er auch an der Grenze zum guten Geschmack. Aber mir macht das Spaß,
weil der Film nicht nur prollig, sondern eben auch intelligent ist, gute
Schauspielerleistungen und gute Kameraarbeit hat. Wir sind also mal einen
Schritt weitergegangen."
Da engagieren sich auch die Warner Bros.
und stellen die Verleihstruktur zur Verfügung. Die haben mit Jahn
gleich drei Filme abgemacht, darunter "ein größeres internationales
Projekt". Und mit irgendwas mußte Jahn ja anfangen. Also los, Thomas
Jahn: Der Warner einen Holocaust-Slapstick anbieten!
"Kai Rabe und die Vatikankiller". D 1998,
R: Thomas Jahn. Start: 26. November |