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  25. November 1998 Jungle World
 

Feuilleton Nachrichten

Forelle blau 

"Seine 'Shoah-Foundation', meint auch Kanzler Schröders Kulturbeauftragter Michael Naumann, sei ein wirksamerer Brecher im Meer des Vergessens und Verdrängens als jene 'Betonierung des Zentrums der Hauptstadt mit einem fußballfeldgroßen Alptraum', vor der Martin Walser warnte."  

Werner Funk, stern, über das Videoprojekt von Steven Spielberg  

PDS vs. Burkhard Schröder  

Als "rechtlich nicht nachvollziehbar" bezeichnete Rechtsanwältin Beate Böhler die Entscheidung des Berliner Landgerichts gegen den Berliner Journalisten und Rechtsextremismus-Experten Burkhard Schröder in einem vom Landesverband der PDS angestrengten Prozeß.  

Schröder hatte in mehreren Artikeln, u.a. in Jungle World (Nr.15/98) und dem Berliner Stadtmagazin tip, berichtet, daß Mitglieder der PDS auf den Verleger Frank Schumacher (edition ost) Druck ausgeübt haben, so daß der die Ausgabe des Buches "Sehnsucht nach Unfreiheit - Der Fall Kay Diesner und die rechte Szene" von Laura Benedict im Sinne der Korrekturvorschläge änderte und die Reportage auf Parteilinie brachte.  

Bei seiner Darstellung stützte Schröder sich auf die Aussage von Frau Benedict. Die Autorin besitzt ein an sie gerichtetes Schreiben des edition-ost-Verlegers, worin dieser dankbar einen ungewöhnlichen Fall von höherer Gewalt schildert. Daß die erste Auflage des Buches durch einen Regenschauer vernichtet wurde, sei "ein Gottesgeschenk", "da es von verschiedener Seite (Baltruschat,Pau, Dost) massive Kritik gab, auf die wir zum Teil reagieren können". Tatsächlich enthält das Buch in der Neuauflage ganz neue Passagen, z.B. eine, die Gregor Gysi in einem besseren Licht erscheinen lassen, aber nach Aussage der Autorin nicht von ihr verfaßt worden sind.  

Da die Beweise eindeutig schienen und die Existenz des Briefes unstrittig ist, durften Schröder und seine Anwältin davon ausgehen, daß sie den Prozeß gewinnen würden. Schröder hatte die Tatsache, daß dennoch gegen ihn geklagt wurde, als versuchte Einschüchterung durch einzelne PDS-Mitglieder gewertet.  

Das Berliner Landgericht allerdings ließ den Journalisten am vergangenen Dienstag glatt im Regen stehen. Gelegenheit, den Wahrheitsgehalt seiner Darstellung zu belegen, hatte Schröder nicht. Das Gericht entschied sich für einen kurzen Prozeß und ließ eine Beweisaufnahme erst gar nicht zu. Schröder, der die Verfahrenskosten zu tragen hat, wurde die Behauptung untersagt, das göttliche PDS-Lektorat habe die Geschicke von Benedicts Buch bestimmt.  

Ni Marx ni Smith  

Posthum festgestellt - Fran ç ois Mitterrand hat die großen Klassiker der Wirtschaft nicht gelesen, sondern immer nur Romane und philosophische Essays. Das habe seinen Charakter verdorben: "Er faßte die Beziehungen zwischen Menschen nur in Form von List und Gewalt auf."  

Mitgeteilt hat dies Michel Rocard, einstiger Rivale Mitterrands in der Parti Socialiste. "Zwei oder drei Male", schreibt Rocard in einem Aufsatz, der Ende letzter Woche in der Zeitschrift für öffentliches Recht Revue du droit public erschien, "ist es vorgekommen, daß er mich warten ließ, damit ich ein bißchen seine Bibliothek betrachte. Sie war enorm, was Literatur betraf, auch historische sowie juristische Themen. Aber es gab kein einziges ökonomisches oder gesellschaftswissenschaftliches Buch."  
 
 

Gender-Trouble  

Andere Redaktionen hatten sie längst abgeschafft, als sich die Wochenzeitung Freitag eine Frauenseite zulegte, auf der es dann zumeist nicht nur munterer, sondern auch viel internationaler zuging als auf den restlichen Seiten. Im Jahr 1995 allerdings muß irgendjemand einen bleischweren Koffer voller Frauenbuchrezensionen beim Freitag abgestellt haben, jedenfalls druckte das Blatt auf seiner Frauenseite plötzlich tonnenweise Frauenliteraturkritiken weg, egal, was sonst noch so passierte. Neuerdings hat man den Eindruck, daß sich die Rezensionsvorräte allmählich erschöpft haben. Auch fehlen seit einiger Zeit die Frauenseite, nicht aber die Frauen, die jetzt im neuen Mega-Ressort "Inland, Frauen, Ökologie, Wirtschaft" bestens untergekommen sind. Welche Gattungen aber hat eigentlich das Ressort "Kultur, Literatur, Geschlechter" noch ins Auge gefaßt?  

Dohnanyi walsert weiter  

Klaus von Dohnanyi will seine Verteidigung Martin Walsers vor dem Zentralrat der Juden in Deutschland ausführen. Ignatz Bubis sagte gegenüber der Berliner Zeitung, er werde dem Wunsch Dohnanyis nachkommen und sich dafür einsetzen, daß die Aussprache vor dem Zentralrat zustande kommt, fügte aber hinzu: "Er wird sich wundern."  

In einem in der FAZ veröffentlichten Brief an Bubis und den Zentralrat der Juden hatte Dohnanyi gefordert, den von Bubis gegen Walser erhobenen Vorwurf der "geistigen Brandstiftung" vor dem gesamten Gremium zu diskutieren. In einem ersten, ebenfalls in der FAZ erschienenen Beitrag (Jungle World, Nr. 47/98) hatte Dohnanyi geurteilt: "Walser hat recht. Bubis hat ihn nicht verstanden."  

Schröder lenkt  

Wo war Gerhard Schröder am 11. November? Jedenfalls nicht nicht in Frankreich. Dort ließ er sich bei der Gedenkveranstaltung zum 80. Jahrestag des Ersten Weltkrieges wegen "dringender Terminverpflichtungen" entschuldigen. Statt seine Zeit beim Erbfeind zu vertrödeln, weilte er lieber bei den Siegern. Er hatte an diesem Tag einer drängenden nationalen Verpflichtung in Berlin nachgegeben und nahm an der Verleihung des "Goldenen Lenkrades" von Bild am Sonntag teil. Den Preis erhielt Mercedes-Benz.  

Engpaß  

In Großbritannien herrscht wegen der Fitneß-Welle akuter Mangel an molligen Weihnachtsmännern. Britische Geschäftsleute suchen verzweifelt ältere, dickere Männer, die in der Vorweihnachtszeit überzeugend als Nikoläuse auftreten. "Wir können einfach keine geeigneten Darsteller finden. Alle Bewerber scheinen nur von Salaten zu leben", erklärte ein Sprecher der Agentur Ministry of Fun. Die Männer seien entschieden zu dünn für die Rolle. "Man kann ihnen schließlich kein Kissen umspannen und hoffen, daß die Kinder es nicht merken."  

  •  Die Nachrichten wurden von Landgraf und Runge zusammengestellt 
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