Feuilleton Nachrichten
Forelle blau
"Seine 'Shoah-Foundation', meint auch Kanzler
Schröders Kulturbeauftragter Michael Naumann, sei ein wirksamerer
Brecher im Meer des Vergessens und Verdrängens als jene 'Betonierung
des Zentrums der Hauptstadt mit einem fußballfeldgroßen Alptraum',
vor der Martin Walser warnte."
Werner Funk, stern, über
das Videoprojekt von Steven Spielberg
PDS vs. Burkhard Schröder
Als "rechtlich nicht nachvollziehbar" bezeichnete
Rechtsanwältin Beate Böhler die Entscheidung des Berliner Landgerichts
gegen den Berliner Journalisten und Rechtsextremismus-Experten Burkhard
Schröder in einem vom Landesverband der PDS angestrengten Prozeß.
Schröder hatte in mehreren Artikeln,
u.a. in Jungle World (Nr.15/98) und dem Berliner Stadtmagazin tip, berichtet,
daß Mitglieder der PDS auf den Verleger Frank Schumacher (edition
ost) Druck ausgeübt haben, so daß der die Ausgabe des Buches
"Sehnsucht nach Unfreiheit - Der Fall Kay Diesner und die rechte Szene"
von Laura Benedict im Sinne der Korrekturvorschläge änderte und
die Reportage auf Parteilinie brachte.
Bei seiner Darstellung stützte Schröder
sich auf die Aussage von Frau Benedict. Die Autorin besitzt ein an sie
gerichtetes Schreiben des edition-ost-Verlegers, worin dieser dankbar einen
ungewöhnlichen Fall von höherer Gewalt schildert. Daß die
erste Auflage des Buches durch einen Regenschauer vernichtet wurde, sei
"ein Gottesgeschenk", "da es von verschiedener Seite (Baltruschat,Pau,
Dost) massive Kritik gab, auf die wir zum Teil reagieren können".
Tatsächlich enthält das Buch in der Neuauflage ganz neue Passagen,
z.B. eine, die Gregor Gysi in einem besseren Licht erscheinen lassen, aber
nach Aussage der Autorin nicht von ihr verfaßt worden sind.
Da die Beweise eindeutig schienen und die
Existenz des Briefes unstrittig ist, durften Schröder und seine Anwältin
davon ausgehen, daß sie den Prozeß gewinnen würden. Schröder
hatte die Tatsache, daß dennoch gegen ihn geklagt wurde, als versuchte
Einschüchterung durch einzelne PDS-Mitglieder gewertet.
Das Berliner Landgericht allerdings ließ
den Journalisten am vergangenen Dienstag glatt im Regen stehen. Gelegenheit,
den Wahrheitsgehalt seiner Darstellung zu belegen, hatte Schröder
nicht. Das Gericht entschied sich für einen kurzen Prozeß und
ließ eine Beweisaufnahme erst gar nicht zu. Schröder, der die
Verfahrenskosten zu tragen hat, wurde die Behauptung untersagt, das göttliche
PDS-Lektorat habe die Geschicke von Benedicts Buch bestimmt.
Ni Marx ni Smith
Posthum festgestellt - Fran ç ois
Mitterrand hat die großen Klassiker der Wirtschaft nicht gelesen,
sondern immer nur Romane und philosophische Essays. Das habe seinen Charakter
verdorben: "Er faßte die Beziehungen zwischen Menschen nur in Form
von List und Gewalt auf."
Mitgeteilt hat dies Michel Rocard, einstiger
Rivale Mitterrands in der Parti Socialiste. "Zwei oder drei Male", schreibt
Rocard in einem Aufsatz, der Ende letzter Woche in der Zeitschrift für
öffentliches Recht Revue du droit public erschien, "ist es vorgekommen,
daß er mich warten ließ, damit ich ein bißchen seine
Bibliothek betrachte. Sie war enorm, was Literatur betraf, auch historische
sowie juristische Themen. Aber es gab kein einziges ökonomisches oder
gesellschaftswissenschaftliches Buch."
Gender-Trouble
Andere Redaktionen hatten sie längst
abgeschafft, als sich die Wochenzeitung Freitag eine Frauenseite zulegte,
auf der es dann zumeist nicht nur munterer, sondern auch viel internationaler
zuging als auf den restlichen Seiten. Im Jahr 1995 allerdings muß
irgendjemand einen bleischweren Koffer voller Frauenbuchrezensionen beim
Freitag abgestellt haben, jedenfalls druckte das Blatt auf seiner Frauenseite
plötzlich tonnenweise Frauenliteraturkritiken weg, egal, was sonst
noch so passierte. Neuerdings hat man den Eindruck, daß sich die
Rezensionsvorräte allmählich erschöpft haben. Auch fehlen
seit einiger Zeit die Frauenseite, nicht aber die Frauen, die jetzt im
neuen Mega-Ressort "Inland, Frauen, Ökologie, Wirtschaft" bestens
untergekommen sind. Welche Gattungen aber hat eigentlich das Ressort "Kultur,
Literatur, Geschlechter" noch ins Auge gefaßt?
Dohnanyi walsert weiter
Klaus von Dohnanyi will seine Verteidigung
Martin Walsers vor dem Zentralrat der Juden in Deutschland ausführen.
Ignatz Bubis sagte gegenüber der Berliner Zeitung, er werde dem Wunsch
Dohnanyis nachkommen und sich dafür einsetzen, daß die Aussprache
vor dem Zentralrat zustande kommt, fügte aber hinzu: "Er wird sich
wundern."
In einem in der FAZ veröffentlichten
Brief an Bubis und den Zentralrat der Juden hatte Dohnanyi gefordert, den
von Bubis gegen Walser erhobenen Vorwurf der "geistigen Brandstiftung"
vor dem gesamten Gremium zu diskutieren. In einem ersten, ebenfalls in
der FAZ erschienenen Beitrag (Jungle World, Nr. 47/98) hatte Dohnanyi geurteilt:
"Walser hat recht. Bubis hat ihn nicht verstanden."
Schröder lenkt
Wo war Gerhard Schröder am 11. November?
Jedenfalls nicht nicht in Frankreich. Dort ließ er sich bei der Gedenkveranstaltung
zum 80. Jahrestag des Ersten Weltkrieges wegen "dringender Terminverpflichtungen"
entschuldigen. Statt seine Zeit beim Erbfeind zu vertrödeln, weilte
er lieber bei den Siegern. Er hatte an diesem Tag einer drängenden
nationalen Verpflichtung in Berlin nachgegeben und nahm an der Verleihung
des "Goldenen Lenkrades" von Bild am Sonntag teil. Den Preis erhielt Mercedes-Benz.
Engpaß
In Großbritannien herrscht wegen
der Fitneß-Welle akuter Mangel an molligen Weihnachtsmännern.
Britische Geschäftsleute suchen verzweifelt ältere, dickere Männer,
die in der Vorweihnachtszeit überzeugend als Nikoläuse auftreten.
"Wir können einfach keine geeigneten Darsteller finden. Alle Bewerber
scheinen nur von Salaten zu leben", erklärte ein Sprecher der Agentur
Ministry of Fun. Die Männer seien entschieden zu dünn für
die Rolle. "Man kann ihnen schließlich kein Kissen umspannen und
hoffen, daß die Kinder es nicht merken."
-
Die Nachrichten wurden von Landgraf
und Runge zusammengestellt
|